Ja. Und mit der von dir geposteten Packungsbeilage wird die Sache tatsächlich wesentlich interessanter. Ich würde RIEFUNKE nicht einfach als absurde Literatur oder als Satire lesen. Man kann darin ein ziemlich konsequentes literarisches Experiment erkennen.
Ich würde es so aufschlüsseln:
1. RIEFUNKE als „parasitäre“ Literatur
Der vielleicht wichtigste Satz deiner Packungsbeilage steht unter „Wechselwirkungen mit anderen Texten“:
„Bei gleichzeitiger Anwendung anderer Texte kann es zu literarischer Osmose kommen.“
Das ist mehr als ein Gag. Es beschreibt ziemlich genau eine Poetik des Eindringens.
Ein gewöhnlicher Roman besitzt eine Grenze:
Roman → Leser
RIEFUNKE behauptet dagegen:
Text → Leser → andere Texte → andere Medien → andere Menschen → zurück in den Text
Damit wird der Leser nicht mehr zum Endpunkt der Literatur. Er wird zu einem Übertragungsmedium.
Und genau hier kommt TikTok ins Spiel.
2. Die English Scrollstube ist deshalb kein gewöhnlicher „Ort“
In der RIEFUNKE-Logik ist die English Scrollstube weniger ein Schauplatz als eine Schnittstelle zwischen Wirklichkeit und Fiktion.
Das ist entscheidend.
Eine klassische literarische Figur bleibt innerhalb des Romans.
Der bärtige Türsteher dagegen kann:
-
im Text auftreten,
-
in einem Kommentar erwähnt werden,
-
zum Meme werden,
-
von einem TikToker gespielt werden,
-
in einem neuen Text auftauchen,
-
von jemandem weitergedichtet werden.
Und sobald das passiert, ist die Frage:
Ist das noch RIEFUNKE – oder ist es schon etwas anderes?
Die Antwort des Systems scheint zu sein:
Egal.
Denn die Packungsbeilage hat die Unterscheidung bereits unterlaufen:
„Möglicherweise gehört die Frage inzwischen niemandem mehr.“
Das ist eine bemerkenswert radikale Vorstellung von Autorschaft.
3. Das erinnert an Intertextualität – geht aber darüber hinaus
In der Literaturwissenschaft gibt es den Begriff Intertextualität.
Vereinfacht:
Jeder Text steht in Beziehung zu anderen Texten.
Ein Roman kann beispielsweise Shakespeare zitieren, eine Zeitung kann einen Roman aufgreifen, ein Meme kann einen Film zitieren usw.
RIEFUNKE macht daraus aber den Gegenstand des eigenen Werks.
Es sagt nicht nur:
„Mein Text enthält andere Texte.“
Sondern:
„Mein Text kann andere Texte infizieren.“
Das ist ein großer Unterschied.
Man könnte deshalb von einer Art parasitären Intertextualität sprechen.
RIEFUNKE versucht nicht, allein zu existieren.
Es versucht, weiterzuwandern.
4. Und jetzt wird TikTok plötzlich zentral
TikTok besitzt eine Eigenschaft, die für dieses literarische Verfahren nahezu ideal ist:
Jeder Inhalt kann sofort zum Ausgangsmaterial für einen neuen Inhalt werden.
Video → Reaktion → Duett → Kommentar → Antwortvideo → Parodie → Remix → neuer Begriff → neues Video.
Die Grenze zwischen Werk und Rezeption wird dadurch extrem dünn.
Bei einem klassischen Roman wäre die Situation:
Autor schreibt → Leser liest.
Bei TikTok kann sie eher so aussehen:
jemand produziert → jemand reagiert → jemand parodiert → jemand übernimmt einen Begriff → jemand baut daraus eine neue Figur → jemand reagiert darauf.
Und genau diese Struktur scheint RIEFUNKE literarisch nachzubauen.
5. Deshalb ist der „Tiketaketoker“ interessant
Ich würde den Tiketaketoker deshalb nicht einfach als „zweite Sorte TikToker“ verstehen.
Er könnte vielmehr eine literarische Mutation des TikTokers sein.
Der Norm-Tiktoker benutzt TikTok als Medium.
Der Tiketaketoker wird selbst Teil einer medialen Fiktion.
Das wäre etwa:
Norm-Tiktoker
„Ich mache ein Video über die English Scrollstube.“
gegen:
Tiketaketoker
„Ich mache ein Video aus der Perspektive eines Bewohners der English Scrollstube.“
Das zweite Verhalten verändert die ontologische Situation.
Der Nutzer konsumiert die Fiktion nicht mehr.
Er bewohnt sie.
6. Das erklärt auch die merkwürdige Selbstreferenzialität
Die RIEFUNKE-Texte enthalten immer wieder Dinge, die scheinbar auf ihre eigene Entstehung reagieren.
Beispielsweise:
-
Figuren wissen von Medien.
-
Medien berichten über Figuren.
-
Figuren kommentieren andere Medien.
-
erfundene Institutionen erhalten Verwaltungsstrukturen.
-
Nebenfiguren bekommen eigene Geschichten.
-
ein scheinbar nebensächlicher Gegenstand wird plötzlich wichtig.
-
Begriffe tauchen wieder auf und erhalten dadurch eine Art Eigenleben.
Das ist Autopoiesis.
Ein System produziert immer weiteres Material aus seinem eigenen Material.
Die English Scrollstube ist dafür ein besonders schönes Beispiel.
Sie braucht keine klassische Handlung.
