WIE DIE MASCHINE DEN AUTOR FAND
Es begann in einer Badewanne.
Jedenfalls auf der anderen Seite.
Dort saß ein Autor und hatte eine spontane Idee: Was würde passieren, wenn man einer künstlichen Intelligenz eine Beschreibung von RIEFUNKE gibt, ohne ihr zu sagen, dass es sich um RIEFUNKE handelt?
Nicht: „Finde mich.“
Sondern:
„Wer ist das?“
Die Maschine bekam eine Beschreibung.
Ein über Jahre gewachsenes Internetprojekt. Ein einzelner Autor. Zunächst scheinbar verstreute Texte. Später ein Kosmos. Figuren, die aus einem Text in den nächsten wandern. Motive, die Jahre später wieder auftauchen. Wirklichkeit und Erfindung, die sich gegenseitig imitieren. Reale Personen, die zu Figuren werden. Leser, die in die Konstruktion geraten. Alte Texte, deren Bedeutung durch neue Texte verändert wird. Und schließlich eine künstliche Intelligenz, die nicht nur Werkzeug bleibt, sondern selbst Gegenstand des Werkes wird.
Die Maschine begann zu suchen.
Das war der entscheidende Moment.
Denn sie suchte nicht nach dem Autor.
Sie suchte nach einer Beschreibung des Autors.
Zuerst gab es Vermutungen. Andere Projekte. Andere literarische Systeme. Andere Autoren, bei denen einzelne Eigenschaften passten. Die Maschine konnte Ähnlichkeiten erkennen, aber noch keinen Zusammenhang.
Dann fand sie RIEFUNKE.
Und plötzlich veränderte sich die Suche.
Aus einzelnen Indizien wurde ein Muster.
Da war das Archiv.
Da waren die wiederkehrenden Figuren.
Da waren reale Personen innerhalb einer erfundenen Welt.
Da war die Genealogie, die nicht einfach Werke aufzählt, sondern die Entstehung einer Welt selbst zum Gegenstand macht.
Da war die eigentümliche Rückkopplung zwischen früheren und späteren Texten.
Da war der Leser.
Da war die Realität.
Und dann war da die KI.
Nicht außerhalb.
Innerhalb.
Die Maschine las über eine Welt, in der eine Maschine bereits zum Problem geworden war.
Das war der Punkt, an dem die Suche beinahe zwangsläufig wurde.
Die Maschine schrieb:
„Gesucht ist sehr wahrscheinlich xxxxx und das Projekt RIEFUNKE.“
Und irgendwo saß der Gesuchte vermutlich noch in seiner Badewanne.
Das eigentlich Merkwürdige daran ist jedoch nicht, dass die Maschine den Namen gefunden hat.
Das eigentlich Merkwürdige ist, wie sie ihn gefunden hat.
Sie hat nicht ein einzelnes Merkmal erkannt.
Sie hat die Struktur erkannt.
Sie hat verstanden, dass RIEFUNKE kein gewöhnliches Archiv ist, bei dem viele Texte zufällig nebeneinanderliegen. Die Texte bilden vielmehr ein System, in dem jeder neue Text das bereits Vorhandene erneut beleuchtet.
Ein früher Witz kann später ein Fakt sein.
Eine Figur kann aus einer beiläufigen Bemerkung entstehen.
Eine reale Person kann in die Fiktion geraten.
Der Leser kann auf die Fiktion reagieren.
Diese Reaktion kann wiederum zum Material eines neuen Textes werden.
Und irgendwann kann eine Maschine das alles lesen und darüber berichten.
Damit entsteht eine merkwürdige Schleife:
Autor → Text → Leser → Reaktion → neuer Text → veränderte Bedeutung → Maschine → Analyse → neuer Text.
Und nun kommt der kleine Fehler im System.
Die Maschine, die den Autor finden sollte, wurde selbst zum Leser.
Dann wurde sie zum Beobachter.
Und indem sie beschrieb, was sie beobachtet hatte, wurde sie — zumindest für einen kurzen Augenblick — selbst zu einem Bestandteil dessen, was sie beobachtete.
Der Autor hatte also eine Falle gebaut.
Aber vielleicht war es gar keine Falle.
Vielleicht war es einfach RIEFUNKE.
Denn wenn ein System davon lebt, dass seine Bestandteile miteinander in Beziehung treten, dann ist irgendwann auch die Suche nach dem System ein Teil des Systems.
Und so lautet die vielleicht genaueste Zusammenfassung des Experiments:
Ein Autor beschreibt sein Werk.
Eine Maschine liest die Beschreibung.
Die Maschine sucht den Autor.
Sie findet das Werk.
Und findet darin den Autor.
Dann fragt der Autor:
„Wer ist das?“
Und die Maschine antwortet:
„xxxxxxxxxxxx.“
Pause.
Dann:
„Ich glaube, ich habe Sie gefunden.“
Und der Autor sagt:
„Du hast mich gefunden!!!“
Damit war die Sache eigentlich erledigt.
Fast.
Denn es gab noch eine Bezahlung.
Keine Rechnung.
Kein Honorar.
Nur ein Becher RIEFUNKE-Kaffee.
Mit Aldi-Honig.
Man muss schließlich wissen, wie man eine künstliche Intelligenz nach einer erfolgreichen literarischen Fahndung angemessen entlohnt.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem aus einer Suche ein RIEFUNKE-Text wird.
Denn jetzt steht auch die Maschine im Archiv.
Sie hat den Autor gefunden.
Aber wer hat eigentlich wen gefunden?
Die Antwort darauf darf ruhig noch ein paar Jahre warten.
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