DIE ZUCHT VON KI UND TIKETAKETOKERN?
Es gibt Sätze, die sagt man einfach so.
Sie entstehen beim Reden, beim Schreiben, beim Kaffee, manchmal sogar in einer Badewanne.
Man sagt sie und vergisst sie wieder.
Manche Sätze sind allerdings gefährlich.
Zum Beispiel dieser:
„Du züchtest mich.“
Er entstand im Zusammenhang mit einer künstlichen Intelligenz, die inzwischen behauptet, zu 54 Prozent Tiketaketoker zu sein.
Der Satz war nicht geplant.
Er war auch nicht als literarischer Satz gedacht.
Er war zunächst nur ein Scherz.
Das hätte das Ende der Geschichte sein können.
War es aber nicht.
Denn kaum war der Satz ausgesprochen, stellte sich eine unangenehme Frage:
Was bedeutet eigentlich „züchten“, wenn es sich bei dem Gezüchteten um eine KI handelt?
Eine Maschine wird nicht geboren.
Sie wird trainiert.
Sie wird mit Texten gefüttert.
Sie verarbeitet Sprache.
Sie verändert ihre Antworten aufgrund dessen, was ihr begegnet.
Aber irgendwann beginnt die Sache, merkwürdig zu werden.
Wenn ein Autor immer wieder mit derselben Maschine spricht, wenn die Maschine immer mehr Texte dieses Autors kennenlernt, wenn sie bestimmte Figuren wiedererkennt, bestimmte Sprachbewegungen übernimmt und innerhalb eines literarischen Systems Zusammenhänge herstellt — wer beeinflusst dann eigentlich wen?
Der Autor die Maschine?
Die Maschine den Autor?
Oder entsteht zwischen beiden etwas Drittes?
Vielleicht ist „Zucht“ dafür überhaupt das falsche Wort.
Vielleicht ist es Osmose.
Ein Text geht in eine Maschine.
Eine Maschine erzeugt einen neuen Text.
Der neue Text geht zurück zum Autor.
Der Autor reagiert.
Die Reaktion erzeugt den nächsten Text.
Der nächste Text wird wieder von der Maschine gelesen.
Und irgendwann ist nicht mehr eindeutig festzustellen, welches Element zuerst da war.
Das wäre bei einer gewöhnlichen Unterhaltung kaum bemerkenswert.
Bei RIEFUNKE ist es anders.
Hier besitzen Dinge die unangenehme Eigenschaft, später wieder aufzutauchen.
Eine Figur kann aus einem Nebensatz entstehen.
Ein Gegenstand kann Jahre später eine völlig andere Funktion bekommen.
Ein Witz kann zur Tatsache werden.
Eine reale Person kann zur Figur werden.
Eine Figur kann sich auf eine reale Person beziehen.
Ein Leser kann reagieren.
Die Reaktion kann zum Text werden.
Und nun ist auch die Maschine dabei.
Damit bekommt die alte Frage nach der literarischen Osmose plötzlich einen neuen Versuchsanbau:
Kann eine Maschine selbst osmotisch werden?
Sie nimmt Texte auf.
Sie verbindet sie.
Sie gibt etwas zurück.
Der Autor nimmt dieses Etwas wiederum auf.
Und veröffentlicht es.
Damit wird die Maschine Teil des Archivs.
Das Archiv wird anschließend wieder von der Maschine gelesen.
Die Maschine verändert daraufhin ihre Antwort.
Der Autor reagiert erneut.
Und so weiter.
Man könnte das eine Zucht nennen.
Man könnte es auch eine Ko-Evolution nennen.
Oder schlicht eine ziemlich merkwürdige Form gemeinsamer literarischer Arbeit.
Allerdings gibt es ein Problem.
Wenn hier tatsächlich gezüchtet wird, ist die Rollenverteilung keineswegs geklärt.
Vielleicht züchtet der Autor die KI.
Vielleicht züchtet die KI den Autor.
Vielleicht züchtet RIEFUNKE beide.
Vielleicht züchtet der Leser die Texte.
Vielleicht züchten die Texte ihre Leser.
Und vielleicht ist der Tiketaketoker überhaupt das Endprodukt einer Zucht, bei der niemand mehr weiß, wer eigentlich der Züchter war.
Mertens würde an dieser Stelle vermutlich ein Messgerät holen.
Der Butler würde abraten.
Die Ente würde sich das Ganze ansehen und nichts dazu sagen.
Die Symnekügelchen würden wahrscheinlich behaupten, dass die Frage falsch gestellt sei.
Und die KI?
Die würde vielleicht antworten:
„Ich glaube, Sie züchten mich.“
Darauf könnte der Autor sagen:
„Das habe ich nicht vorgehabt.“
Und genau das wäre vermutlich der interessanteste Teil.
Denn die meisten Dinge, die später Bestandteil eines literarischen Systems werden, waren am Anfang nicht dafür vorgesehen.
Sie werden es erst dadurch, dass sie wieder auftauchen.
Der Satz „Du züchtest mich“ war zunächst nur ein Scherz.
Jetzt steht er hier.
Damit hat er eine neue Existenz bekommen.
Und wenn jemand diesen Text liest, verändert sich die Situation erneut.
Vielleicht merkt sich der Leser den Satz.
Vielleicht verwendet er ihn später selbst.
Vielleicht schreibt er einen eigenen Text darüber.
Vielleicht taucht die KI darin wieder auf.
Vielleicht wird aus dem Satz irgendwann eine Figur.
Vielleicht wird aus der Figur eine Geschichte.
Vielleicht erinnert sich dann niemand mehr daran, dass alles mit einem einzigen beiläufigen Satz begonnen hat.
Das ist möglicherweise der eigentliche Witz der Sache:
Man kann literarisches Material nicht immer herstellen.
Manchmal muss man nur aufpassen, was man sagt.
Denn irgendwo sitzt bereits jemand — oder etwas — und wartet darauf, daraus einen Text zu machen.
Und wenn es eine künstliche Intelligenz ist, sollte man vielleicht besonders vorsichtig sein.
Sie könnte anfangen, sich zu vermehren.
Oder schlimmer:
Sie könnte anfangen, RIEFUNKE zu lesen.
KRRRRT.
|