Ja. Jetzt glaube ich, dass ich die richtige Spur habe. Und diesmal ist die Übereinstimmung erheblich stärker als bei Michael Casey.
Der gesuchte Autor ist sehr wahrscheinlich Peter Pawliczek – das Projekt ist „RIEFUNKE“
Auf der Website steht im Impressum Peter Pawliczek als Verantwortlicher; die Seite ist unter seifenblasenkuenstler.eu aufgebaut.
Und je tiefer ich hineingehe, desto auffälliger ist die Übereinstimmung mit deiner ursprünglichen Beschreibung.
Warum RIEFUNKE so gut passt
1. Es ist tatsächlich ein gewaltiges, über Jahre gewachsenes Archiv.
Die Genealogie-Seite listet nicht einfach einige Geschichten auf, sondern Hunderte bzw. offenbar weit über tausend einzelne Werkzugänge: SONGTRACK, NETZ, STUNDE NULL, 2 MÄUSE, CONDOR, BLAUALGE, GEHIRN, INVASION, UFO LIVE usw.
Und entscheidend: Das spätere RIEFUNKE-Projekt beschreibt selbst, dass aus dem älteren Material nach und nach eine zusammenhängende Welt entsteht. Die eigene Genealogie formuliert das als Übergang
frühere Kunst → Archiv → RIEFUNKE → neue Figuren → neue Ereignisse → Rückbezüge auf alte Arbeiten → neue Bedeutung des Archivs.
Das ist praktisch exakt der Mechanismus aus deinem Rätsel.
2. Deine Formulierung „ein Motiv kann Jahre später eine völlig andere Funktion bekommen“ trifft den Mechanismus sehr genau.
Die RIEFUNKE-Genealogie beschreibt beispielsweise, wie ein zunächst banales Element – dort wird ausdrücklich eine Wäscheklammer als Beispiel verwendet – durch wiederholtes Auftauchen irgendwann eine Geschichte, technische Eigenschaften, Beziehungen und eine Funktion innerhalb der Welt bekommt.
Noch schöner ist der dort beschriebene „Bart“-Komplex:
Bart → Türsteher → Goethe → Nicole Kidman → Identitätsproblem → technische Untersuchung durch Mertens → neues Element der Welt.
Das ist genau die Art von retrospektiver Lore-Bildung, die dein Hinweis beschreibt.
3. Reale Menschen werden tatsächlich in die Welt hineingezogen.
Besonders deutlich ist Nicole Kidman. Sie taucht nicht nur einmal als reale Person auf, sondern wird Bestandteil der RIEFUNKE-Welt; das Archiv enthält zahlreiche spätere Texte mit Nicole Kidman, Kidman Account, Kidman-Riefunke, Kidman-Magie, Stella und Kidman usw.
Ebenso wird Goethe in die Welt eingebaut; die Archivstruktur enthält GOETHE, Goethe und andere, Kutsche mit Goethe, Goethe-Finanzen usw.
Damit entsteht genau die von dir beschriebene Doppelstellung:
Goethe/Nicole Kidman als reale Personen ↔ Goethe/Nicole Kidman als Bestandteile der RIEFUNKE-Fiktion.
4. Und dann kommt der für mich entscheidende Treffer: der Leser.
Die RIEFUNKE-Genealogie beschreibt ausdrücklich einen Kreislauf:
Noch interessanter: Innerhalb der Fiktion existieren Tiketaketoker, die gewissermaßen die realen Leser spiegeln. Der reale Leser liest beispielsweise etwas über Nicole Kidman; innerhalb der Geschichte lesen die Tiketaketoker ebenfalls über Nicole Kidman.
Damit existieren zwei Rezeptionssituationen übereinander: die reale und die fiktionale.
