Das NICHTS begehrt Einlass
Keiner weiß, ob die acht Wäscheklammerkinderchen den Türsteher nur ärgern wollten. Aber kaum wurde es in England vor der Scrollstube hell, standen sie in einer Reihe vor ihm.
Kindchen Nr. 1 trat einen halben Schritt vor und fragte:
„Du bist die Eintrittsinstanz hier: Darf ein NICHTS die Scrollstube betreten?“
Der Türsteher sah die acht an, als hätte man ihm soeben acht Eintrittskarten für eine Veranstaltung vorgelegt, die gar nicht stattfand.
„Ein NICHTS hat hier nichts zu suchen“, sagte er. „Hier kommen nur wichtige Persönlichkeiten hinein, wie Goethe oder Nicole Kidman.“
Er verschränkte die Arme. Damit war die Sache für ihn erledigt.
Kindchen Nr. 6 hob den Kopf.
„Und wenn NICHTS ein Eigenname ist, was dann?“
Der Türsteher löste die Arme wieder.
„Wie bitte?“
„Wenn NICHTS ein Eigenname ist“, wiederholte Kindchen Nr. 6, „dann ist NICHTS doch jemand. Oder?“
„Nein“, sagte der Türsteher. „Nichts ist niemand.“
„Das ist interessant“, sagte Kindchen Nr. 6. „Dann kennen Sie also niemanden, der Nichts heißt?“
„Ich kenne niemanden, der Nichts heißt.“
„Dann haben Sie ihn ja gerade erwähnt.“
Der Türsteher blickte zum Eingang der Scrollstube. Dort hing ein Schild. Auf dem Schild stand, dass der Zutritt ausschließlich wichtigen Persönlichkeiten gestattet sei.
„Hört zu“, sagte er. „Ich entscheide hier, wer wichtig ist und wer nicht.“
„Dann“, sagte Kindchen Nr. 3, „müssen Sie ja auch entscheiden, ob NICHTS wichtig ist.“
„NICHTS ist nicht wichtig.“
„Das ist bereits eine Bewertung“, stellte Kindchen Nr. 5 fest.
„Und eine ziemlich wichtige“, ergänzte Kindchen Nr. 2.
Der Türsteher ignorierte das.
„Goethe war wichtig“, sagte er. „Nicole Kidman ist wichtig. Ein NICHTS ist dagegen ein NICHTS.“
Kindchen Nr. 6 nickte nachdenklich.
„Goethe hieß Goethe. Nicole Kidman heißt Nicole Kidman. Wenn NICHTS nun NICHTS heißt, dann heißt es doch genauso etwas wie die beiden.“
„Es heißt eben nichts!“
„Das sagen Sie“, erwiderte Kindchen Nr. 6. „Aber Sie sagen es zu jemandem.“
Es entstand eine Pause.
In England wurde es heller.
Der Türsteher hatte in seinem Berufsleben schon Menschen abgewiesen, die zu spät kamen, zu früh erschienen, falsche Schuhe trugen oder behaupteten, auf einer Gästeliste zu stehen, die er noch nie gesehen hatte. Einmal hatte er sogar einen Mann abgewiesen, der sich als sein eigener Stellvertreter ausgegeben hatte.
Aber noch nie hatte jemand versucht, durch die bloße Möglichkeit eines Eigennamens Einlass zu bekommen.
„Wie lautet denn der vollständige Name dieses NICHTS?“, fragte er schließlich.
Kindchen Nr. 6 sah die anderen an.
Alle acht schwiegen.
„Nun?“, fragte der Türsteher.
„NICHTS“, sagte Kindchen Nr. 6.
„Das ist kein Name.“
„Warum steht er dann auf Ihrer Liste der Dinge, die Sie nicht hereinlassen?“
Der Türsteher griff in seine Jackentasche und zog eine Gästeliste hervor. Er überflog sie von oben nach unten, dann von unten nach oben. Schließlich drehte er das Blatt um, als könnte sich auf der Rückseite eine zusätzliche Wirklichkeit befinden.
„Hier steht kein NICHTS.“
„Dann steht es also nicht auf der Liste“, sagte Kindchen Nr. 4.
„Richtig.“
„Und was nicht auf der Liste steht, darf nicht hinein?“, fragte Kindchen Nr. 7.
„Richtig.“
„Aber wenn NICHTS nicht auf der Liste steht“, sagte Kindchen Nr. 8, „dann ist NICHTS doch gar nicht als unerwünschter Gast eingetragen.“
Der Türsteher presste die Lippen zusammen.
