DAS HEILBAD DER ENGLISH SCROLLSTUBE
Eine Geschichte über Geld, Gesundheit und eine Wassertonne
RIEFUNKE war pleite.
Nicht ein bisschen pleite.
Nicht vorübergehend pleite.
Sondern so pleite, dass der Butler am Dienstagmorgen die vier Webseitenbesucher des gesamten Monats persönlich begrüßte.
„Sehr wohl“, sagte er.
Der erste Besucher blieb zwölf Sekunden.
Der zweite acht.
Der dritte hatte sich verklickt.
Der vierte war der Autor selbst.
Danach war die English Scrollstube wieder leer.
RIEFUNKE saß am Tisch.
Vor ihm lag eine Rechnung.
Der Butler stand daneben.
Mertens sagte:
„Wir brauchen eine Einnahmequelle.“
RIEFUNKE nickte.
„Eine große.“
Der Butler nickte ebenfalls.
„Sehr große.“
DIE IDEE
Dr. Konrad Wellenberg kam herein.
Er hatte einen Notizblock.
„Ich habe eine Idee.“
RIEFUNKE sah auf.
„Was?“
„Ein Heilbad.“
Stille.
Der Butler lächelte.
Zum ersten Mal seit drei Wochen.
„Sehr wohl.“
Mertens fragte:
„Für wen?“
Wellenberg antwortete:
„Für extrem reiche Persönlichkeiten.“
RIEFUNKE stand auf.
„Warum extrem reich?“
„Weil normale Menschen fragen, was es kostet.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
„Und die extrem Reichen?“
Wellenberg:
„Sie fragen, ob es privat ist.“
Der Butler lächelte noch breiter.
DAS WASSER
Am nächsten Morgen wurde die Wassertonne hinter der English Scrollstube untersucht.
Sie war voll.
Regenwasser.
Der Butler nahm den Deckel ab.
Er sah hinein.
„Sehr wohl.“
Mertens fragte:
„Ist das das Heilwasser?“
Der Butler sagte:
„Noch nicht.“
„Was muss man tun?“
„Es muss Heilwasser werden.“
Dr. Wellenberg schrieb:
PHASE 1: WASSERTONNE
Darunter:
PHASE 2: HEILBAD
Darunter:
PHASE 3: REICHE KUNDEN
Ein Wäscheklammerkinderchen sah in die Tonne.
„Da schwimmt ein Blatt.“
Wellenberg sagte:
„Das ist Natur.“
Das Kind:
„Und die Schnecke?“
„Auch.“
DAS MARKETING
Das Problem war die Werbung.
Man konnte schlecht schreiben:
BADEN SIE IN REGENWASSER AUS UNSERER TONNE.
Der Butler strich den Satz.
Dann schrieb er:
EXKLUSIVES HYDROTHERAPEUTISCHES QUELLERLEBNIS.
RIEFUNKE sah ihn an.
„Das klingt teuer.“
„Sehr wohl.“
„Was kostet es?“
Der Butler nannte eine Summe.
Mertens verschluckte sich.
„Für einmal Baden?“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
Wellenberg nickte.
„Perfekt.“
DAS HEILBAD
Das Heilbad wurde im ehemaligen Vorraum der Scrollstube eingerichtet.
Es gab:
ein Becken,
zwei Handtücher,
einen Stuhl,
eine Kerze,
eine Wäscheklammer,
und die Wassertonne.
Das Becken war leer.
Der Butler füllte es.
Mit Wasser aus der Tonne.
„Sehr wohl.“
Der erste Gast kam am Donnerstag.
Er war so reich, dass er nicht wusste, wie viel Geld er besaß.
Er sah das Becken an.
„Ist das echtes Quellwasser?“
Der Butler antwortete:
„Natürlich.“
„Woher kommt die Quelle?“
Der Butler zeigte auf die Tonne.
Der Mann sah sie an.
Dann den Butler.
„Ist das Wasser zertifiziert?“
Dr. Wellenberg trat hinzu.
„Es kommt vom Himmel.“
Der Mann schwieg.
Dann sagte er:
„Das ist überzeugend.“
DIE HEILWIRKUNG
Nach zehn Minuten im Wasser kam der Mann heraus.
„Ich fühle mich anders.“
Wellenberg machte sich eine Notiz.
„Wie?“
„Reicher.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
Der Mann bezahlte.
Bar.
Er gab sogar Trinkgeld.
Der Butler verbeugte sich.
„Vielen Dank.“
Dann ging der Mann.
Mertens sah ihm hinterher.
„Was hat das Wasser geheilt?“
Wellenberg antwortete:
„Seine Bereitschaft, Geld auszugeben.“
DIE PREISLISTE
Am nächsten Tag wurde die Preisliste geändert.
HEILBAD – 50.000 EURO
HEILBAD MIT MINZTEE – 75.000 EURO
HEILBAD MIT MINZTEE UND WÄSCHEKLAMMERKIND – 120.000 EURO
PRIVATE HEILQUELLE – 500.000 EURO
HEILQUELLE MIT BUTLER – 1.000.000 EURO
Der Butler sah die Liste an.
„Sehr wohl.“
RIEFUNKE fragte:
„Was ist bei der Million dabei?“
Der Butler:
„Ich stehe daneben.“
RIEFUNKE nickte.
„Das ist angemessen.“
DIE EXTREM REICHEN KOMMEN
Nach einer Woche waren alle Termine ausgebucht.
Die Gäste kamen mit Limousinen.
Die Limousinen standen vor der Scrollstube.
Der Vorhof war voller Chauffeure.
Die Youtuber mussten weg.