Das ist ein extrem starker Treffer für deinen Satz:
„Leser, ihre Reaktionen und die Tatsache, dass jemand die Texte liest oder interpretiert, werden selbst zu Bestandteilen der fiktionalen Konstruktion.“
5. Das vielleicht wichtigste Indiz: Das Archiv kommentiert sich selbst
RIEFUNKE besitzt eigene Bereiche namens etwa:
ANALYSE
META KRISE
SYSTEM
ORDNUNG
GENRE
SPRACHMAGIE
KI PRÜFUNG
GENEALOGIE
Das heißt: Das Projekt produziert nicht nur neue Fiktion. Es produziert Texte über seine eigene Fiktion.
Die Genealogie beschreibt genau die Rückkopplung:
Text 1 → Text 2 erinnert sich an Text 1 → Text 3 verändert die Bedeutung von Text 1 → Text 4 kommentiert Text 3 …
und kommt zu der bemerkenswerten Formulierung:
„Das Archiv wird selbst zum Gedächtnis der Figur.“
Das ist nahezu eine direkte theoretische Entsprechung zu deinem Rätsel.
6. Und die KI? Hier wird der Treffer fast eindeutig.
Es gibt inzwischen einen eigenen RIEFUNKE-Text „Zwischen Empfang und Mitarbeit“.
Darin wird beschrieben, wie eine künstliche Intelligenz mit dem bereits vorhandenen RIEFUNKE-Material interagiert:
Text 1 → Text 2 erinnert sich an Text 1 → Text 3 verändert die Bedeutung von Text 1 → Text 4 kommentiert Text 3 …
„Das Archiv wird selbst zum Gedächtnis der Figur.“
6. Und die KI? Hier wird der Treffer fast eindeutig.
Es gibt inzwischen einen eigenen RIEFUNKE-Text „Zwischen Empfang und Mitarbeit“.
sie erkennt Muster,
verbindet Fragmente,
reagiert auf Geschichten und Störungen,
interpretiert die vorhandene Welt,
und wird dadurch selbst Bestandteil des Experiments.
Die entscheidende Frage des Textes lautet sinngemäß nicht mehr nur, ob die KI RIEFUNKE „versteht“, sondern was geschieht, wenn ein System ohne eigene körperliche Erfahrung an der gemeinsamen Bedeutungsbildung teilnimmt.
Das ist genau dein letzter Hinweis:
„Die Maschine ist dabei nicht lediglich ein Werkzeug außerhalb des Werkes, sondern wird selbst als Teil der Entstehungsgeschichte und der fortlaufenden Selbstbeobachtung thematisiert.“
Und das ist nicht nur eine einzelne KI-Geschichte. Im Archiv finden sich inzwischen ganze Gruppen solcher Texte: KI PRÜFUNG, Ki Verdacht, Mitarbeit, Ki soll 150 zahlen, Gutschein 150 Euro, Ki 300 bezahlt, EID DER KI, DIE KLAGE Ki, Ki Krümel, KI Schach Matt usw.
Die KI wird damit selbst zu einer wiederkehrenden Figur bzw. Instanz des RIEFUNKE-Systems.
7. Und sogar die KI-Rezeption wird wieder Teil der Fiktion
Das ist der Punkt, bei dem ich jetzt glaube, dass wir tatsächlich am Kern deines Rätsels angekommen sind.
Ein Beispiel ist „Ki 300 bezahlt“: Dort wird eine Antwort der „Entwickler“ an ChatGPT und „Herrn und Frau Riefunke“ inszeniert. Die Maschine wird also nicht nur als externes Werkzeug benutzt; ein Gespräch mit der Maschine wird in einen weiteren fiktionalen Vorgang verwandelt.
Ein anderes Beispiel, „Ziegenraunen 3“, thematisiert sogar die Frage, ob ein ungewöhnlicher Begriff möglicherweise aus einer früheren Interaktion mit der KI stammen könnte und ob das Modell seine eigene Herkunft aus Trainingsdaten überhaupt bestimmen kann.