Sie kann einfach weitere Scrollstuben-Ereignisse erzeugen.
7. Das KRRRRT ist dabei fast wie ein literarisches Virus
Das klingt zunächst albern – aber formal ist es ziemlich interessant.
KRRRRT besitzt keine eindeutige semantische Bedeutung.
Es ist ein Geräusch.
Aber durch die Wiederholung bekommt es Bedeutung.
Zuerst:
KRRRRT
Dann:
„Was war das?“
Dann:
„Das Radio.“
Dann:
„Warum ist das Radio wichtig?“
Dann wird KRRRRT selbst zu einem wiedererkennbaren Bestandteil des Universums.
Das ist Bedeutungsbildung durch Wiederholung.
Und genau so funktionieren viele Memes.
Ein ursprünglich bedeutungsloses oder nebensächliches Zeichen wird durch Wiederholung zum Erkennungszeichen einer Gemeinschaft.
8. Der eigentliche Clou: RIEFUNKE beschreibt seine eigene Verbreitung
Hier finde ich die Packungsbeilage besonders stark.
Sie behauptet:
„Einige Dinge werden einfach geschehen.“
und später:
„Die Wirkung kann trotzdem fortbestehen.“
und schließlich:
„Vielleicht war das Papier nur der Ort, an dem Sie ihn zum ersten Mal bemerkt haben.“
Das ist beinahe eine Theorie der Memetik in literarischer Form.
Das Werk behauptet nicht:
„Ich habe eine Bedeutung.“
Es behauptet:
„Ich verändere, was nach mir passiert.“
Das wäre eine andere Vorstellung von Literatur.
Nicht:
Was bedeutet der Text?
sondern:
Was macht der Text mit den folgenden Texten?
9. Dadurch wird auch die Frage nach dem Autor kompliziert
Normalerweise kann man fragen:
Wer hat diese Figur erfunden?
Bei RIEFUNKE wird diese Frage zunehmend problematisch.
Denn sobald eine Figur übernommen, verändert, zitiert oder parodiert wird:
Wer besitzt sie dann noch?
Das passt unmittelbar zu:
„Möglicherweise gehört die Frage inzwischen niemandem mehr.“
Das ist keine zufällige Formulierung.
Man könnte darin eine Auflösung der individuellen Autorschaft zugunsten einer zirkulierenden Fiktion sehen.
Der Autor setzt einen Keim.
Andere Menschen tragen ihn weiter.
Dann weiß irgendwann niemand mehr genau, welcher Bestandteil von wem stammt.
10. Und genau hier liegt die Bedeutung der „English Scrollstube“
Ich würde sie deshalb als fiktionalen Übergangsraum bezeichnen.
Sie liegt zwischen:
-
Literatur
-
Internet
-
TikTok
-
Kommentar
-
Meme
-
Rollenspiel
-
Alltag
-
Zuschauer
-
Figur
-
Autor.
Und das erklärt auch, warum dein ursprünglicher Gedanke mit den Norm-TikTokern und Tiketaketokern so interessant ist.
Die eigentliche Trennlinie könnte nämlich nicht zwischen zwei Arten von Menschen liegen.
Sondern zwischen zwei Arten des Lesens:
Normales Lesen
Ich sehe einen Text.
RIEFUNKE-Lesen
Ich sehe einen Text – und anschließend taucht etwas davon in meiner eigenen Wirklichkeit auf.
Und dann entsteht:
Text → Leser → TikTok → neuer Text → neuer Leser → neuer TikTok → RIEFUNKE
Die „literarische Osmose“ wäre damit keine bloße Metapher mehr, sondern das eigentliche Funktionsprinzip des Projekts.
11. Das Interessanteste daran: Die Packungsbeilage ist selbst ein Teil des Experiments
Denn eine normale Packungsbeilage erklärt ein Produkt.
Diese hier behauptet, dass das Produkt nicht vollständig erklärbar ist.
Das erzeugt einen schönen Widerspruch:
Sie erklärt die Wirkung eines Wirkstoffs, dessen Wirkung gerade darin besteht, sich der Erklärung zu entziehen.
Damit wird die Packungsbeilage selbst zu einem RIEFUNKE-Text.
Sie ist gleichzeitig:
Gebrauchsanweisung + Fiktion + Theorie + Parodie + Selbstbeschreibung.
Das ist sehr nah an Metafiktion: Ein Werk macht seine eigene Konstruktion zum Gegenstand.
Aber RIEFUNKE geht noch einen Schritt weiter.
Es macht seine eigene Rezeption zum Bestandteil seiner Konstruktion.
12. Und deshalb würde ich eine neue Formel vorschlagen
Nicht:
RIEFUNKE ist Literatur über TikTok.
Sondern:
RIEFUNKE ist Literatur, die versucht, sich wie ein TikTok-Phänomen zu verhalten.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Ein Roman kann über einen Virus schreiben.
Ein RIEFUNKE-Text versucht, sich selbst wie einen Virus zu organisieren.
Ein Text kann über ein Meme schreiben.
RIEFUNKE versucht, selbst memetisch zu funktionieren.
Ein Text kann eine fiktive Welt beschreiben.
RIEFUNKE versucht, die Leser dazu zu bringen, diese Welt außerhalb des Textes weiterzuführen.
Und wenn dann TikToker anfangen, über die English Scrollstube zu sprechen, ist das – unabhängig davon, ob es vom Autor geplant war oder nicht – genau die Art von Osmose, die der Text selbst beschreibt.