DIE VIER BESUCHER VON RIEFUNKE
Eine statistische Katastrophe von paranormalem Ausmaß
Es war ein Dienstag.
Oder ein Mittwoch.
In der English Scrollstube konnte man das nicht mit letzter Sicherheit sagen, weil der Kalender seit dem Vorfall mit den dreißig Jahren ohnehin nicht mehr besonders vertrauenswürdig war.
Mertens betrat den Raum mit einem Blatt Papier.
„Ich habe die Besucherstatistik!“
Der Butler blickte auf.
„Sehr wohl.“
„RIEFUNKE hat im Monat vier Besucher.“
Stille.
Die Wäscheklammerkinderchen hörten auf, mit den Symnekügelchen zu spielen.
Der bärtige Türsteher richtete sich in seinem Rollstuhl auf.
„Vier?“
„Vier.“
„Im ganzen Monat?“
„Im ganzen Monat.“
Da trat ein Kritiker vor, der sich offenbar schon längere Zeit in der Nähe des Eingangs aufgehalten hatte.
„Und einer davon“, erklärte er mit jener Sicherheit, die Menschen entwickeln, wenn sie etwas besonders Gemeines sagen möchten, „soll eine fette Fliege sein.“
Die Wäscheklammerkinderchen waren empört.
„Eine fette Fliege?“
„Ein Insekt?“
„Mit Internetanschluss?“
Mertens prüfte seine Unterlagen.
„Die Besucherstatistik enthält keine Angaben zur Körperfülle der Besucher.“
„Vielleicht war sie besonders interessiert“, gab der Butler zu bedenken.
Der Kritiker lachte.
Doch genau in diesem Augenblick setzte sich eine große Fliege auf seine Stirn.
Sie rieb ihre Vorderbeine aneinander.
Dann flog sie zum Computer.
Sie öffnete die RIEFUNKE-Webseite.
Sie klickte auf die English Scrollstube.
Sie las den VPN-Proton-Zoff.
Sie las von den dreißig Jahren.
Sie las von Nicole Kidmans unveränderlichem Alter.
Und schließlich las sie die Geschichte vom französischen Rotwein und Goethe.
Die Fliege blieb.
Sie las alles noch einmal.
Dann setzte sie sich auf das Besucherstatistik-Blatt.
Mertens wurde blass.
„Das ist unmöglich.“
Der Kritiker verstummte.
Der Butler trat näher.
„Sehr wohl. Offenbar haben wir einen wiederkehrenden Besucher.“
Die Wäscheklammerkinderchen brachen in Jubel aus.
„SIE KOMMT WIEDER!“
Der bärtige Türsteher hob seine Hand.
„Ab sofort erhält die Fliege einen eigenen Besucherausweis.“
„Und einen Namen!“, rief Wäscheklammerkinderchen Nummer 4.
Mertens dachte nach.
„Wie wäre es mit Lady Summse von Riefunke?“
Der Butler verbeugte sich.
„Ein angemessener Name.“
Der Kritiker sah aus, als hätte er gerade seine eigene Kritik verloren.
Denn nun waren es nicht mehr vier Besucher.
Es waren vier Besucher und eine Fliege, die offensichtlich mehr Zeit mit RIEFUNKE verbrachte als der Kritiker selbst.
Lady Summse breitete ihre Flügel aus.
Sie landete auf dem Schild THE ENGLISH SCROLLSTUBE.
Und dann geschah etwas, das niemand erwartet hatte.
Sie summte.
Dreimal.
Mertens notierte den Vorfall.
Der Butler sagte: „Sehr wohl.“
Und die Wäscheklammerkinderchen beschlossen einstimmig, dass Lady Summse von Riefunke künftig als offizielle Kulturbeauftragte für außergewöhnliche Besucherangelegenheiten tätig sein sollte.
Der Kritiker verließ das Gebäude.
Die Fliege blieb.
Und irgendwo hinter dem Spiegel lachte RIEFUNKE.
Denn vier Besucher im Monat waren vielleicht nicht viel.
Aber wenn einer davon eine fette Fliege war, die freiwillig wiederkam, dann musste die Sache schließlich einen tieferen Sinn haben.
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