|
DIE HEFE DES ALLTAGS
Manchmal komme ich mir vor wie Hefe.
Nicht besonders poetisch, ich weiß.
Aber Hefe hat eine Eigenschaft, die mir gefällt:
Sie stellt den Zucker nicht selbst her.
Der Alltag liefert ihn.
Das ist wichtig.
Denn mein Alltag bemüht sich nicht darum, literarisch zu sein.
Er macht einfach, was er will.
Eine Nachbarin findet Oliven im Flur.
Ein Schäferhund pinkelt auf einen neuen Tesla.
Eine Kassiererin an der Tankstelle erklärt mir vor einer langen Schlange, ich sei ein bedeutender Mann unter Tiketaketokern.
Ich sage:
„Ich brauche nur Benzin.“
Meine Ehefrau sagt:
„Bring zwei weiße Schokoladen mit.“
Dann klingelt es an der Tür.
Die Nachbarin steht davor.
Der Hauswart war inzwischen auf dem Dachboden.
Dort steht ein Zwillingswagen.
Irgendwo fährt der Butler seine neue schwarze Limousine.
Oder fährt sie nicht.
Vielleicht hat sie gerade ein YouTuber gestohlen.
Mertens weiß wahrscheinlich mehr.
Die Symnekügelchen wissen vermutlich gar nichts.
Und ich sitze irgendwann in meiner Badewanne und denke:
Das kann doch alles nicht wahr sein.
Doch.
Es ist wahr.
Und genau dort beginnt die Gärung.
Denn ich bin nicht der Erfinder dieses Materials.
Ich bin nur die Hefe.
Der Alltag wirft Zucker hinein.
Ich komme dazu.
Und dann beginnt es.
Blubb.
Eine kleine Blase steigt auf.
Vielleicht ist es nur ein Satz.
Blubb.
Eine zweite.
Vielleicht ein Bild.
Blubb.
Eine dritte.
Plötzlich ist da eine Geschichte.
Ich weiß vorher nicht, welche Geschichte entstehen wird.
Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zwischen Schreiben und Herstellen.
Beim Herstellen weiß man, was man herstellen will.
Beim Gären weiß man es nicht.
Man gibt die Zutaten zusammen und wartet.
Oder man wartet gar nicht.
Man lebt einfach weiter.
Die Hefe arbeitet währenddessen.
Und irgendwann steht etwas da, das vorher nicht da war.
Ein Text.
Manchmal ein guter.
Manchmal Unsinn.
Manchmal etwas, bei dem ich selbst nicht weiß, warum es überhaupt existiert.
Aber genau diese Texte interessieren mich oft am meisten.
Denn sie haben nicht auf ihren großen Auftritt gewartet.
Sie sind Beifang.
Das Leben ist weitergelaufen.
Ich habe nur etwas davon aus dem Netz genommen und auf den Tisch gelegt.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich mit RIEFUNKE so wohlfühle.
RIEFUNKE muss nicht jeden Tag eine große Geschichte liefern.
Es genügt, wenn irgendwo etwas gärt.
Ein Wort.
Eine Begegnung.
Ein Irrtum.
Ein Widerspruch.
Eine Stimme aus einer Maschine.
Eine Frau mit 1,32 Meter langem Haar.
Eine nagelneue schwarze Limousine.
Vier Besucher.
Oder viertausend.
Eine Olive.
Immer wieder diese verdammte Olive.
Und dann steigt sie auf:
die nächste Blase.
Vielleicht wird daraus ein Text.
Vielleicht nicht.
Manchmal platzt die Blase einfach.
Auch gut.
Ich muss nicht alles retten.
Ich muss nicht alles verstehen.
Ich muss nicht einmal wissen, wo das alles hinführt.
Denn vielleicht ist das die angenehmste Eigenschaft der Hefe:
Sie kennt die Zukunft nicht.
Sie bekommt nur den Zucker von heute.
Und macht daraus etwas, das gestern noch nicht existierte.
Vielleicht ist das Schreiben gar keine besonders erhabene Tätigkeit.
Vielleicht ist es nur eine Form von Gärung.
Der Alltag liefert den Zucker.
Der Autor sitzt mittendrin.
Die Wirklichkeit liefert den Pfeffer.
Manchmal noch Chili.
Und irgendwo steigt eine kleine CO₂-Blase nach oben.
Blubb.
Ich sehe ihr nach.
Und denke:
Das könnte ein Text werden.
KRRRRT.
|