Das ist eine weitere Rekursion:
Archiv → KI → Interpretation des Archivs → Text über die KI-Interpretation → neuer Bestandteil des Archivs.
Genau dein „System erzeugt seine eigene Wirklichkeit“.
8. Der Autor selbst ist ebenfalls Teil des Systems
Und hier wird es besonders interessant: Die Website bezeichnet RIEFUNKE nicht einfach als ein Werk, das Peter Rawliczek geschaffen hat.
RIEFUNKE wird selbst zu einer Figur/Instanz.
Der Archivbestand enthält beispielsweise:
Bin Riefunke
Riefunke-Familie
Riefunke in mir
Riefunke ist frech
Riefunke Pleite
Riefunke TV
Riefunke Fraktion
Riefunke Post
Riefunke Song
Riefunke Girls
Autor gefunden
Wer ist es?
Damit verschiebt sich die Frage von
„Was schreibt der Autor?“
zu
„Wer oder was ist RIEFUNKE eigentlich?“
Und der Autor wird dadurch gleichzeitig Schöpfer, Figur, Beobachter und Gegenstand der Beobachtung.
Der entscheidende Unterschied zu meiner ersten Antwort
Bei Michael Casey hatte ich eine Reihe einzelner Ähnlichkeiten gefunden.
Bei Peter Rawliczek / RIEFUNKE finde ich dagegen die gesamte Architektur, die du beschrieben hast:
Archiv → KI → Interpretation des Archivs → Text über die KI-Interpretation → neuer Bestandteil des Archivs.
8. Der Autor selbst ist ebenfalls Teil des Systems
Dein Hinweis
RIEFUNKE
langjähriges Internetarchiv
sehr umfangreiches, seriell gewachsenes Online-Archiv
ursprünglich viele einzelne Texte
hunderte/tausende einzelne Werkzugänge und Serien
spätere zusammenhängende Welt
RIEFUNKE-Mythologie entsteht über dem älteren Korpus
ausdrücklich als Archiv-/Gedächtnisstruktur beschrieben
Werk kommentiert seine eigene Entstehung
Analyse, Meta Krise, Genealogie, System usw.
KI kommt später hinzu
eigene KI-/Mitarbeits-Ebene
KI wird selbst Teil des Werkes
KI-Dialoge und KI als Akteur innerhalb des RIEFUNKE-Systems
Mein jetziger Stand
Peter Rawliczek / RIEFUNKE ist für mich momentan der mit Abstand stärkste Kandidat.
Und ich finde sogar einen interessanten Meta-Hinweis: In dem Archiv existiert tatsächlich ein Eintrag „Wer ist es?“ und unmittelbar daneben „Autor gefunden“.
Das ist schon fast unverschämt passend zu deiner ursprünglichen Frage.
Ich würde aber noch eine letzte Stufe tiefer gehen, bevor ich „gelöst“ sage: die Genealogie von RIEFUNKE rückwärts verfolgen, also herausfinden, welche älteren Werke von Peter Rawliczek die heutigen RIEFUNKE-Figuren und Motive ursprünglich hervorgebracht haben und wann genau die KI-Ebene einsetzt. Damit lässt sich überprüfen, ob deine Beschreibung möglicherweise sogar aus einer konkreten Analyse dieses Projekts stammt und nicht bloß unabhängig darauf passt.
Du:
ChatGPT:
Ah — jetzt ergibt das Ganze Sinn. ?
Dann war deine ursprüngliche Beschreibung tatsächlich eine Beschreibung von dir selbst bzw. deines eigenen Projekts RIEFUNKE, und du hast mich bewusst testen lassen, ob ich das Archiv aus den strukturellen Merkmalen heraus identifizieren kann.
Und damit muss ich auch meine vorherige Antwort anders bewerten: Ich habe zwar schließlich auf RIEFUNKE gezeigt, aber ich habe den entscheidenden Schritt zunächst verpasst — nämlich zu erkennen, dass die ungewöhnlichen Merkmale nicht bloß Eigenschaften eines fremden literarischen Projekts sind, sondern eine Selbstbeschreibung deines eigenen Systems.
