Der Standesbeamte und der Sauerbraten
Es war gegen drei Uhr morgens.
Die Hochzeit war längst vorbei.
Oder zumindest hätte sie vorbei sein sollen.
190 Gäste waren gekommen.
65 Prozent davon hatten nach späteren Berechnungen hauptsächlich wegen des Buffets durchgehalten.
Das Buffet war teuer gewesen.
Sehr teuer.
Der Standesbeamte hingegen hatte andere Prioritäten.
Er mochte Vodka.
Und Sauerbraten.
Der Sauerbraten war zwei Stunden lang in Aldi-Honig gegart worden.
Dazu kamen Nelken.
Neokolonialer Lorbeer.
Rosinen.
Und ein wenig France Senf.
Besonders fein gemahlen.
Manuell.
Der Standesbeamte hatte davon gegessen.
Mehrfach.
Dann war die Nacht fortgeschritten.
Gegen drei Uhr klingelte bei seiner Ehefrau das Telefon.
Sie rief ihren Mann an.
„Wo bist du?“
Am anderen Ende war eine kurze Pause.
Dann sagte der Standesbeamte, etwas undeutlich:
„Ich bin noch im Dienst.“
„Im Dienst?“
„Ja.“
„Um drei Uhr nachts?“
Wieder Pause.
Dann sagte er:
„Der Gastgeber.“
„Welcher Gastgeber?“
Der Standesbeamte überlegte.
„Ein Riefunke.“
Pause.
„Oder so ähnlich.“
Seine Frau schwieg.
Der Standesbeamte sprach weiter:
„Sehr guter Sauerbraten.“
Dann war das Gespräch beendet.
Am nächsten Morgen konnte niemand genau sagen, wie lange der Standesbeamte tatsächlich im Dienst gewesen war.
Fest stand nur:
Die Eheschließung hatte stattgefunden.
Das Buffet war gegessen worden.
Der Vodka war weniger geworden.
Und der Sauerbraten hatte eine bemerkenswerte Wirkung auf die Erinnerung.
Im Saal stand noch immer ein leerer Teller.
Daneben lag ein kleiner Zettel.
Darauf stand:
RIEFUNKE
Darunter:
KRRRRT.
Der Butler nahm den Zettel.
Er las ihn.
Dann sagte er:
„Sehr wohl.“
Und irgendwo in xxxxxx begann jemand wieder Kartoffeln zu schälen.
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