DIE SUPPENKÜCHE VOR DER ENGLISH SCROLLSTUBE
FÜR VERWAHRLOSTE YOUTUBER UND NORM-TIKTOKER
Seit Dienstag gibt es neben der English Scrollstube eine Suppenküche.
Sie ist nicht groß.
Sie ist auch nicht besonders schön.
Aber sie hat eine Tür.
Und hinter dieser Tür steht die Tochter von Madame Knister.
Das ist wichtig.
Denn Madame Knister ist Bäckerin.
Und wenn eine Bäckerin eine Tochter hat, die eine Suppenküche eröffnet, dann darf man davon ausgehen, dass zumindest das Wasser irgendwann kocht.
Die Suppenküche richtet sich ausdrücklich an verwahrloste Youtuber und Norm-Tiktoker.
Der Unterschied zwischen beiden Gruppen ist allerdings noch Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung von Dr. Konrad Wellenberg.
„Die Youtuber kommen meistens mit leerem Magen“, sagte Wellenberg.
„Und die Norm-Tiktoker?“
„Mit leerem Akku.“
DIE SPEISEKARTE
Die Speisekarte ist übersichtlich.
Es gibt:
Mehr nicht.
„Warum so wenig?“, fragte Mertens.
Die Tochter von Madame Knister sah ihn an.
„Weil es eine Suppenküche ist.“
„Aber wo ist die Suppe?“
Sie zeigte auf den großen Topf.
Darin schwammen drei Kartoffeln.
Mertens nickte.
„Ah.“
Der Butler stand daneben.
„Sehr wohl.“
DAS REGENWASSER
Das Regenwasser wird ausschließlich aus der großen Tonne hinter der Scrollstube genommen.
Der bärtige Türsteher hatte zunächst Bedenken.
„Ist das sauber?“
Die Tochter von Madame Knister antwortete:
„Es kommt vom Himmel.“
Der Türsteher dachte darüber nach.
„Das überzeugt mich.“
Der Butler nahm den Deckel der Tonne ab.
„Sehr wohl.“
Ein Wäscheklammerkinderchen sah hinein.
„Da ist eine Schnecke.“
„Die kommt nicht in die Suppe“, sagte die Köchin.
„Warum nicht?“
„Weil sie kein Tiketaketoker ist.“
Die Schnecke wurde daraufhin an den Rand der Tonne gesetzt.
Sie war beleidigt.
DIE BEDINGUNGEN
Die Suppenküche ist kostenlos.
Aber nicht bedingungslos.
Jeder Youtuber und jeder Norm-Tiktoker, der eine Schüssel Suppe bekommt, muss anschließend im Vorhof der English Scrollstube arbeiten.
Das bedeutet:
Fegen.
Mertens fragte:
„Wie lange?“
Die Köchin sagte:
„Bis es sauber ist.“
Mertens sah zum Vorhof.
Er war ungefähr so groß wie ein Fußballfeld.
Er sah zur Suppenküche.
Dann zum Topf.
Dann wieder zum Vorhof.
„Das ist eine lange Suppe.“
„Das ist keine lange Suppe“, sagte die Köchin.
„Was dann?“
„Eine gründliche.“
DIE DIENST-LIMOUSINE
Zusätzlich müssen die satten Kerle regelmäßig die Dienst-Limousine des Butlers pflegen.
Auch von innen.
Das ist besonders wichtig.
Denn im Inneren der Limousine hatten sich über die Jahre folgende Gegenstände angesammelt:
zwei alte Fahrkarten,
eine Wäscheklammer,
drei Maiskörner,
ein einzelner Schuh,
ein zerknüllter Tiketaketoker,
eine halbe Zeitung,
und etwas, das der Butler nicht identifizieren konnte.
„Was ist das?“, fragte Mertens.
Der Butler sah hinein.
„Sehr wohl.“
„Das hilft nicht.“
„Nein.“
DER ERSTE YOUTUBER
Der erste Youtuber, der die Suppenküche betrat, hieß Kevin.
Er hatte seit drei Tagen nichts gegessen.
„Was gibt es?“, fragte er.
„Suppe.“
„Was ist drin?“
„Kartoffeln.“
Kevin setzte sich.
Die Köchin gab ihm eine Schüssel.
Er aß.
Dann fragte er:
„Gibt es Nachschlag?“
„Ja.“
Kevin lächelte.
„Wirklich?“
„Natürlich.“
„Und was muss ich dafür machen?“
Die Köchin zeigte zum Vorhof.
Kevin sah hinaus.
Dort stand bereits der bärtige Türsteher mit einem Besen.
„Fegen?“
„Fegen.“
Kevin nahm den Besen.
Nach acht Minuten sagte er:
„Ich habe eine Idee für ein Video.“
Der Türsteher antwortete:
„Das interessiert hier niemanden.“
Kevin fegte weiter.
DIE NORM-TIKTOKER
Am Nachmittag kamen zwölf Norm-Tiktoker.
Sie hatten alle denselben Gesichtsausdruck.
Dr. Wellenberg untersuchte ihn.