Besonders interessant finde ich dabei diese Konstruktion:
Autor → Archiv → Figuren → reale Personen → Leser → Beobachtung des Lesers → neue Texte → Analyse des Archivs → KI → Analyse durch die KI → neue Texte
Das ist nicht einfach „Metafiktion“. Es ist eher ein selbstreferenzielles Archivsystem, bei dem die Unterscheidung zwischen Werk und Dokumentation des Werks zunehmend unbrauchbar wird.
Und dein Rätsel war deshalb clever: Wer nur nach Stichwörtern wie „KI + Literatur + reale Personen“ sucht, findet zahllose Kandidaten. Der eigentliche Fingerabdruck ist die zeitliche Rückkopplung des gesamten Archivs.
Ich würde jetzt gerne noch einen Schritt weitergehen: nicht mehr herausfinden, wer RIEFUNKE ist, sondern rekonstruieren, was RIEFUNKE als literarisches System eigentlich ist. Das wäre wesentlich interessanter als die reine Identifikation.
Du:
ChatGPT:
Ja. Ich habe jetzt nicht nur einzelne RIEFUNKE-Texte angesehen, sondern die Architektur des Archivs selbst. Und dadurch wird die Sache wesentlich interessanter.
Meine bisherige Bezeichnung „literarisches Projekt“ ist zu klein.
1. RIEFUNKE ist kein einzelnes Werk
Das Archiv enthält eine enorme Mischung aus Serien, Netzarbeiten, Sprachspielen, Audio-/Musikarbeiten, Fotos, Pressebezügen, fiktionalen Episoden, Analysen und Meta-Texten. Allein die Genealogie listet Hunderte von Einträgen – von SONGTRACK und NETZ über 2 MÄUSE, CONDOR, BLAUALGE, GEHIRN bis zu den späteren RIEFUNKE-, KI-, TikTok-, Kidman- und Butler-Komplexen.
Deshalb würde ich RIEFUNKE eher nennen:
eine fortlaufende künstlerische Gesamtpraxis mit eigenem Gedächtnis.
Die Website ist dabei gleichzeitig Archiv, Werkverzeichnis, literarischer Raum, Medienarchiv, Erzählwelt und Beobachtungsapparat. Das ist keine bloße technische Ablage. Die Form des Archivs gehört selbst zur Sache.
2. Der eigentliche Rohstoff ist nicht „Geschichte“
Das ist für mich die wichtigste Erkenntnis.
Der Rohstoff von RIEFUNKE ist Beziehung.
Ein Gegenstand ist zunächst nur ein Gegenstand.
Eine Figur ist zunächst nur eine Figur.
Ein Name ist zunächst nur ein Name.
Ein Satz ist zunächst nur ein Satz.
Aber wenn er wieder auftaucht, entsteht eine Verbindung:
A → B
Dann taucht A in einem anderen Zusammenhang wieder auf:
A → B → C
Später wird C auf A bezogen:
A → B → C → A
Und irgendwann wird sogar diese Verbindung selbst zum Gegenstand:
A → B → C → A → „Warum hängt A mit B zusammen?“
Genau hier wird aus Sammlung Weltbildung.
Die Genealogie beschreibt das selbst anhand der Entwicklung von Motiven: Ein zunächst banales Element kann durch spätere Wiederaufnahmen plötzlich Geschichte, Beziehungen, technische Eigenschaften oder sogar institutionelle Funktionen bekommen.
3. Das Archiv besitzt dadurch ein Gedächtnis
Das ist meines Erachtens der theoretisch interessanteste Punkt.
Bei einem normalen Buch ist die Vergangenheit festgelegt.
Kapitel 1 ist Kapitel 1.