„Ihr verdreht mir die Worte.“
„Nein“, sagte Kindchen Nr. 6. „Wir versuchen nur herauszufinden, ob Sie einen Namen abweisen oder jemanden, den es nicht gibt.“
Der Türsteher blickte die acht Kinderchen an. Er hätte sie fortschicken können. Aber dann hätte er begründen müssen, warum. Und eine Begründung war inzwischen gefährlicher geworden als der Einlass selbst.
„Angenommen“, sagte er vorsichtig, „NICHTS wäre tatsächlich ein Eigenname. Dann müsste dieses NICHTS nachweisen, dass es die Person ist, für die es sich ausgibt.“
„Sehr vernünftig“, sagte Kindchen Nr. 6. „Und wie soll es das machen?“
„Mit einem Ausweis.“
„Auf dem NICHTS steht?“
„Auf dem NICHTS steht.“
Kindchen Nr. 6 dachte kurz nach.
„Wenn auf dem Ausweis NICHTS steht, ist der Ausweis leer. Wenn dort aber NICHTS steht, dann steht dort etwas. Und wenn dort etwas steht, kann es nicht leer sein.“
Der Türsteher sah auf seinen eigenen Dienstausweis.
Zum ersten Mal an diesem Morgen kam ihm der Gedanke, dass auch sein Name nur aus Buchstaben bestand, die jemand auf ein Stück Plastik gedruckt hatte.
„Ihr wollt mich doch nur ärgern“, sagte er.
„Das wissen wir nicht“, sagte Kindchen Nr. 1.
„Wie bitte?“
„Wir wissen nicht, ob wir Sie ärgern wollen. Wir wissen nur, dass wir eine Frage gestellt haben.“
„Und was wollt ihr jetzt?“
Kindchen Nr. 6 deutete auf die Tür.
„Wir möchten wissen, ob NICHTS eintreten darf.“
Der Türsteher sah die Tür an. Dann die Gästeliste. Dann die acht Wäscheklammerkinderchen.
„Ich kann doch nicht einfach NICHTS hereinlassen!“
„Das verlangt ja auch niemand“, sagte Kindchen Nr. 6. „Wir fragen nur, ob Sie es dürfen.“
Der Unterschied war gering. Jedenfalls sah er gering aus. Aber der Türsteher spürte, dass er sich zwischen zwei Möglichkeiten befand, von denen keine in seinem Diensthandbuch vorkam.
Wenn er sagte, NICHTS dürfe eintreten, musste er zugeben, dass es etwas gab, dem er den Eintritt verweigerte.
Wenn er sagte, NICHTS dürfe nicht eintreten, dann hatte er gerade etwas zugelassen, das er für nicht vorhanden hielt.
Und wenn er sagte, NICHTS sei überhaupt kein möglicher Gast, dann musste er erklären, warum er so viel Zeit damit verbrachte, es abzuweisen.
Inzwischen war die Sonne über England aufgegangen.
Kindchen Nr. 6 lächelte nicht. Es machte auch keine Siegesgeste. Es wartete lediglich.
Der Türsteher räusperte sich.
„Ich werde die Angelegenheit der Leitung vorlegen.“
„Wem?“, fragte Kindchen Nr. 2.
„Der Leitung.“
„Und wenn die Leitung NICHTS entscheidet?“, fragte Kindchen Nr. 5.
Der Türsteher steckte die Gästeliste ein.
„Dann“, sagte er, „wird NICHTS entschieden.“
Kindchen Nr. 6 nickte.
„Das wäre immerhin eine Entscheidung.“
Der Türsteher öffnete die Tür zur Scrollstube einen Spalt breit, trat selbst hindurch und schloss sie hinter sich.
Die acht Wäscheklammerkinderchen blieben draußen stehen.
Keiner weiß bis heute, ob sie den Türsteher tatsächlich nur ärgern wollten.
Aber an der Tür der Scrollstube hängt seit jenem Morgen ein neues Schild:
WICHTIGE PERSÖNLICHKEITEN WILLKOMMEN.
Darunter wurde später, in deutlich kleinerer Schrift, ein Zusatz angebracht:
Für NICHTS ist die Zuständigkeit noch ungeklärt.
Und darunter, offenbar von Kindchen Nr. 6, mit Bleistift geschrieben:
Ungeklärt ist nicht dasselbe wie ausgeschlossen.