Traumreste IV – Die Küche der Symne
5:41 Uhr.
Riefunke wacht nicht auf.
Er ist bereits wach.
Das ist ein Unterschied, den nur wenige Menschen verstehen.
Die Scrollstube ist leer. Kein Bildschirm leuchtet. Kein Tiketaketok bewegt sich. Selbst das Internet scheint für einen Augenblick den Atem anzuhalten.
Dann hört Riefunke ein Geräusch.
Klack.
Eine Kartoffel fällt auf den Küchenboden.
Riefunke steht auf.
In der Küche sitzt sein Araber.
Niemand weiß, wie er dort hineingekommen ist.
Das Pferd betrachtet eine Schüssel.
In der Schüssel liegt Kartoffelsalat.
Ungeschälte Kartoffeln.
Grob geschnitten.
Riefunke bleibt stehen.
„Woher?“
Das Pferd antwortet nicht mit Worten.
Es antwortet per Symne.
Karin.
Riefunke sieht zur Tür.
Karin steht dort.
Sie wirkt, als wäre sie gerade erst aus einem anderen Traum gekommen.
„Ich habe den Salat gemacht“, sagt sie.
Riefunke schaut auf die Schüssel.
„Aber du hast doch noch gar nicht angefangen.“
Karin zuckt mit den Schultern.
„Vielleicht war ich schon fertig, bevor ich angefangen habe.“
Das leuchtet Riefunke ein.
Er setzt sich.
Der Araber scharrt mit dem Huf.
Einmal.
Die Symne beginnt.
Plötzlich spürt Riefunke wieder seinen Magen.
Der Kartoffelsalat von gestern Abend ist fast vollständig verschwunden. Einfache Bausteine treiben durch ihn hindurch, werden Teil von ihm, verlassen ihn wieder.
Riefunke denkt:
So funktioniert vielleicht auch ein Traum.
Man nimmt etwas auf.
Man zerlegt es.
Man macht daraus etwas Neues.
Und irgendwann weiß niemand mehr, woher es gekommen ist.
Karin nimmt ihr Handy.
Riefunke sieht sie an.
„Nicht.“
Sie hält inne.
„Warum?“
„Weil der Salat noch warm ist.“
Karin schaut auf die Schüssel.
„Kartoffelsalat darf warm sein?“
Riefunke lächelt.
„In der Scrollstube darf alles sein.“
Draußen beginnt die Welt wieder zu lärmen.
Doch hier drinnen bleibt es still.
Der Araber senkt den Kopf.
Riefunke spricht mit ihm.
Nicht laut.
Nicht mit dem Mund.
Wir bleiben noch ein bisschen.
Das Pferd versteht.
Karin versteht es ebenfalls.
Und für einen kurzen Augenblick gibt es keine Tiketaketoker.
Keine Propaganda.
Keine Nachrichten.
Keine finanziellen Sorgen.
Nur eine Schüssel Kartoffelsalat.
Drei Wesen.
Und eine Sprache, die niemand geschrieben hat.
Symne.
Riefunke nimmt die erste Gabel.
Er weiß sofort:
Der nächste Traum hat bereits begonnen. :::
|