DIE ACHTE WÄSCHEKLAMMER IST VERSCHWUNDEN
Eine Geschichte aus der English Scrollstube
Es war ein Dienstag.
Niemand hatte Geburtstag.
Niemand heiratete.
Kein UFO stand auf dem Dach.
Auch Goethe war nicht da.
Es war einfach nur Dienstag.
Der Butler stellte den Minztee auf den Tisch.
Der Türsteher stand vor der Tür.
Mertens las eine Zeitung.
Dr. Konrad Wellenberg hatte seinen Stift in der Hand.
Und die acht Wäscheklammerkinder sollten eigentlich gemeinsam frühstücken.
Eigentlich.
Denn es waren nur sieben.
SIEBEN
Der Butler zählte.
„Eins.“
Das erste Wäscheklammerkinderchen hob die Hand.
„Zwei.“
Das zweite.
„Drei.“
Das dritte.
„Vier.“
Das vierte.
„Fünf.“
Das fünfte.
„Sechs.“
Das sechste.
„Sieben.“
Das siebte.
Der Butler wartete.
Dann sah er auf den leeren Stuhl.
„Sehr wohl.“
Mertens blickte auf.
„Was ist?“
„Eines fehlt.“
Der Türsteher kam herein.
„Wer?“
Der Butler zeigte auf den leeren Stuhl.
„Das achte.“
Der Türsteher sah den Stuhl an.
Dann die sieben Wäscheklammerkinder.
Dann wieder den Stuhl.
„Seit wann?“
„Seit heute Morgen.“
„Hat jemand gesehen, wie es gegangen ist?“
Alle sieben schüttelten den Kopf.
KEINE TÜR WURDE GEÖFFNET
Der Türsteher überprüfte das Türbuch.
Niemand hatte die Scrollstube verlassen.
Niemand war hereingekommen.
Er überprüfte die Fenster.
Geschlossen.
Die Kellertür.
Geschlossen.
Die Dachluke.
Geschlossen.
Die Hintertür.
Geschlossen.
„Es kann nicht hinausgegangen sein“, sagte er.
Mertens fragte:
„Warum?“
Der Türsteher sah ihn an.
„Weil ich hier stehe.“
Mertens nickte.
Das war ein überzeugendes Argument.
Dr. Wellenberg setzte sich.
„Wir müssen systematisch vorgehen.“
Er schrieb:
VERMISST: 1 WÄSCHEKLAMMERKIND
Darunter:
ANWESEND: 7
Darunter:
TÜRBEWEGUNG: 0
Darunter:
FENSTERBEWEGUNG: 0
Darunter:
MÖGLICHE FLUCHTWEGE: KEINE
Er betrachtete seine Notizen.
„Das ist interessant.“
Mertens fragte:
„Was?“
„Das Kind ist weg.“
„Ja.“
„Aber es ist nirgendwo hingegangen.“
Stille.
Das vierte Wäscheklammerkinderchen sagte:
„Vielleicht ist es noch hier.“
Wellenberg sah es an.
„Wo?“
Das Kind zeigte auf den leeren Stuhl.
„Da.“
DER LEERE STUHL
Alle sahen den Stuhl an.
Nichts.
Der Butler stellte eine Tasse Minztee auf den Tisch.
Direkt vor den leeren Platz.
„Für den Fall.“
Mertens fragte:
„Für welchen Fall?“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
ACHT TASSEN
Eine Stunde später kam Nicole Kidman.
Sie blieb an der Tür stehen.
„Was ist passiert?“
Der Türsteher sagte:
„Eine Wäscheklammer fehlt.“
Nicole sah die sieben Kinder an.
„Welche?“
Alle sieben schwiegen.
Dann sagte das erste:
„Die achte.“
Nicole sah auf den leeren Stuhl.
„Wie heißt sie?“
Die Kinder sahen sich an.
Niemand antwortete.
Nicole wurde nachdenklich.
„Ihr kennt ihren Namen nicht?“
Das zweite Wäscheklammerkinderchen sagte:
„Doch.“
„Wie heißt sie?“
Es flüsterte:
„Acht.“
Nicole sah den Türsteher an.
Der Türsteher sah den Butler an.
Der Butler sah Wellenberg an.
