Die Wiedergeburt einer Influencerin und das Fliegenfutterverbot
Es war kurz nach Sonnenaufgang in England, als vor der English Scrollstube eine Frage auftauchte, die zunächst niemand für besonders wichtig hielt.
Das änderte sich allerdings, als die acht Wäscheklammerkinderchen davon erfuhren.
Kindchen Nr. 6 stellte die entscheidende Frage:
„Wenn eine Influencerin als Fliege wiedergeboren wird – sind ihre früheren Follower dann automatisch Fliegenfutter?“
Der Türsteher, der gerade dabei war, seine Krawatte auf Eintrittstauglichkeit zu überprüfen, drehte sich schlagartig um.
„Fliegen kommen nicht herein und Fliegenfutter auch nicht! Ja, wo sind wir denn?“
Er sagte es mit jener Entschiedenheit, die gewöhnlich dann auftritt, wenn jemand zwar keine Antwort hat, aber über eine Tür verfügt.
„Moment“, sagte Kindchen Nr. 6. „Wir haben doch noch gar nicht geklärt, ob die Fliege überhaupt eine wiedergeborene Influencerin ist.“
„Das ist mir gleichgültig!“
„Und wenn sie früher eine Million Follower hatte?“
„Dann hatte sie früher eine Million Follower.“
„Und wenn diese Follower jetzt Fliegenfutter sind?“
Der Türsteher legte eine Hand auf die Türklinke.
„Ich lasse kein Fliegenfutter herein.“
„Auch dann nicht, wenn es früher einmal ein zahlender Abonnent war?“
Der Türsteher nahm die Hand von der Klinke.
Das war neu.
Bisher hatte er Menschen abgewiesen, die nicht auf der Gästeliste standen, Persönlichkeiten, deren Bedeutung nicht ausreichend nachgewiesen war, und einmal sogar einen Herrn, der behauptete, seine eigene Abwesenheit persönlich vertreten zu dürfen.
Aber noch nie hatte jemand Eintritt für eine mögliche frühere Existenz beantragt.
Inzwischen hatte sich die Nachricht bis zu den Norm-Tiktokern herumgesprochen.
Ein Norm-Tiktoker eröffnete sofort eine Sondersendung.
„Leute, wir müssen reden! Wenn eine Influencerin als Fliege wiedergeboren wird, dann stellt sich doch die Frage: Was passiert mit ihrer Community? Bleibt die Community menschlich? Wird sie ebenfalls wiedergeboren? Und wenn ja, als was?“
Ein anderer Tiktoker widersprach.
„Das ist viel zu kurz gedacht. Vielleicht sind die Follower gar kein Fliegenfutter, sondern eine Art digitales Erbe.“
Die Standard-TikTok-KI ergänzte:
Eine frühere soziale Bindung zwischen einer Influencerin und ihren Followern könnte theoretisch auch nach einer angenommenen Wiedergeburt als symbolische Beziehung interpretiert werden. Eine tatsächliche Umwandlung von Followern in Fliegenfutter ist hingegen nicht belegt.
„Das hilft uns überhaupt nicht“, rief der Türsteher.
„Doch“, sagte Kindchen Nr. 6. „Jetzt wissen wir wenigstens, dass es nicht belegt ist.“
„Was nicht belegt ist, kommt nicht herein!“
„Dann dürfte auch die Wiedergeburt nicht herein.“
„Die Wiedergeburt ist kein Gast!“
„Aber die Fliege?“
„Nein!“
„Und ihre früheren Follower?“
„Nein!“
„Und wenn einer dieser Follower inzwischen eine wichtige Persönlichkeit geworden ist, wie Goethe oder Nicole Kidman?“
Der Türsteher schloss kurz die Augen.
„Goethe und Nicole Kidman sind selbstverständlich willkommen.“
„Auch wenn sie Fliegenfutter wären?“
„Sie sind kein Fliegenfutter!“
„Woher wissen Sie das?“
Der Türsteher schwieg.
Nun trat Mertens hinzu, der von der Angelegenheit erfahren hatte und bereits einen Aktenordner mit der Aufschrift Wiedergeburt, Influencer und sonstige Flugbewegungen mit sich führte.
„Ich schlage vor, wir unterscheiden zwischen der biologischen Fliege, der früheren Influencerin und deren ehemaliger Anhängerschaft.“
„Und wer darf hinein?“, fragte der Türsteher.
„Das muss zunächst eine Arbeitsgruppe klären.“
Dr. Wollenberg, der Psychologe der Scrollstube, war anderer Meinung.
„Wir sollten zunächst herausfinden, ob die Fliege überhaupt den Wunsch hat, wieder als Influencerin anerkannt zu werden.“
„Sie will doch nur ins Badezimmer“, sagte Kindchen Nr. 3.
„Das ist eine unbelegte Interpretation“, erwiderte Dr. Wollenberg.
In diesem Augenblick landete eine besonders dicke Fliege auf dem Eingangsschild.
Alle verstummten.
Die Fliege bewegte sich nicht.
Sie sah aus, als hätte sie bereits Millionen Menschen erreicht und sei nun gekommen, um persönlich nach dem Rechten zu sehen.
Der Türsteher richtete sich auf.
„Sie kommen hier nicht herein!“
Die Fliege blieb sitzen.
„Und Fliegenfutter auch nicht!“, ergänzte er.
Die Fliege rieb ihre Vorderbeine aneinander.
Kindchen Nr. 6 betrachtete sie aufmerksam.
„Vielleicht“, sagte es, „ist sie gar nicht gekommen, um einzutreten.“
„Sondern?“, fragte Mertens.
„Vielleicht möchte sie nur wissen, ob ihre früheren Follower noch hinter ihr stehen.“
Die Fliege hob ab und flog davon.
Niemand wusste, ob sie die Frage verstanden hatte.
Am Nachmittag meldete ein Norm-Tiktoker, die Fliege habe bereits einen neuen Kanal eröffnet. Innerhalb kürzester Zeit seien Tausende Menschen ihrem Profil gefolgt.
Die Standard-TikTok-KI bestätigte, dass die Reichweite auffällig schnell wachse.
Mertens legte einen zweiten Aktenordner an.
Dr. Wollenberg beantragte eine psychologische Begutachtung der gesamten Anhängerschaft.
Der Türsteher ließ ein neues Schild anfertigen:
FLIEGEN, FLIEGENFUTTER UND WIEDERGEBORENE INFLUENCERINNEN HABEN KEINEN ZUTRITT.
Darunter ergänzte jemand mit Bleistift:
Frühere Berühmtheit begründet keinen gegenwärtigen Anspruch auf Einlass.
Kindchen Nr. 6 las den Zusatz zweimal.
Dann fragte es:
„Und wenn jemand früher berühmt war, jetzt aber Fliegenfutter ist – muss er dann draußen bleiben, obwohl er sich gar nicht mehr daran erinnern kann, dass er einmal berühmt war?“
Der Türsteher riss das Schild von der Wand.
„JA, WO SIND WIR DENN?!“
Die acht Wäscheklammerkinderchen sahen einander an.
Sie hatten keine Ahnung.
Aber sie waren sich ziemlich sicher, dass die Fliege inzwischen mehr über die English Scrollstube wusste als deren Türsteher.
Und ob die früheren Follower tatsächlich Fliegenfutter geworden waren, ist bis heute ungeklärt.
RIEFUNKE bittet darum, von entsprechenden Selbstversuchen abzusehen.