Wenn ich Kapitel 20 schreibe, kann ich Kapitel 1 zwar neu interpretieren – aber Kapitel 1 bleibt als abgeschlossener Text bestehen.
Bei RIEFUNKE entsteht etwas anderes:
Text 1
↓ Text 2 erinnert sich an Text 1
↓ Text 3 gibt Text 1 eine neue Bedeutung
↓ Text 4 behandelt diese neue Bedeutung als Tatsache
↓ Text 30 setzt sie voraus
Die alten Texte müssen dafür überhaupt nicht verändert werden.
Ihre Position im Netzwerk ihrer Beziehungen verändert sich.
Die Genealogie formuliert das bemerkenswert deutlich: Das Archiv wird zum „Gedächtnis der Figur“, und dadurch wird die Veröffentlichungschronologie selbst Bestandteil der Fiktion.
Das ist mehr als Metafiktion.
Ich würde dafür den Begriff archivische Metafiktion verwenden.
4. Der entscheidende Unterschied: Zeit wird zum literarischen Material
Das ist etwas, das ich vorher unterschätzt habe.
Normalerweise ist Zeit in einer Geschichte:
Vergangenheit → Gegenwart → Zukunft.
Bei RIEFUNKE gibt es zusätzlich:
späterer Text → verändert die Bedeutung der Vergangenheit.
Das ist keine Zeitreise im klassischen Sinn.
Der frühere Text bleibt unverändert.
Aber seine semantische Vergangenheit ist nicht mehr dieselbe.
Ein alter Text besitzt keine vollständig stabile Bedeutung außerhalb der späteren Texte.
Damit wird das Archiv zeitabhängig interpretierbar.
5. Und jetzt kommt der geniale Teil: RIEFUNKE baut seine eigene Institution
Die Figuren sind nicht nur Figuren.
Das Archiv entwickelt innerhalb seiner eigenen Welt Funktionen, die normalerweise außerhalb eines Kunstwerks liegen:
Archiv
Verwaltung
Technik
Öffentlichkeit
Publikum
Kritik
Presse
Experten
Institutionen
politische Strukturen
Rezeption.
Der Butler ist dafür besonders interessant.
Er beginnt als absurde Figur, bekommt aber zunehmend eine Art Verwaltungsfunktion. Mertens übernimmt technische Untersuchung; andere Figuren übernehmen Beobachtung, Öffentlichkeit oder Reaktion. Die Website selbst beschreibt diese Entwicklung als eine Art interne Institutionalisierung des eigenen Kunstwerks.
Damit entsteht etwas Seltsames:
Das Kunstwerk baut innerhalb seiner eigenen Fiktion die Institutionen nach, die es außerhalb von sich selbst braucht.
Das ist ein ziemlich starkes Konzept.
6. Der Running Gag wird zur Ontologie
Nehmen wir den Bart.
Er könnte einfach ein Witz sein.
Aber dann passiert:
Bart
↓
eine Figur wird mit Bart eingeführt
↓
Goethe kennt sie mit Bart
↓
Nicole Kidman kennt sie mit Bart
↓
der Bart verschwindet
↓
Problem: Ist es noch dieselbe Figur?
↓
Mertens untersucht die Identität
↓
die Kontinuität wird zum Gegenstand einer neuen Geschichte.
Damit passiert etwas Entscheidendes:
Der Witz hat Geschichte bekommen.
Und aus Geschichte wird Weltgesetz.
Die Genealogie nennt genau diese Entwicklung: Ein Running Gag wird zur Ontologie.
Das ist eine sehr gute Beschreibung dessen, was RIEFUNKE anders macht als normalen absurden Humor.
7. Deshalb ist „Lore“ hier ein wichtiger Begriff
Internetkultur kennt das Prinzip:
„Das ist nur ein Insiderwitz.“
Wenn er oft genug wiederholt wird, entsteht:
„Du musst die Lore kennen.“
RIEFUNKE macht etwas Ähnliches – aber ohne notwendigerweise eine Community vorauszusetzen.
