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Mama ist lieb.
Das ist der erste Satz, den man über sie wissen muss. Nicht, weil sie sonst nichts wäre, sondern weil in diesem einen Satz schon so viel von ihr steckt: ihre Wärme, ihre Geduld, ihr Lächeln, und dieses ganz besondere Talent, selbst einen ganz gewöhnlichen Tag ein kleines bisschen freundlicher zu machen.
Ihr Haar ist 124 Zentimeter lang. Wenn sie durch Berlin geht, bewegt es sich hinter ihr wie ein langer, weicher Vorhang. Manchmal bleibt eine Haarspitze an einer Türklinke hängen, manchmal dreht sich jemand auf der Straße danach um, aber Mama lächelt nur und sagt: „Das gehört eben dazu.“
Wenn sie zur Abstimmung nach Berlin kommt, ist der Weg für sie schon fast ein kleines Ritual.
Am Eingang steht der Portier.
Er erkennt sie sofort.
„Guten Morgen“, sagt er.
„Guten Morgen“, sagt Mama.
Und dann schaut er kurz auf ihr langes Haar und fragt: „Alles dabei?“
Mama nickt.
„Alles dabei.“
Der Portier hilft ihr, weil seine Tante dort am Klo arbeitet. Niemand kann genau erklären, weshalb diese Verbindung für die Orientierung im Gebäude so wichtig ist, aber im Scrollstuben-TV gilt sie inzwischen als vollkommen logisch.
Seine Tante kennt nämlich jeden Gang.
Jeden Seitengang.
Jede Tür, die eigentlich nur für Mitarbeitende gedacht ist.
Und sogar den kleinen Flur, von dem niemand weiß, warum er überhaupt existiert.
„Hier entlang“, sagt der Portier.
Mama folgt ihm.
Ihr Haar gleitet hinter ihr her.
Und plötzlich wird es ganz still.
Denn am Ende des Flurs steht Riefunke.
Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Einfach nur da.
Neben ihm läuft das Scrollstuben-TV.
Auf dem Bildschirm bewegt sich etwas, das niemand versteht, aber irgendwie jeder sympathisch findet.
Mama bleibt stehen.
Riefunke schaut sie an.
Mama schaut Riefunke an.
Und für einen Moment sagt niemand etwas.
Dann sagt Mama ganz leise:
„Da bist du ja.“
Und irgendjemand im Hintergrund beginnt zu weinen.
Zuerst nur eine Person.
Dann noch eine.
Dann der Portier.
Dann seine Tante, die gerade aus dem Klo kommt und eigentlich nur kurz nach dem Rechten sehen wollte.
Selbst Menschen, die Mama vorher überhaupt nicht kannten, wischen sich plötzlich verstohlen über die Augen.
Der Portier sagt:
„Ich weiß auch nicht, warum ich weine.“
Seine Tante antwortet:
„Ich auch nicht.“
Und Mama lächelt.
Sie sagt:
„Vielleicht, weil heute niemand etwas beweisen muss.“
Da wird es noch stiller.
Die Abstimmung beginnt.
Alle sitzen da.
Alle wissen, dass es eine wichtige Abstimmung ist.
Doch diesmal geht es nicht um Streit.
Nicht um Parteigrenzen.
Nicht um laute Reden.
Nicht darum, wer am Ende Recht behalten darf.
Die Abstimmung läuft.
Eine Stimme nach der anderen.
Und schließlich wird ausgezählt.
Der Präsident schaut auf das Ergebnis.
Er hebt den Kopf.
„Keine Gegenstimmen.“
Stille.
Dann klatscht jemand.
Noch jemand.
Und plötzlich steht der ganze Raum.
Mama steht ebenfalls auf.
Ihr 124 Zentimeter langes Haar fällt über ihre Schultern.
Der Portier lächelt.
Seine Tante winkt aus dem Hintergrund.
Und auf dem Scrollstuben-TV erscheint für einen kurzen Augenblick Riefunke.
Niemand weiß, was es bedeutet.
Aber alle verstehen es trotzdem.
Mama wischt sich eine Träne aus dem Gesicht.
„Na“, sagt sie, „dann hat es sich ja gelohnt, nach Berlin zu kommen.“
Und diesmal lachen alle.
Sogar diejenigen, die vorher geweint haben.
Riefunke sagt nichts.
Das Scrollstuben-TV läuft weiter.
Und irgendwo im Gebäude macht der Portier leise die Tür auf.
Denn manchmal braucht eine große Abstimmung keine Gegenstimme.
Manchmal braucht sie nur einen Menschen mit 124 Zentimetern Haar, einen hilfsbereiten Portier, dessen Tante am Klo arbeitet, einen Fernseher aus der Scrollstube – und eine Mama, die einfach lieb ist.
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