Die Norm-Tiktoker ebenfalls.
Der bärtige Türsteher bekam einen neuen Stuhl.
Der Butler bekam einen neuen Anzug.
Und RIEFUNKE bekam erstmals seit Monaten wieder Geld.
Sehr viel Geld.
Mertens fragte:
„Was machen wir damit?“
RIEFUNKE antwortete:
„Die Website bezahlen.“
Alle schwiegen.
Der Butler wurde blass.
„Sehr wohl.“
DIE HERKUNFT DES WASSERS
Eines Tages kam ein besonders reicher Gast.
Er war international bekannt.
Er fragte:
„Woher stammt Ihr Heilwasser?“
Der Butler führte ihn zur Wassertonne.
Der Mann sah hinein.
„Das ist eine Regentonne.“
Der Butler:
„Sehr wohl.“
„Und daraus kommt das Heilwasser?“
„Ja.“
„Was macht es heilend?“
Der Butler dachte nach.
Dann sagte er:
„Der Preis.“
Der Mann lächelte.
„Ausgezeichnet.“
Er bezahlte zwei Millionen Euro.
DR. WELLENBERG WIRD MISSTRAUISCH
Dr. Wellenberg begann zu rechnen.
Er stellte fest:
Je teurer das Wasser wurde,
desto besser fühlten sich die Gäste.
Je länger sie im Wasser blieben,
desto mehr Geld bezahlten sie.
Und je mehr Geld sie bezahlten,
desto heiliger wurde die Wassertonne.
Wellenberg schrieb:
PSYCHOLOGISCHER ZUSAMMENHANG.
Mertens fragte:
„Ist das Wasser überhaupt heilend?“
Wellenberg sah ihn an.
„Das ist nicht die wichtigste Frage.“
„Welche dann?“
„Ob die Gäste daran glauben.“
Der Butler kam vorbei.
„Sehr wohl.“
DER ERSTE PROBLEMFALL
Am Freitag kam ein Milliardär.
Er setzte sich ins Becken.
Nach fünf Minuten sagte er:
„Ich fühle nichts.“
Der Butler wurde nervös.
Dr. Wellenberg kam.
„Wie viel haben Sie bezahlt?“
„500.000 Euro.“
Wellenberg nickte.
„Dann müssen Sie noch zehn Minuten bleiben.“
„Warum?“
„Damit sich die Heilwirkung entfalten kann.“
Nach zehn Minuten fragte Wellenberg:
„Und jetzt?“
Der Mann sagte:
„Ich fühle mich besser.“
„Sehr gut.“
„Warum?“
Wellenberg zeigte auf die Rechnung.
„Weil Sie wissen, dass Sie 500.000 Euro ausgegeben haben.“
Der Mann dachte nach.
„Das stimmt.“
Dann bestellte er noch eine Behandlung.
DER BUTLER HAT EINE NEUE AUFGABE
Der Butler war inzwischen glücklich.
Er hatte die Aufgabe bekommen, jeden Morgen die Wassertonne zu kontrollieren.
Er öffnete den Deckel.
Sah hinein.
Und sagte:
„Sehr wohl.“
Dann füllte er das Heilbecken.
Mit Regenwasser.
Aus der Tonne.
Mertens fragte:
„Macht dich das glücklich?“
Der Butler antwortete:
„Sehr.“
„Warum?“
„Weil RIEFUNKE wieder Geld hat.“
„Und woher kommt das Geld?“
Der Butler zeigte auf die Tonne.
„Von dort.“
DIE ACHT WÄSCHEKLAMMERKINDER
Die acht Wäscheklammerkinder beschlossen, das Heilwasser ebenfalls zu testen.
Sie bekamen eine kleine Schüssel.
Das erste Kind tauchte den Finger hinein.
„Es ist kalt.“
Das zweite:
„Es ist nass.“
Das dritte:
„Es schmeckt nach Regen.“
Das vierte:
„Da ist ein Blatt.“
Das fünfte:
„Da ist eine Schnecke.“
Das sechste:
„Ich sehe keinen Unterschied.“
Das siebte:
„Ich fühle mich reich.“
Alle sahen es an.
Das achte sagte:
„Das ist das Heilwasser.“
DAS ENDE
Drei Monate später war RIEFUNKE nicht mehr pleite.
Die English Scrollstube war ein international bekanntes Heilbad.
Reiche Persönlichkeiten kamen aus aller Welt.
Sie badeten im Wasser.
Sie tranken Butlers Minztee.
Sie bezahlten.
Und sie gingen gesund wieder nach Hause.
Ob das Wasser sie geheilt hatte, wusste niemand.
Außer dem Butler.
Eines Abends fragte ihn RIEFUNKE:
„Was ist eigentlich in der Wassertonne?“
Der Butler sah ihn an.
„Regenwasser.“
„Mehr nicht?“
„Nein.“
„Und warum zahlen die Leute dafür eine Million Euro?“
Der Butler lächelte.
„Weil es aus der Scrollstubentonne kommt.“
RIEFUNKE nickte.
„Natürlich.“
Draußen begann es zu regnen.
Die Wassertonne füllte sich.
Der Butler ging hinaus.
Er stellte den Deckel ab.
Sah zum Himmel.
Dann zur Tonne.
„Sehr wohl.“
Ein Wäscheklammerkinderchen kam hinter ihm her.
„Was ist Heilwasser?“
Der Butler antwortete:
„Wasser, für das jemand sehr viel Geld bezahlt hat.“
Das Kind dachte nach.
Dann fragte es:
„Und wenn niemand bezahlt?“
Der Butler sah es an.
„Dann ist es Regen.“
KRRRRT.
|