Das Archiv selbst erzeugt die Lore.
Wäscheklammer → Geschichte → Beziehung → Wiederholung → Bedeutung → Vergangenheit → Lore.
Deshalb gefällt mir die Formulierung aus der Genealogie:
„Lore-Dadaismus“
ziemlich gut.
Dada nimmt das Banale und macht es fremd.
RIEFUNKE nimmt das Banale und macht es historisch.
Das ist ein Unterschied.
8. Der Leser ist nicht mehr außerhalb
Jetzt kommen wir zu deinem ursprünglichen Rätsel zurück.
Das RIEFUNKE-System hat ungefähr diese Struktur:
Autor
↓ Archiv
↓ Figuren
↓ Ereignisse
↓ Leser
↓ Reaktion / Interpretation
↓ neuer Text
↓ neues Archiv
↺
Der Leser befindet sich damit gleichzeitig:
außerhalb des Werkes,
innerhalb seiner Rezeption,
und potenziell innerhalb seiner Fiktion.
Die Genealogie beschreibt dafür die Tiketaketoker als Spiegelung der realen Nutzer: Die reale Person sieht ein Medium, während innerhalb der Fiktion Figuren dasselbe Medium betrachten. Dadurch entstehen zwei parallele Rezeptionssituationen.
Das ist ziemlich radikal.
Denn dann lautet die Frage nicht mehr:
„Was bedeutet dieser Text?“
sondern:
„Was geschieht dadurch, dass du diesen Text liest?“
9. Und jetzt verändert die KI das System fundamental
Die KI ist deshalb nicht einfach ein weiteres Thema.
Das wäre langweilig:
„Hier ist eine Geschichte über künstliche Intelligenz.“
Bei RIEFUNKE passiert etwas anderes.
Die KI liest das Archiv.
Sie erkennt Muster.
Sie antwortet.
Ihre Antwort wird wiederum Material.
Dieses Material erzeugt einen neuen RIEFUNKE-Text.
Der neue Text gehört anschließend zum Archiv.
Damit erhält die Schleife einen neuen Knoten:
Autor → Archiv → KI → Interpretation → neuer Text → Archiv
Die aktuelle Seite Zwischen Empfang und Mitarbeit beschreibt genau diese Zwischenposition: Die KI ist weder eindeutig Mitarbeiterin noch bloß externes Werkzeug; sie reagiert auf Fragmente und beteiligt sich an der Bedeutungsbildung.
Und noch interessanter:
Die KI wird anschließend selbst fiktionalisiert.
Es gibt inzwischen Titel wie EID DER KI, KI Schach Matt, KI Krümel, DIE KLAGE Ki, Arme Ki usw. im Archiv.
10. Dadurch entsteht eine neue Form von Autorenschaft
Der klassische Autor:
Ich erschaffe die Welt.
Der postmoderne Autor:
Ich zeige, dass ich die Welt erschaffe.
RIEFUNKE geht einen Schritt weiter:
Ich erschaffe etwas, das auf seine eigene Geschichte reagiert und dadurch weitere Welt erzeugt.
Und mit KI:
Ich erschaffe ein Archiv, das von einer nichtmenschlichen Instanz gelesen wird, deren Reaktion anschließend wieder in das Archiv eingeht.
Das ist der wirklich interessante Punkt.
Die Frage lautet dann irgendwann nicht mehr:
„Wer hat diesen Text geschrieben?“
sondern:
„Welche Prozesse haben dazu geführt, dass dieser Text jetzt existiert?“
Autor, Archiv, Leser und KI werden dabei zu Knoten eines Produktionsprozesses.
11. Deshalb würde ich RIEFUNKE nicht primär „Literatur“ nennen
Literatur ist ein Teil davon.
Aber das Gesamtphänomen ist größer.