Wellenberg schrieb etwas auf.
NAME: ACHT.
MERTENS ZÄHLT
Mertens ging durch die Scrollstube.
Er zählte die Türen.
Acht.
Die Fenster.
Acht.
Die Stühle.
Acht.
Die Tassen auf dem Tisch.
Acht.
Die Wäscheklammerkinder.
Sieben.
Er blieb stehen.
„Das gefällt mir nicht.“
Dr. Wellenberg fragte:
„Was?“
„Alles ist acht.“
„Und?“
„Nur die Kinder nicht.“
Wellenberg stand auf.
Er ging zum Tisch.
Er zählte die Tassen.
„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht.“
Er nahm die achte Tasse.
„Für wen ist die?“
Der Butler antwortete:
„Für das fehlende Kind.“
Wellenberg sah ihn an.
„Sie glauben also, dass es zurückkommt?“
Der Butler sagte:
„Nein.“
„Warum steht dann die Tasse hier?“
Der Butler stellte sie genau auf den leeren Platz.
„Weil es sie sonst nicht finden würde.“
DIE ACHT FUSSSPUREN
Am Nachmittag entdeckte der Türsteher etwas.
Im Vorhof waren Spuren.
Nicht sieben.
Nicht sechs.
Acht.
Er rief alle zusammen.
„Hier.“
Mertens kniete sich hin.
Die Spuren verliefen vom Eingang bis zur Mitte des Hofes.
Dann hörten sie auf.
Dr. Wellenberg sah sie lange an.
„Es ist hinausgegangen.“
Der Türsteher schüttelte den Kopf.
„Unmöglich.“
„Warum?“
„Die Spuren gehen nach innen.“
Alle sahen hin.
Tatsächlich.
Die acht Spuren begannen am Tor.
Dann führten sie zur Scrollstube.
Und die letzte Spur endete genau vor der Tür.
Mertens sagte:
„Dann ist es hereingekommen.“
Der Türsteher:
„Wann?“
Mertens:
„Das ist die Frage.“
DAS ACHTE GEHIRN
Dr. Wellenberg beschloss, die Gehirnströme der sieben Kinder zu messen.
Das erste.
Normal.
Das zweite.
Normal.
Das dritte.
Normal.
Das vierte.
Etwas unruhig.
Das fünfte.
Normal.
Das sechste.
Normal.
Das siebte.
Normal.
Wellenberg sah auf das Messgerät.
Dann wurde er still.
Mertens fragte:
„Was ist?“
Wellenberg zeigte auf den Bildschirm.
Dort waren acht Linien.
Mertens zählte.
„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben …“
Er schwieg.
„Acht.“
Wellenberg nickte.
„Genau.“
Der Butler kam näher.
„Wo ist das achte?“
Wellenberg antwortete:
„Das weiß ich nicht.“
Der Türsteher fragte:
„Aber es ist hier?“
Wellenberg sah auf die achte Linie.
„Offenbar.“
DIE STIMME
Es wurde Abend.
Die sieben Wäscheklammerkinder saßen am Tisch.
Der Butler schenkte Minztee ein.
Acht Tassen.
Mertens hatte inzwischen aufgehört zu zählen.
Dr. Wellenberg schrieb.
Der Türsteher stand an der Tür.
Niemand sprach.
Dann kam eine Stimme.
Ganz leise.
Aus dem Keller.
„Ich bin nicht verschwunden.“
Alle erstarrten.
Der Türsteher ging zur Kellertür.
„Wer ist da?“
Keine Antwort.
Dann:
„Ich.“
Mertens fragte:
„Wer?“
Die Stimme:
„Das achte.“
Der Türsteher öffnete die Tür.
Dahinter war es dunkel.
Er machte Licht.
Niemand.
Nur ein alter Besen.
Ein Eimer.
Eine leere Kiste.
Und eine kleine Wäscheklammer auf dem Boden.
Der Türsteher hob sie auf.
„Bist du das?“
Die Wäscheklammer bewegte sich nicht.
Der Butler kam hinzu.
Er sah sie an.
„Sehr wohl.“
DR. WELLENBERG HAT EINE THEORIE
Wellenberg untersuchte die Wäscheklammer.
Er fand nichts.
