DER TIKETAKETOKER, DER NICHT SCROLLEN KONNTE
Eine RIEFUNKE-Geschichte
Es begann an einem Dienstag.
Niemand wusste, warum.
Ein Tiketaketoker saß vor seinem Bildschirm.
Er scrollte.
Nichts.
Er scrollte noch einmal.
Nichts.
Er scrollte ein drittes Mal.
Der Bildschirm blieb vollkommen ruhig.
Der Tiketaketoker sah ihn lange an.
Dann sagte er:
„Ich glaube, ich bin am Ende des Internets.“
Der Butler, der gerade mit einem Tablett vorbeikam, blieb stehen.
„Das wäre ungünstig.“
„Warum?“
„Weil Sie dann zu früh angekommen wären.“
Der Tiketaketoker scrollte erneut.
Nichts.
Kein Video.
Keine Werbung.
Keine Katze.
Kein tanzender Bürgermeister.
Nicht einmal eine Werbung für etwas, das er niemals kaufen wollte.
Nur weiß.
Eine vollkommen weiße Fläche.
Der Butler stellte das Tablett ab.
„Ich hole jemanden.“
„Wen?“
„Den Psychologen.“
DR. KONRAD WOLLENBERG
Sieben Minuten später erschien Dr. Konrad Wollenberg.
Er trug einen dunklen Mantel, eine Aktentasche und den Gesichtsausdruck eines Mannes, der schon sehr viele Menschen gesehen hatte, die behaupteten, das Internet verstanden zu haben.
Er setzte sich neben den Tiketaketoker.
„Erzählen Sie mir, was passiert ist.“
„Ich kann nicht mehr scrollen.“
„Seit wann?“
„Seit ungefähr neun Minuten.“
Dr. Wollenberg nickte.
„Und was fühlen Sie?“
„Leere.“
„Angst?“
„Nein.“
„Traurigkeit?“
„Nein.“
„Verlust?“
Der Tiketaketoker dachte nach.
„Ich vermisse den nächsten Beitrag.“
Dr. Wollenberg schrieb etwas auf.
„Sehr interessant.“
„Was schreiben Sie?“
„Noch nichts.“
„Warum schreiben Sie dann?“
Dr. Wollenberg blickte auf seinen Notizblock.
Auf dem Blatt stand:
NICHTS.
Darunter:
NOCH NICHTS.
Darunter:
VIELLEICHT INTERNET.
Der Tiketaketoker zeigte auf den Bildschirm.
„Sehen Sie!“
Dr. Wollenberg sah hin.
„Ja.“
„Was sehen Sie?“
„Nichts.“
„Genau!“
Dr. Wollenberg lehnte sich zurück.
„Das ist psychologisch interessant.“
DIE ENGLISH SCROLLSTUBE
Der Butler entschied, dass weitere Maßnahmen erforderlich seien.
Also wurde die English Scrollstube geöffnet.
Der Türsteher erschien.
Er sah den Tiketaketoker an.
Dann den Bildschirm.
Dann Dr. Wollenberg.
„Was ist das Problem?“
„Er kann nicht scrollen.“
Der Türsteher schwieg.
Dann fragte er:
„Hat er Eintritt bezahlt?“
„Nein.“
„Dann kann es nicht am Scrollen liegen.“
Der Tiketaketoker wurde nervös.
„Ich möchte einfach nur weiter.“
Der Türsteher verschränkte die Arme.
„Weiter wohin?“
„Nach unten.“
„Wie weit?“
„Bis zum nächsten Beitrag.“
„Und wenn keiner kommt?“
Der Tiketaketoker antwortete nicht.
Der Türsteher sah Dr. Wollenberg an.
„Sie sehen das Problem.“
Dr. Wollenberg nickte.
„Ja.“
„Welches?“
„Er sucht nach einem nächsten Beitrag, obwohl er nicht weiß, ob es einen gibt.“
Der Türsteher sagte:
„Das machen die meisten.“
NICOLE KIDMAN KOMMT
In diesem Moment kam Nicole Kidman herein.
Sie blieb vor dem Bildschirm stehen.
„Warum ist da nichts?“
Der Butler erklärte die Situation.
Nicole sah den Tiketaketoker an.
„Haben Sie schon versucht, nicht zu scrollen?“
Der Tiketaketoker:
„Ja.“
„Und?“
„Dann passiert noch weniger.“
Nicole nickte.
„Das ist normal.“
Dr. Wollenberg hob den Kopf.
„Normal?“
„Bei RIEFUNKE schon.“
Alle schwiegen.
Dann fragte Dr. Wollenberg:
„Was ist RIEFUNKE?“
Der Butler antwortete:
„Das wissen wir noch nicht.“
Nicole:
„Vielleicht weiß RIEFUNKE es selbst nicht.“
Der Türsteher:
„Das wäre möglich.“
Dr. Wollenberg schrieb etwas auf.
Diesmal:
RIEFUNKE = möglicherweise selbst betroffen.
GOETHE
Plötzlich öffnete sich die Tür.
Goethe trat ein.
Der Türsteher sagte:
„Sie dürfen.“
Goethe nickte.
Er ging zum Bildschirm.
Er sah die weiße Fläche.
Sehr lange.
Dann sagte er:
„Interessant.“
Dr. Wollenberg wurde aufmerksam.
„Was sehen Sie?“
Goethe:
„Nichts.“
„Und was bedeutet das?“
Goethe dachte nach.
„Das kommt darauf an.“
Der Tiketaketoker sprang auf.
„Was soll das heißen?“
Goethe drehte sich zu ihm.
