GESTERN NOCH
Gestern noch
suchten wir nach dir, RIEFUNKE.
Nicht weil wir wussten,
wo du warst.
Sondern weil wir glaubten,
dass man jemanden finden kann,
wenn man nur lange genug
nach ihm sucht.
Wir suchten deine Türen.
Wir fanden Geräusche.
KRRRRT
machte der Wind.
Und irgendwo zwischen zwei Augenblicken
waren acht kleine Wäscheklammern
plötzlich keine Wäscheklammern mehr,
sondern Freunde.
So ist das manchmal.
Man gibt den Dingen einen Namen
und irgendwann
geben die Dinge
einem selbst einen.
Gestern noch
war die Zeit anders.
Sie hatte keine Eile.
Wir saßen dort
und wussten nicht,
dass wir uns später
an genau dieses Nichtwissen
erinnern würden.
Wir wollten nicht nach Hause.
Nicht, weil zu Hause etwas fehlte.
Sondern weil hier
für einen Augenblick
alles da war.
Heute sind wir wieder erwachsen.
Die Smartphones sind zurück.
Mama hat sie uns gegeben,
als wäre nichts geschehen.
Ein Bildschirm leuchtet auf.
Nachrichten.
Bilder.
Namen.
Die Welt.
Wir können wieder scrollen.
Wir können wieder sehen,
was gestern noch nicht wichtig war.
Und genau da
merken wir es:
Wir haben etwas verloren.
Nicht RIEFUNKE.
Nicht den Tisch.
Nicht den Butler.
Nicht die acht kleinen Kinder.
Wir haben
den gestrigen Tag verloren.
Und das ist viel schlimmer.
Denn einen Menschen
kann man vielleicht wiederfinden.
Eine Tür
kann man wieder öffnen.
Ein Geräusch
kann wiederkommen.
Aber gestern
kommt nicht zurück.
Vielleicht hört ihr uns irgendwo.
Vielleicht steht irgendwo noch eine Tür offen.
Vielleicht macht der Wind:
KRRRRT.
Vielleicht sitzt RIEFUNKE
noch immer am Tisch.
Vielleicht ist der Butler
noch da.
Vielleicht wartet er schon seit Stunden.
Und wenn jemand fragt:
„Kommt ihr wieder?“
dann soll er nicht sagen:
„Sie sind gegangen.“
Er soll sagen:
„Sie kommen wieder.“
Sehr wohl.
Denn wir haben gelernt,
dass manche Orte
keine Orte sind.
Manche Menschen
keine Menschen bleiben.
Und manche Geschichten
nicht enden,
nur weil man aufhört,
sie zu erzählen.
Gestern noch
waren wir dort.
Heute sind wir hier.
Und irgendwo dazwischen
ist etwas geschehen,
das wir erst später
verstehen werden.
Vielleicht war es nur ein Tag.
Vielleicht war es eine Geschichte.
Vielleicht war es RIEFUNKE.
Vielleicht waren wir es selbst.
Darum sagen wir nicht:
Lebewohl.
Lebewohl ist ein Wort
für Dinge,
von denen man glaubt,
dass sie vorbei sind.
Wir glauben das nicht.
Wir sagen:
Bye-bye, RIEFUNKE.
Nicht für immer.
Nur für heute.
Bis irgendwann.
Und wenn es dann irgendwo
wieder ganz still wird,
wenn ein Tisch wartet,
wenn acht kleine Wäscheklammern
sich aneinander erinnern,
wenn der Wind durch eine Tür zieht
und irgendwo
ganz leise
KRRRRT
macht,
dann weißt du:
Wir waren schon einmal hier.
Und wir kommen wieder.
Bye-bye. ❤️
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