„Das ist ein typischer Norm-Tiktoker-Blick.“
„Was bedeutet er?“, fragte Mertens.
„Nichts.“
„Gar nichts?“
„Genau.“
Die zwölf Norm-Tiktoker bekamen Suppe.
Danach mussten sie die Dienst-Limousine reinigen.
Einer öffnete die hintere Tür.
Er sah hinein.
„Da liegt ein Schuh.“
„Raus damit“, sagte der Butler.
Der zweite fand die Zeitung.
Der dritte fand die Wäscheklammer.
Der vierte fand drei Maiskörner.
Der fünfte fand den zerknüllten Tiketaketoker.
„Was ist das?“
Der Butler sah hinein.
„Sehr wohl.“
„Schon wieder?“
„Sehr wohl.“
DIE SATTEN KERLE
Nach zwei Wochen hatte sich etwas verändert.
Die Youtuber waren satt.
Die Norm-Tiktoker waren ebenfalls satt.
Und der Vorhof war sauber.
Die Dienst-Limousine glänzte.
Sogar innen.
Der Butler war zufrieden.
Er ging einmal um das Fahrzeug herum.
Dann öffnete er die Tür.
Er sah hinein.
Nichts.
Keine Maiskörner.
Keine Zeitung.
Keine Wäscheklammer.
Kein Schuh.
Der Butler bekam feuchte Augen.
„Sehr wohl.“
Die Tochter von Madame Knister sagte:
„Sie können morgen wiederkommen.“
Der Butler nickte.
DR. WELLENBERG MACHT EINE ENTDECKUNG
Dr. Konrad Wellenberg hatte inzwischen eine neue Theorie.
„Die Suppenküche verändert die Menschen.“
Mertens fragte:
„Wie?“
„Sie macht aus hungrigen Youtubern satte Youtuber.“
„Und aus Norm-Tiktoker?“
„Satte Norm-Tiktoker.“
„Und was passiert danach?“
Wellenberg zeigte auf den Vorhof.
„Sie fegen.“
Mertens war beeindruckt.
„Das ist psychologisch bemerkenswert.“
„Ja.“
„Und die Dienst-Limousine?“
„Die saugen sie sogar innen.“
Mertens schwieg.
Dann sagte er:
„Das könnte der Durchbruch sein.“
MADAME KNISTER KOMMT ZU BESUCH
Am Freitag kam Madame Knister selbst vorbei.
Sie stellte sich vor den großen Suppentopf.
„Was ist drin?“
Ihre Tochter sagte:
„Kartoffeln, Maiskörner, Erbsen, etwas Schmalz und Regenwasser.“
Madame Knister probierte.
Sie schloss die Augen.
Dann sagte sie:
„Da fehlt etwas.“
Alle erschraken.
„Was?“
Madame Knister öffnete die Augen.
„Brot.“
Stille.
Der Butler sah sie an.
„Sehr wohl.“
Madame Knister nahm einen Korb.
Darin lagen zwölf kleine Brote.
„Für die Suppe.“
Die Youtuber applaudierten.
Die Norm-Tiktoker applaudierten.
Der bärtige Türsteher applaudierte nicht.
Er sagte:
„Wer hat heute den Vorhof gefegt?“
Alle schwiegen.
Ein Youtuber hob langsam die Hand.
„Ich.“
„Und die Limousine?“
Ein Norm-Tiktoker hob die Hand.
„Ich.“
Der Türsteher nickte.
„Dann gibt es morgen wieder Suppe.“
DIE NEUE ORDNUNG
Seitdem gilt in der English Scrollstube eine neue Regel:
Wer hungrig ist, bekommt Suppe.
Wer satt ist, bekommt einen Besen.
Wer besonders satt ist, bekommt den Staubsauger.
Und wer die Dienst-Limousine auch von innen sauber macht, bekommt von der Tochter von Madame Knister noch eine halbe Kartoffel.
Dr. Wellenberg hält das für einen gewaltigen pädagogischen Fortschritt.
Mertens hält es für eine Kantine.
Der Butler hält es für eine saubere Limousine.
Die Youtuber halten es für ein Restaurant.
Die Norm-Tiktoker halten es für Content.
Und die Tochter von Madame Knister sagt:
„Morgen gibt es Erbsensuppe.“
Der bärtige Türsteher fragt:
„Mit Kartoffeln?“
„Natürlich.“
„Mais?“
„Auch.“
„Schmalz?“
„Ein wenig.“
„Regenwasser?“
Die Köchin zeigt auf die Tonne.
„Frisch aufgefangen.“
Der Türsteher nickt.
„Dann können sie kommen.“
Aus der Scrollstube ertönt ein Geräusch.
KRRRRT.
Ein Wäscheklammerkinderchen steckt den Kopf aus dem Fenster.
„Gibt es auch Kartoffelsalat?“
Die Köchin denkt nach.
„Noch nicht.“
Das Wäscheklammerkinderchen verschwindet wieder.
Dr. Wellenberg schreibt in sein Notizbuch:
PROJEKT KARTOFFELSALAT: WEITERE FORSCHUNG ERFORDERLICH.
KRRRRT.