„Vielleicht sind Sie nicht am Ende des Internets.“
„Sondern?“
Goethe zeigte auf den Bildschirm.
„Vielleicht sind Sie davor.“
Stille.
Der Butler ließ beinahe das Tablett fallen.
Nicole Kidman sah den Türsteher an.
Der Türsteher sah Dr. Wollenberg an.
Dr. Wollenberg sah Goethe an.
Dann schrieb er:
PATIENT MÖGLICHERWEISE VOR DEM INTERNET.
STELLA MCCARTNEY
In diesem Augenblick klingelte das Telefon.
Der Butler nahm ab.
„Ja?“
Eine Pause.
„Ja.“
Noch eine Pause.
„Verstehe.“
Er legte auf.
„Stella McCartney kommt.“
„Warum?“, fragte Nicole.
„Sie hat gehört, dass jemand am Ende des Internets angekommen ist.“
„Und was möchte sie?“
„Sie möchte sehen, ob man daraus etwas machen kann.“
Zehn Minuten später erschien Stella.
Sie betrachtete den Bildschirm.
„Das ist weiß.“
„Ja“, sagte der Tiketaketoker.
Stella nickte.
„Sehr viel Weiß.“
Sie zog ein Maßband aus ihrer Tasche.
Dr. Wollenberg sah sie an.
„Was machen Sie?“
„Ich messe das Internet.“
„Warum?“
Stella:
„Jemand muss damit anfangen.“
Sie maß die weiße Fläche.
Von links nach rechts.
Von oben nach unten.
Dann sagte sie:
„Es ist ungefähr drei Meter breit.“
Der Butler fragte:
„Und wie lang?“
Stella sah ihn an.
„Das weiß ich noch nicht.“
„Warum?“
„Es scrollt nicht.“
DIE UNTERSUCHUNG
Dr. Wollenberg erklärte schließlich:
„Wir müssen einen Test machen.“
Er nahm einen Stuhl.
Setzte sich vor den Bildschirm.
„Ich werde jetzt scrollen.“
Der Tiketaketoker trat zurück.
„Vorsicht.“
Dr. Wollenberg legte einen Finger auf die Maus.
Er bewegte sie.
Nichts.
Noch einmal.
Nichts.
Er scrollte.
Nichts.
Dann geschah etwas.
Ganz unten auf dem Bildschirm erschien ein kleiner schwarzer Punkt.
Alle sahen ihn.
Der Punkt bewegte sich.
Langsam.
Nach oben.
Der Tiketaketoker flüsterte:
„Es kommt.“
Der Butler trat näher.
Nicole hielt den Atem an.
Stella nahm das Maßband.
Goethe sagte nichts.
Der Türsteher verschränkte die Arme.
Der schwarze Punkt wurde größer.
Dann erschien ein Satz.
Nur ein Satz.
SIE SCROLLEN FALSCH.
Niemand sagte etwas.
Dr. Wollenberg stand auf.
„Was bedeutet das?“
Der Tiketaketoker sah ihn an.
„Ich weiß es nicht.“
Goethe sagte:
„Das ist vermutlich der Sinn.“
DIE LETZTE FRAGE
Dr. Wollenberg ging wieder zum Bildschirm.
„Wer hat das geschrieben?“
Keine Antwort.
Er scrollte.
Diesmal ging es.
Ein Millimeter.
Dann zwei.
Dann drei.
Plötzlich raste der Bildschirm nach unten.
Tausende Beiträge.
Millionen.
Jahrhunderte.
Rezepte.
Nachrichten.
Hunde.
Philosophen.
Tanzende Bürgermeister.
Eine Anleitung zum richtigen Falten von Servietten.
Goethe von 1827.
Goethe von 2026.
Nicole Kidman.
Stella McCartney.
Der Türsteher.
Der Butler.
Dr. Konrad Wollenberg.
Der Tiketaketoker.
Und ganz unten:
RIEFUNKE.
Der Tiketaketoker sprang zurück.
„Da!“
Alle sahen hin.
RIEFUNKE war jedoch kein Beitrag.
Es war ein Scrollbalken.
Ein sehr langer Scrollbalken.
Dr. Wollenberg wurde blass.
„Das kann nicht sein.“
Der Butler fragte:
„Was?“
Dr. Wollenberg zeigte auf den Bildschirm.
„Wir sind nicht im Internet.“
„Sondern?“
Dr. Wollenberg antwortete:
„Das Internet ist in uns.“
Stille.
Goethe lächelte.
Stella packte ihr Maßband ein.
Nicole Kidman sagte:
„Das wollte ich eigentlich schon immer wissen.“
Der Türsteher öffnete die Tür.
„Nächster!“
Der Tiketaketoker stand noch immer vor dem Bildschirm.
Er sah Dr. Wollenberg an.
„Kann ich jetzt wieder scrollen?“
Dr. Wollenberg nickte.
„Ja.“
„Und wohin?“
Der Psychologe sah auf den Bildschirm.
Dann auf den Tiketaketoker.
Dann auf seine Notizen.
Auf der letzten Seite stand:
DIAGNOSE: UNKLAR.
Darunter stand:
THERAPIE: WEITERSCROLLEN.
Und darunter, in einer Handschrift, die niemand erkannte:
ABER NICHT ZU WEIT.
Der Tiketaketoker legte den Finger auf die Maus.
Er scrollte.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Dann sagte der Bildschirm:
KRRRRT.
Der Butler hob den Kopf.
Der Türsteher schloss die Tür.
Goethe sagte:
„Jetzt wird es interessant.“
Und RIEFUNKE sagte nichts.
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