RIEFUNKE HAT UNSICHTBAREN LEIM AUF PAPIER AUFGETRAGEN.
Niemand hat gesehen, wie er es getan hat.
Es war spät.
Vielleicht war es auch früh.
Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier, vollkommen harmlos, weiß und still. Kein Zeichen darauf, das vor irgendetwas hätte warnen können.
RIEFUNKE stand daneben.
Er sagte nichts.
Er nahm keinen Pinsel.
Er öffnete keine Flasche.
Er trug nichts sichtbar auf das Papier auf.
Und doch war danach etwas darauf.
Unsichtbarer Leim.
Man konnte ihn nicht riechen.
Man konnte ihn nicht berühren.
Wenn man mit der Hand über das Papier strich, war nichts zu spüren.
Nur die Worte blieben an den Fingern hängen.
Zuerst bemerkte man es kaum.
Man las einen Satz.
Dann noch einen.
Vielleicht lächelte man.
Vielleicht dachte man:
Das ist ja nur ein Text.
Dann legte man das Blatt weg.
Und genau dort begann die Sache.
Denn später, wenn man längst etwas anderes tat, tauchte plötzlich ein Satz wieder auf.
Nicht vollständig.
Nur ein Stück davon.
Ein Name.
Eine Stimme.
Ein bärtiger Türsteher.
Ein Kind, das nicht zurückgehen wollte.
Ein Radio, das irgendwo im Hintergrund
KRRRRT
machte.
Man schüttelte den Kopf.
Man wusste nicht mehr, warum man daran dachte.
Man hatte den Text doch längst weggelegt.
Aber der Leim war bereits trocken.
Oder vielleicht war er überhaupt nie trocken geworden.
Das Merkwürdige ist nämlich:
Der unsichtbare Leim klebt nicht am Papier.
Er klebt am Leser.
Deshalb kann man das Blatt zerreißen.
Man kann es verbrennen.
Man kann es wegwerfen.
Man kann behaupten, man habe es nie gelesen.
Das ändert nichts.
Denn irgendwann, manchmal erst Tage später, manchmal Jahre später, findet man einen Gedanken wieder, den man nicht mehr zuordnen kann.
Man hält ihn für den eigenen.
Und vielleicht ist er das inzwischen auch.
Vielleicht war er einmal bei RIEFUNKE.
Vielleicht war er einmal bei jemand anderem.
Vielleicht ist er älter als beide.
Das lässt sich nicht mehr feststellen.
Denn RIEFUNKE schreibt nicht nur auf Papier.
RIEFUNKE schreibt in die Zwischenräume.
Zwischen zwei Sätzen.
Zwischen zwei Erinnerungen.
Zwischen dem, was man gelesen hat, und dem, was man später selbst zu sagen glaubt.
Dort ist der Leim am stärksten.
Manchmal begegnet einem plötzlich ein Satz, den man selbst niemals geschrieben hätte.
Und trotzdem erkennt man ihn.
Nicht weil man weiß, woher er kommt.
Sondern weil er bereits irgendwo in einem Teil von einem selbst gewartet hat.
Dann beginnt man sich zu fragen:
Wer hat ihn dort hingeklebt?
Man schaut sich um.
Natürlich ist niemand da.
Nur das Papier.
Nur die Schrift.
Nur dieses eigentümliche Gefühl, dass etwas fehlt.
Und irgendwo, sehr weit entfernt, vielleicht hinter einer Tür, vielleicht in einer English Scrollstube, vielleicht nur in der Erinnerung eines Menschen, der den Text ebenfalls gelesen hat, macht ein Radio:
KRRRRT.
Dann ist es wieder still.
RIEFUNKE ist nicht zu sehen.
Der Leim ist nicht zu sehen.
Das Papier sieht aus wie vorher.
Nur man selbst ist nicht mehr ganz derselbe.
Und vielleicht ist genau das der Trick.
Vielleicht hat RIEFUNKE niemals versucht, jemanden festzuhalten.
Vielleicht wollte er nur, dass man beim Weggehen etwas mitnimmt.
Etwas Kleines.
Etwas Unsichtbares.
Etwas, von dem man erst später bemerkt, dass es klebt.
Und wenn man dann versucht, es wieder loszuwerden, stellt man fest:
Es gibt keinen Rand.
Keine Flasche.
Keinen Pinsel.
Keine Spur.
Nur einen Satz, der plötzlich wieder da ist.
Und darunter, ganz unten auf dem Papier, steht:
RIEFUNKE HAT UNSICHTBAREN LEIM AUF PAPIER AUFGETRAGEN.
Man liest den Satz ein zweites Mal.
Dann ein drittes.
Und irgendwo hinter einem selbst
KRRRRT.
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