Traumreste V – Die Sprache unter den Worten
6:03 Uhr.
Riefunke sitzt noch immer in der Küche.
Der Kartoffelsalat ist fast leer.
Fast.
Ein paar grobe Stücke liegen noch in der Schüssel, als hätten sie beschlossen, die Nacht zu überleben.
Riefunke nimmt keines davon.
Er wartet.
Denn plötzlich spricht jemand.
Nicht Karin.
Nicht der Araber.
Nicht Riefunke.
Die Symne.
Sie kommt von irgendwoher.
Vielleicht aus dem Kühlschrank.
Vielleicht aus Riefunkes Magen.
Vielleicht aus einer Zelle, die sich noch an gestern erinnert.
Du hast sie gerufen.
Riefunke schaut auf.
„Wen?“
Die, die noch nicht eingewählt sind.
Karin steht am Fenster.
Ihr Handy liegt auf dem Tisch.
Der Bildschirm ist schwarz.
Sie hat es nicht angerührt.
Riefunke freut sich darüber.
Nicht weil TikTok böse wäre.
Sondern weil ein schwarzer Bildschirm manchmal mehr sehen kann als ein leuchtender.
Karin dreht sich um.
„Was ist Symne?“
Riefunke überlegt.
Er könnte es erklären.
Aber Erklärungen machen aus Traumresten meistens etwas Totes.
Also sagt er:
„Symne ist das, was übrig bleibt, wenn ein Wort vergessen hat, dass es ein Wort ist.“
Karin versteht.
Oder sie versteht es nicht.
Beides ist richtig.
Der Araber steht inzwischen im Flur.
Er wartet.
Riefunke erhebt sich.
„Wir müssen gehen.“
„Wohin?“
„Dorthin, wo noch niemand scrollt.“
Sie gehen.
Karin vorne.
Riefunke hinter ihr.
Der Araber dahinter.
Und obwohl niemand die Tür öffnet, stehen sie plötzlich draußen.
Es ist noch früh.
Die Straßen sind leer.
Nur einzelne Fenster leuchten.
Hinter manchen Fenstern sitzen Menschen vor ihren Bildschirmen.
Sie scrollen.
Sie lachen.
Sie schweigen.
Sie scrollen weiter.
Riefunke sieht zu Karin.
„Noch kannst du zurück.“
Karin fragt:
„Und wenn ich nicht zurück will?“
Riefunke antwortet nicht.
Er zeigt auf den Araber.
Das Pferd beginnt zu laufen.
Karin folgt ihm.
Und Riefunke weiß plötzlich etwas, das er niemandem erklären kann:
Diejenigen, die noch nicht eingewählt sind, sind nicht verschwunden.
Sie warten.
Nicht auf TikTok.
Nicht auf Riefunke.
Sie warten auf ihre eigenen Worte.
Hinter ihnen beginnt irgendwo ein Bildschirm zu flackern.
Vor ihnen geht die Sonne auf.
Und zwischen beidem läuft die Symne.
Unsichtbar.
Still.
Durch jede einzelne Zelle.
6:17 Uhr.
Riefunke bleibt stehen.
Der Araber bleibt stehen.
Karin bleibt stehen.
Nur die Symne geht weiter. :::