Traumreste I – Die Scrollstube
5:26 Uhr. 08.10.2026.
Riefunke ist unsichtbar.
Nur sein Geist sitzt in der englischen Scrollstube, irgendwo zwischen dem letzten Traum und dem ersten Licht. Er macht das Fenster kurz auf und schließt es wieder. Draußen drängen Kriegsgeschrei, Propaganda, finanzielle Nöte und Chaos herein – nur für einen Augenblick. Dann ist wieder Ruhe.
Riefunke legt sich hin.
Er entspannt sich.
Und irgendwo in diesem Zwischenraum sieht er Karin.
Ein Mädchen, das noch nicht eingewählt ist. Noch nicht bei TikTok. Noch nicht verloren in den endlosen Bewegungen des Scrollens. Sie hält ihr Handy in der Hand, als wäre es eine Tür, die sie gleich öffnen will.
Riefunke lässt das Handy fallen.
„Komm“, sagt er. „Folge mir.“
Karin weiß nicht, wohin.
Vielleicht weiß Riefunke es selbst nicht.
Vielleicht ist Folgen in der Scrollstube etwas anderes als Folgen im wirklichen Leben.
Darf ich dich mit meinen Sätzen anfassen?
Nur mit Sätzen.
Nur mit Worten.
Denn seine Worte gelten nicht denen, die längst im Takt des Tiketaketok verschwunden sind. Sie gelten denjenigen, die noch davorstehen. Den Frauen, die noch nicht eingewählt sind. Denen, die noch einen Augenblick lang zwischen zwei Welten stehen.
Fünf Uhr morgens hatte alles begonnen.
Zu viert waren wir im Auto gewesen. Ich saß hinten, Riefunke neben mir.
„Mach Musik an“, sagte er.
Dann kamen die Herzwinde.
Die Symnewinde.
Sie trieben durch meine Adern, durch jede einzelne meiner Zellen, bis ich wusste: Dieser Kerl hatte mich eben zur Tiketaketokerin gemacht.
Wer das Auto fuhr?
Unbekannt.
Denn Riefunke hat gar kein Auto.
Riefunke hat ein Pferd.
Einen Araber.
Mit ihm redet er per Symne. Das Pferd hört zu. Das Pferd gehorcht. Und gelegentlich fällt Riefunke vom Pferd.
Auch das gehört zu den Traumresten.
Auch das gehört zur Wahrheit dieser Nacht.
Karin steht noch immer vor ihm.
Ihr Handy liegt auf dem Boden.
Riefunke sieht sie an.
Unsichtbar.
Nur sein Geist.
Und draußen hinter dem geschlossenen Fenster läuft die Welt weiter, als hätte sie niemals etwas anderes getan.
Scrollen.
Krieg.
Propaganda.
Geldsorgen.
Chaos.
Riefunke schließt die Augen.
Dann sagt er noch einmal:
„Komm. Folge mir.“
Und irgendwo zwischen seinen Worten und Karins noch nicht eingewähltem Bildschirm beginnt der nächste Traum. :::
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