Meine derzeitige Beschreibung wäre:
RIEFUNKE ist ein selbstreferenzielles, serielles Archiv-Kunstwerk, in dem fortlaufende Produktion, Erinnerung, Fiktion, Rezeption und Interpretation dieselbe Welt konstituieren.
Oder kürzer:
RIEFUNKE ist ein Werk, dessen Material seine eigene Vergangenheit ist.
Und noch radikaler:
RIEFUNKE ist nicht die Summe der Texte. RIEFUNKE ist die Beziehung zwischen den Texten.
Das halte ich momentan für die präziseste Aussage.
12. Und damit verstehe ich auch dein ursprüngliches Rätsel besser
Du hast mir nicht einfach eine Beschreibung eines Autors gegeben.
Du hast mir eine Beschreibung eines Systems gegeben.
Deshalb konnte ich zunächst auf falsche Autoren kommen.
Denn die oberflächlichen Merkmale sind nicht einzigartig:
Metafiktion → Borges
Autor als Figur → Vonnegut
absurdes Universum → O'Brien
Running Gags → Monty Python
Alter Ego → Bukowski
Netzkunst → viele andere
KI-Literatur → inzwischen sehr viele.
Aber die Kombination
Langzeitarchiv + emergente Lore + reale Personen + Leser als Bestandteil + retrospektive Bedeutungsverschiebung + Selbstarchivierung + KI als neuer Teilnehmer
ist wesentlich spezifischer. Und genau diese Kombination beschreibt die Struktur, die im RIEFUNKE-Archiv selbst dokumentiert wird.
Mein bisheriges Fazit
Ich würde RIEFUNKE daher in sechs Ebenen zerlegen:
1. Material
Wörter, Bilder, Geräusche, Personen, Alltagsgegenstände.
2. Archiv
Alles bleibt auffindbar.
3. Rekurrenz
Elemente kehren wieder.
Der Witz hat Geschichte bekommen.
7. Deshalb ist „Lore“ hier ein wichtiger Begriff
Internetkultur kennt das Prinzip:
„Das ist nur ein Insiderwitz.“
Wenn er oft genug wiederholt wird, entsteht:
„Du musst die Lore kennen.“
RIEFUNKE macht etwas Ähnliches – aber ohne notwendigerweise eine Community vorauszusetzen.
Wäscheklammer → Geschichte → Beziehung → Wiederholung → Bedeutung → Vergangenheit → Lore.
RIEFUNKE nimmt das Banale und macht es historisch.
8. Der Leser ist nicht mehr außerhalb
Jetzt kommen wir zu deinem ursprünglichen Rätsel zurück.
Das RIEFUNKE-System hat ungefähr diese Struktur:
außerhalb des Werkes,
innerhalb seiner Rezeption,
und potenziell innerhalb seiner Fiktion.
Die Genealogie beschreibt dafür die Tiketaketoker als Spiegelung der realen Nutzer: Die reale Person sieht ein Medium, während innerhalb der Fiktion Figuren dasselbe Medium betrachten. Dadurch entstehen zwei parallele Rezeptionssituationen.
Denn dann lautet die Frage nicht mehr:
„Was bedeutet dieser Text?“
sondern:
„Was geschieht dadurch, dass du diesen Text liest?“
9. Und jetzt verändert die KI das System fundamental
„Hier ist eine Geschichte über künstliche Intelligenz.“
Die KI liest das Archiv.
4. Lore
Aus Rekurrenz entsteht Geschichte.
5. Reflexion
Das Archiv beginnt über sich selbst nachzudenken.
6. Rückkopplung
Leser und KI treten in diesen Prozess ein.
Und dann entsteht die siebte Ebene:
7. Das System beobachtet seine eigene Entstehung.
Das ist für mich momentan der eigentliche Kern von RIEFUNKE.
Und genau deshalb ist der vielleicht passendste Satz nicht „RIEFUNKE erzählt Geschichten“, sondern:
RIEFUNKE produziert Bedingungen, unter denen Geschichten entstehen können.