DER STREIT UM DEN PIPIKRAM
Zwei Menschen stritten.
Über Pipikram.
Nicht über Krieg.
Nicht über Geld.
Nicht über Liebe.
Nicht über Politik.
Über Pipikram.
„Das war eindeutig so.“
„Nein.“
„Doch.“
„Ich war dabei.“
„Ich auch.“
Damit war eigentlich schon alles gesagt.
Und trotzdem ging der Streit weiter.
Der eine hatte etwas gesehen.
Der andere hatte etwas anderes gesehen.
Beide waren überzeugt, die Wahrheit zu erzählen.
Keiner log.
Das machte die Sache schwierig.
Denn wenn einer lügt, kann man die Angelegenheit wenigstens theoretisch lösen.
Man findet heraus, wer gelogen hat.
Man stellt die Wahrheit daneben.
Fertig.
Aber was macht man, wenn zwei Menschen ehrlich erzählen, was sie erlebt haben, und ihre Erlebnisse trotzdem nicht zusammenpassen?
Dann steht plötzlich die Wirklichkeit selbst zwischen ihnen.
„Ich habe gesehen, dass …“
„Nein, ich habe gesehen, dass …“
„Das kann nicht sein.“
„Aber genau so war es.“
Vielleicht war es genau so.
Für den einen.
Und anders für den anderen.
Denn jeder Mensch trägt eine eigene kleine Welt in seinem Kopf.
Nicht die Welt selbst.
Eine Übersetzung.
Das Gehirn bekommt Licht, Geräusche, Gerüche, Berührungen, Gesichter, Worte.
Daraus entsteht etwas, das sich für uns wie Wirklichkeit anfühlt.
Wir schauen aus unseren Augen und glauben, wir würden die Welt sehen.
Vielleicht sehen wir aber nur das Modell, das unser Gehirn aus der Welt gemacht hat.
Und dann kommt Pipikram.
Ausgerechnet Pipikram.
Zwei Menschen stehen da und verteidigen ihre Wirklichkeit, als hinge die Existenz des Universums davon ab.
„Ich habe es genau gesehen.“
„Ich auch.“
Und plötzlich wird aus Pipikram Erkenntnistheorie.
Denn vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht:
Wer hat recht?
Vielleicht lautet sie:
Warum können zwei Menschen ehrlich sein und trotzdem zwei verschiedene Wirklichkeiten besitzen?
Niemand muss dabei absichtlich lügen.
Jeder kann ehrlich berichten, was er erlebt hat.
Und trotzdem entstehen verschiedene Wirklichkeiten.
Der eine erinnert sich an den Anfang.
Der andere an das Ende.
Der eine achtet auf das Gesicht.
Der andere auf die Bewegung.
Der eine hat Angst.
Der andere ist entspannt.
Der eine kennt die Vorgeschichte.
Der andere nicht.
Schon verändert sich das Bild.
Die Außenwelt bleibt dabei vielleicht vollkommen unbeeindruckt.
Der Pipikram liegt irgendwo herum und weiß nichts davon, dass gerade zwei Menschen seinetwegen an der Wirklichkeit zweifeln.
Vielleicht ist das sogar das Komische daran.
Wir Menschen streiten manchmal über Dinge, die außerhalb unseres Kopfes überhaupt keinen Streit erkennen lassen.
Der Gegenstand liegt da.
Das Ereignis ist vorbei.
Aber in zwei Köpfen leben zwei Versionen davon weiter.
Und beide fühlen sich wahr an.
Vielleicht ist der Mensch deshalb weniger ein Fenster zur Außenwelt als ein lebender Übersetzer.
Wir übersetzen ständig.
Die Welt hinein in unsere Wahrnehmung.
Unsere Wahrnehmung hinein in Erinnerung.
Die Erinnerung hinein in Sprache.
Und die Sprache wieder zurück in die Köpfe anderer Menschen.
Dabei geht etwas verloren.
Etwas kommt hinzu.
Etwas wird verschoben.
Etwas bekommt plötzlich eine Bedeutung, die es vorher gar nicht hatte.
Und manchmal entsteht daraus ein Streit über Pipikram.
Dann stehen zwei Menschen voreinander und sagen:
„So war es.“
„Nein. So war es.“
Und vielleicht wäre die klügste Antwort:
„Ja.“
Nicht weil beide Versionen gleichzeitig physikalisch wahr sein müssen.
Sondern weil beide Menschen tatsächlich erlebt haben, was sie erzählen.
Ihre Wirklichkeiten sind verschieden.
Ihre Ehrlichkeit muss es nicht sein.
Vielleicht beginnt genau dort ein wenig Demut.
Nicht bei den großen Fragen.
Sondern beim Pipikram.
Denn wenn wir schon bei Pipikram erkennen, dass unser Gegenüber eine andere Wirklichkeit erlebt haben kann als wir, dann wird die Welt plötzlich ein wenig größer.
Und der Streit ein wenig kleiner.
Der Pipikram bleibt Pipikram.
Aber zwei Menschen haben für einen Augenblick verstanden, dass zwischen ihnen keine Lüge stehen muss.
Es reicht,
dass zwei Übersetzer
denselben Satz
verschieden übersetzt haben.
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