RIEFUNKE UND DER FRANZÖSISCHE ROTWEINAUFTRAG
Bach um 19 Uhr, Goethe im Ausnahmezustand und ein Engelchen mit Einkaufszettel
Es war kurz vor 19 Uhr.
In der English Scrollstube herrschte eine ungewöhnliche Geschäftigkeit. Die Wäscheklammerkinderchen hatten erfahren, dass am Abend Johann Sebastian Bach auf YouTube gehört werden sollte.
„Bach!“, rief Wäscheklammerkinderchen Nummer 4.
„Welcher Bach?“, fragte Nummer 7.
„Johann Sebastian!“
„Und wo fließt er?“
„Auf YouTube!“
Daraufhin entstand eine Diskussion darüber, ob ein musikalischer Bach überhaupt fließen könne, wenn niemand den Wasserhahn aufdrehte.
Der Butler beendete die Debatte mit den Worten:
„Sehr wohl.“
Niemand wusste, was er damit meinte, aber alle waren vorläufig zufrieden.
Unterdessen hatte die Ehefrau des großen RIEFUNKE-Universums eine weitere Anordnung erteilt.
Das Text-Adreno-Engelchen sollte zu ALDI fahren und einen feinen französischen Rotwein besorgen.
Das Engelchen nahm seinen Einkaufszettel entgegen.
Darauf stand:
- Französischer Rotwein.
- Keine paranormalen Zwischenfälle.
- Rechtzeitig zurück sein.
- Bach beginnt um 19 Uhr.
- Goethe nicht unbeaufsichtigt lassen.
Bei Punkt 5 hielt das Engelchen inne.
„Warum Goethe?“
Der Butler blickte zur Tür.
„Herr Goethe befindet sich bereits im Gebäude.“
Tatsächlich saß Johann Wolfgang von Goethe in einem Sessel und betrachtete ein leeres Weinglas.
„Ich möchte ausdrücklich feststellen“, sagte Goethe, „dass ich mich keineswegs besoffen fühle.“
„Das hat auch niemand behauptet“, erwiderte Mertens.
„Dann ist ja gut.“
Goethe betrachtete das Glas erneut.
„Allerdings könnte ich mich unter Umständen an frühere Gelegenheiten erinnern, bei denen die Getränkesituation eine gewisse Eigendynamik entwickelte.“
„Sie waren schon einmal besoffen in der Scrollstube“, rief eines der Wäscheklammerkinderchen.
Goethe richtete sich auf.
„Das war eine philosophische Grenzerfahrung!“
„Sie haben versucht, dem Türsteher ein Gedicht vorzulesen.“
„Ein bedeutendes Gedicht!“
„Der Türsteher hat geschlafen.“
„Dann war er eben ein besonders aufmerksamer Zuhörer.“
In diesem Augenblick betrat das Text-Adreno-Engelchen die Szene.
„Ich muss zu ALDI.“
„Weshalb?“, fragte Goethe.
„Französischer Rotwein.“
Goethe erhob sich.
„Dann begleite ich Sie.“
„Auf keinen Fall!“, riefen der Butler und Mertens gleichzeitig.
Goethe setzte sich wieder.
Das Engelchen machte sich auf den Weg.
Die Wäscheklammerkinderchen standen Spalier. Der bärtige Türsteher hob aus seinem Rollstuhl heraus die rechte Hand.
„Gute Reise. Und denken Sie daran: In dieser Einrichtung werden keine ungeprüften Flaschen über die Schwelle getragen.“
„Ich kaufe nur eine Flasche Rotwein!“
„Das sagen sie alle.“
Dann schloss sich die Tür.
Die Uhr zeigte 18:43 Uhr.
Noch siebzehn Minuten bis Bach.
Goethe betrachtete sein leeres Glas.
„Glauben Sie“, fragte er den Butler, „dass Johann Sebastian Bach jemals einen französischen Rotwein probiert hat?“
„Dazu liegen mir keine belastbaren Unterlagen vor.“
„Bedauerlich.“
Um 18:51 Uhr meldete sich das Text-Adreno-Engelchen telefonisch.
Es hatte den Rotwein gefunden.
Allerdings stand direkt daneben eine Flasche, deren Etikett eine gewisse Ähnlichkeit mit einem historischen Dokument aufwies.
Mertens wurde sofort nervös.
„Nehmen Sie diese Flasche nicht!“
„Warum nicht?“
„Sie könnte aus einer anderen Zeitebene stammen!“
„Es ist Rotwein!“
„Das behaupten die Zeitebenen immer zuerst!“
Um 18:57 Uhr kehrte das Engelchen zurück.
Mit einer Flasche französischem Rotwein.
Ohne Goethe.
Goethe war nämlich inzwischen in der Scrollstube geblieben, weil er beschlossen hatte, dass seine Anwesenheit für den musikalischen Abend von kultureller Bedeutung sein könnte.
Um Punkt 19 Uhr begann Bach auf YouTube.
Die Wäscheklammerkinderchen wurden still.
Der Butler schenkte den Rotwein ein, sofern die anwesenden Erwachsenen dies wünschten und durften.
Goethe schloss die Augen.
Der Türsteher lehnte sich in seinem Rollstuhl zurück.
Und das Text-Adreno-Engelchen setzte sich erschöpft auf einen Stuhl.
Für einen einzigen, vollkommen unwahrscheinlichen Augenblick war die English Scrollstube friedlich.
Dann öffnete Goethe ein Auge.
„Sagen Sie“, flüsterte er, „ist noch etwas von dem französischen Rotwein da?“
Der Butler antwortete:
„Sehr wohl.“
Und irgendwo hinter dem Spiegel lachte RIEFUNKE.
|