LADY SUMMSE GEHT FIKTIV ZU ARTE
Die Ernennung einer Fliege von weltkultureller Bedeutung
Die Ernennung erfolgte an einem Dienstag um 16:43 Uhr.
Der bärtige Türsteher hatte eigens sein bestes Jackett angezogen. Wäscheklammerkinderchen Nummer 4 schob ihn in die Mitte der English Scrollstube, während der Butler ein Dokument auf einem silbernen Tablett hereintrug.
Darauf stand in feierlichen Buchstaben:
ERNENNUNGSURKUNDE
Lady Summse von Riefunke wurde mit sofortiger Wirkung zur Kulturbeauftragten für sämtliche Kurzfilme ernannt, die weltweit stattfinden.
Nicht nur für Kurzfilme, die gedreht wurden.
Auch für solche, die gerade gedreht wurden, noch nicht gedreht worden waren oder deren Regisseure bislang nicht wussten, dass sie überhaupt einen Kurzfilm planten.
Lady Summse saß auf dem Rand der Urkunde.
Sie summte einmal.
Der Butler verbeugte sich.
„Sehr wohl.“
„Wir müssen über die erste Dienstreise sprechen“, erklärte Mertens.
Die Wäscheklammerkinderchen wurden still.
„Lady Summse wird ARTE besuchen.“
Ein Raunen ging durch die Scrollstube.
„ARTE?“, fragte Goethe, der sich gerade nach dem französischen Rotwein erkundigt hatte.
„ARTE“, bestätigte Mertens.
„Ein europäischer Kultursender?“
„Genau.“
Goethe stellte sein Glas ab.
„Dann ist die Sache ernst.“
Lady Summse hob ab.
Sie flog eine Runde durch den Raum, setzte sich auf die Schulter des Butlers und flog anschließend direkt zum Computer.
Auf dem Bildschirm erschien die ARTE-Website.
Lady Summse betrachtete das Programm.
Sie suchte nach einem Kurzfilm.
Einem besonderen Kurzfilm.
Einem Film, der nicht erst um Mitternacht gezeigt wurde, wenn nur noch drei Menschen, ein schlafloser Nachtportier und ein versehentlich eingeschalteter Fernseher zusahen.
Nein.
Lady Summse verlangte nach der besten Sendezeit.
„Das ist ambitioniert“, bemerkte Mertens.
„Das ist Kultur“, erwiderte der Butler.
Der bärtige Türsteher hob seinen Zeigefinger.
„Ich möchte darauf hinweisen, dass eine internationale Kulturbeauftragte vor ihrem ersten Fernseheinsatz die entsprechenden Akkreditierungsunterlagen vorlegen muss.“
Lady Summse setzte sich auf seinen Zeigefinger.
Der Türsteher verstummte.
Wäscheklammerkinderchen Nummer 4 notierte:
Der Türsteher wurde vorläufig von einer Fliege akkreditiert.
Inzwischen hatte Goethe eine Idee.
„Wir benötigen einen Titel.“
„Für den Film?“, fragte Mertens.
„Für den historischen Vorgang!“
Goethe ging zum Fenster und blickte hinaus.
„Wie wäre es mit: Die Fliege, die zur besten Sendezeit kam?“
Niemand antwortete.
„Oder: Summse und die Ästhetik des Augenblicks?“
Die Wäscheklammerkinderchen begannen zu kichern.
Goethe wurde ungehalten.
„Meine Damen und Herren, wir sprechen hier über die Zukunft der europäischen Kurzfilmkunst!“
Lady Summse flog zum Bildschirm zurück.
Dort stand noch immer das ARTE-Programm.
Sie setzte sich genau auf die Stelle, an der die Sendezeit angezeigt wurde.
Und plötzlich war alles klar.
Der erste Auftrag ihrer Amtszeit lautete:
Ein Kurzfilm muss her. Weltweit. Auf ARTE. Zur besten Sendezeit.
Der Butler schloss die Mappe.
„Sehr wohl.“
Mertens begann, ein Messgerät für kulturelle Bedeutung zu entwickeln.
Der Türsteher verlangte einen Sicherheitsabstand von mindestens drei Zentimetern um Lady Summse.
Wäscheklammerkinderchen Nummer 4 bereitete den Dienstwagen vor, obwohl niemand erklären konnte, wie man eine Fliege zu einem Fernsehsender chauffieren sollte.
Und Lady Summse?
Sie rieb ihre Vorderbeine aneinander.
Dann summte sie zweimal.
Das war keine gewöhnliche Fliege mehr.
Das war eine Kulturbeauftragte mit internationalem Auftrag.
Und irgendwo hinter dem Spiegel lachte RIEFUNKE.