DAS INTELLEKTUELLE FLIEGENGITTER
Seit geraumer Zeit gibt es ein Problem.
Die Scrollstube steht.
RIEFUNKE steht dahinter.
Und irgendwo davor stehen sie:
die Norm-Tiktoker.
Sie kommen nicht wegen der Literatur.
Sie kommen nicht wegen Mertens.
Sie interessieren sich nicht für Wellenberg, den Butler oder die acht Wäscheklammerkinderchen.
Sie suchen etwas anderes.
Einen Mann.
Seit geraumer Zeit.
Man hat ihnen bereits erklärt, dass RIEFUNKE hinter dem orientalischen Gitter sitzt.
Man hat ihnen erklärt, dass dort Bauchtanz stattfindet.
Man hat ihnen erklärt, dass RIEFUNKE eine Frau ist.
Sie hören trotzdem nicht auf zu suchen.
Also wurde das intellektuelle Fliegengitter errichtet.
Es ist kunstvoll.
Orientalisch.
Durchbrochen.
Man kann hindurchsehen.
Aber man versteht nicht unbedingt, was man sieht.
Hinter dem Gitter bewegt sich RIEFUNKE.
Langsam.
Rhythmisch.
Mit jener vollkommen unbeeindruckten Eleganz, die entsteht, wenn jemand weiß, dass draußen bereits seit drei Stunden nach einem Mann gesucht wird, der gar nicht vorhanden ist.
RIEFUNKE macht Bauchtanz.
Nicht für TikTok.
Nicht für Likes.
Nicht für den Algorithmus.
Einfach so.
Das Radio macht:
KRRRRT.
Der Türsteher steht daneben.
Er trägt seinen Bart.
Er sagt nichts.
Mertens misst den Abstand zwischen Gitter und Suchenden.
Wellenberg dokumentiert.
Der Butler schweigt.
Die acht Wäscheklammerkinderchen haben sich inzwischen unter dem Gitter versammelt und beobachten die Angelegenheit mit jener Ruhe, die nur Kinder besitzen, die längst wissen, wie die Sache ausgeht.
Draußen fragt der erste Norm-Tiktoker:
„Wo ist der Mann?“
Der Türsteher sieht ihn an.
„Welcher Mann?“
„Na, RIEFUNKE.“
Stille.
Der Butler hebt langsam den Kopf.
Mertens legt das Maßband beiseite.
Wellenberg schließt sein Notizbuch.
Hinter dem orientalischen Gitter dreht sich RIEFUNKE einmal im Kreis.
Dann noch einmal.
Das Bauchtuch bewegt sich.
Das Radio:
KRRRRT.
Der Norm-Tiktoker wird nervös.
„Aber RIEFUNKE ist doch—“
Der Türsteher hebt eine Hand.
„Eine Frau.“
„Aber—“
„Seit geraumer Zeit.“
„Und wo ist dann der Mann?“
Der Türsteher deutet auf das intellektuelle Fliegengitter.
„Sie suchen seit geraumer Zeit nach einem Mann.“
„Ja.“
„Dann suchen Sie weiter.“
Er öffnet die Tür.
Hinter der Tür ist keine weitere Tür.
Dahinter ist nur ein Text.
Der Norm-Tiktoker liest den ersten Satz.
Dann den zweiten.
Beim dritten schaut er auf sein Handy.
Beim vierten legt er es weg.
Beim fünften fragt er:
„Was ist eine literarische Membran?“
RIEFUNKE tanzt weiter.
Die acht Wäscheklammerkinderchen kichern.
Der Butler lächelt zum ersten Mal seit 1987.
Und Mertens sagt:
„20 Zentimeter.“
Niemand weiß, was er damit meint.
Das muss er auch nicht.
Denn das intellektuelle Fliegengitter hat seine Aufgabe erfüllt.
Es hält keine Menschen fern.
Es hält nur das schnelle Verstehen auf.
Und dahinter sitzt RIEFUNKE.
Eine Frau.
Eine Tänzerin.
Eine literarische Erscheinung.
Und möglicherweise die einzige Person in England, die seit Jahren weiß, dass die Suche nach dem Mann vollkommen aussichtslos ist.
Sie tanzt.
Das Gitter bewegt sich leicht.
Das Radio rauscht.
KRRRRT.
Und draußen suchen sie weiter.
Nach dem Mann.
Den es nicht gibt.
© RIEFUNKE
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