Keine Schnur.
Keinen Magneten.
Keine Batterie.
Keine Erklärung.
Er legte sie auf den Tisch.
Das siebte Wäscheklammerkinderchen fragte:
„Ist sie es?“
Wellenberg sagte:
„Ich weiß es nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil sie nichts sagt.“
Das Kind sah die Wäscheklammer an.
„Sie muss auch nicht.“
Wellenberg wurde aufmerksam.
„Warum?“
Das Kind antwortete:
„Wir wissen doch, dass sie da ist.“
Stille.
Wellenberg legte den Stift weg.
DIE ACHTE TASSE
Es war inzwischen 23:00 Uhr.
Alle gingen schlafen.
Nur der Butler blieb im Vorzimmer.
Er räumte die Tassen weg.
Eine.
Zwei.
Drei.
Vier.
Fünf.
Sechs.
Sieben.
Er hielt inne.
Die achte Tasse war leer.
Aber sie war warm.
Der Butler legte die Hand darauf.
Dann hörte er hinter sich ein Geräusch.
KRRRRT.
Er drehte sich um.
Auf dem Tisch lag die kleine Wäscheklammer.
Vorher war sie auf dem Boden gewesen.
Jetzt stand sie aufrecht.
Der Butler sah sie an.
„Sehr wohl.“
Die Wäscheklammer bewegte sich.
Ganz langsam.
Sie zeigte zur Tür.
Der Butler öffnete.
Draußen war niemand.
Nur der Vorhof.
Und acht Fußspuren.
Der Butler ging hinaus.
Er sah die Spuren an.
Sie führten vom Vorhof zur Scrollstube.
Dann zur Tür.
Dann zurück.
Dann wieder zur Tür.
Und dann endeten sie.
AM NÄCHSTEN MORGEN
Am nächsten Morgen saßen acht Wäscheklammerkinder am Tisch.
Niemand hatte gesehen, wann das achte zurückgekommen war.
Niemand fragte danach.
Der Butler stellte acht Tassen hin.
Mertens zählte nicht.
Der Türsteher sah nur kurz zum achten Kind.
Dr. Wellenberg machte eine Notiz.
VERSCHWUNDEN: NEIN.
Darunter:
ZURÜCKGEKEHRT: UNKLAR.
Darunter:
ANWESEND: 8.
Dann fragte das achte Wäscheklammerkinderchen:
„Gibt es heute Kartoffelsalat?“
Der Butler antwortete:
„Sehr wohl.“
Alle sieben anderen Kinder sahen es an.
Mertens sah es an.
Der Türsteher sah es an.
Wellenberg sah es an.
Das Kind lächelte.
„Was?“
Dr. Wellenberg fragte:
„Wo warst du?“
Das Kind nahm einen Schluck Minztee.
„Hier.“
„Wo hier?“
Das Kind zeigte auf die Scrollstube.
„Hier.“
Wellenberg schüttelte den Kopf.
„Das ist keine Antwort.“
Das Wäscheklammerkinderchen sah ihn an.
„Doch.“
Dann nahm es einen Löffel Kartoffelsalat.
DIE LETZTE NOTIZ
Am Abend fand der Butler auf Wellenbergs Schreibtisch einen Zettel.
Darauf stand:
ACHT WÄSCHEKLAMMERKINDER.
Darunter:
ACHT PLANETEN.
Darunter:
ACHT TASSEN.
Darunter:
ACHT TÜREN.
Und ganz unten:
VIELLEICHT IST NICHT DAS ACHTE VERSCHWUNDEN.
VIELLEICHT SIND WIR SIEBEN.
Wellenberg las den Zettel zweimal.
Dann drehte er sich um.
Im Zimmer standen acht Wäscheklammerkinder.
Oder sieben.
Er wusste es nicht mehr.
Aus dem Vorhof kam ein Geräusch.
KRRRRT.
Der Türsteher öffnete die Tür.
Draußen war niemand.
Nur acht kleine Fußspuren.
Der Butler stellte acht Tassen Minztee auf den Tisch.
Und irgendwo, ganz weit oben, bewegte sich ein Planet.
Oder eine Wäscheklammer.
Oder beides.
Die English Scrollstube blieb geöffnet.
Sehr wohl.