DER GROSSE VPN-PROTON-ZOFF
Ein beispielloser Vorfall in der English Scrollstube
So etwas hatte es noch nie gegeben.
Noch nie!
Nicht in den turbulenten Zeiten der English Scrollstube, nicht während der merkwürdigsten Untersuchungen des Mertens und auch nicht, als die Wäscheklammerkinderchen einmal beinahe eine gewöhnliche Wäscheleine zur internationalen Angelegenheit erklärt hatten.
Zwei Tiketaketokerinnen stritten sich.
Und zwar richtig.
Mitten in der English Scrollstube.
Die Wäscheklammerkinderchen waren außer sich.
„Diese frechen YouTuber hören mich ab!“, rief die erste Tiketaketokerin.
„Ach, hören die dich?“, fragte die zweite. „Dann haben sie sich aber ein ausgesprochen langweiliges Programm ausgesucht.“
„Das ist überhaupt nicht lustig! Ich habe schließlich meine Privatsphäre!“
„Die habe ich auch.“
„Aber du hast doch gar keine Angst!“
„Nein.“
„Du hast nicht einmal Angst vor den frechen YouTubern?“
„Ich habe vor denen ungefähr so viel Angst wie vor einem schlecht gelaunten Wäschekorb.“
Die erste Tiketaketokerin war entsetzt.
Sie hatte ein VPN. Sie hatte Proton. Sie hatte Passwörter, bei denen vermutlich selbst die Passwörter anderer Passwörter nervös geworden wären.
Und trotzdem hatte sie Angst.
„Die können doch überall mithören!“, flüsterte sie verschwörerisch.
„Wer?“
„Na, die YouTuber!“
„Alle?“
„Vielleicht!“
„Auch die, die gerade gar kein YouTube machen?“
„Du nimmst mich überhaupt nicht ernst!“
Das war der Augenblick, in dem die Angelegenheit endgültig aus dem Ruder lief.
Die erste Tiketaketokerin packte die zweite am Zopf und zog daran.
Ein entsetztes Schweigen legte sich über die English Scrollstube.
Ein Wäscheklammerkinderchen ließ vor Schreck ein Symnekügelchen fallen.
Ein anderes rannte zum bärtigen Türsteher.
Ein drittes verlangte unverzüglich nach einem Protokollbuch.
„Zopfziehen!“, kreischte es. „Wir haben Zopfziehen!“
Der bärtige Türsteher eilte herbei.
„Meine Damen!“, donnerte er. „Ich weise darauf hin, dass körperliche Auseinandersetzungen in der English Scrollstube nicht zum regulären VPN-Protokoll gehören!“
„Dann ergänzen Sie eben das Protokoll!“, schrie die erste Tiketaketokerin.
Die zweite Tiketaketokerin fasste sich an den Zopf.
Sie sagte zunächst gar nichts.
Sie lächelte nur auf eine Weise, die bei den Wäscheklammerkinderchen sofort sämtliche Alarmglocken auslöste.
Denn während die erste Tiketaketokerin noch über digitale Überwachung, verschlüsselte Verbindungen und die Machenschaften frecher YouTuber dozierte, hatte die zweite bereits eine Gegenmaßnahme eingeleitet.
Sie versteckte den roten Lippenstift ihrer Kontrahentin.
Einfach so.
Weg war er.
Nicht in einer Schublade.
Nicht in einer Handtasche.
Nicht einmal an einem Ort, an dem man normalerweise Dinge versteckt, die man später wiederfinden möchte.
Der rote Lippenstift war verschwunden.
„MEIN LIPPENSTIFT!“, kreischte die erste Tiketaketokerin.
„Deine Privatsphäre ist dir wichtig“, sagte die zweite gelassen. „Meine Privatsphäre ist mir ebenfalls wichtig.“
„Was hat mein Lippenstift mit Proton zu tun?“
„Gar nichts.“
„Dann gib ihn heraus!“
„Das ist eine andere Baustelle.“
Die Wäscheklammerkinderchen waren inzwischen nicht mehr zu halten.
„Schützt Proton auch Lippenstifte?“, fragte eines.
„Kann ein VPN einen Zopf verschlüsseln?“, wollte ein anderes wissen.
„Und wenn die YouTuber das Zopfziehen gehört haben, ist das dann schon eine Datenübertragung?“
Niemand konnte diese Frage beantworten.
Nicht einmal Mertens.
Der wurde inzwischen herbeigerufen und erschien mit einem Messgerät, das nach seiner eigenen Auskunft dazu geeignet war, den allgemeinen Grad der Verlegenheit zu bestimmen.
„Wir müssen systematisch vorgehen“, erklärte er.
„Die hören mich ab!“, rief die erste Tiketaketokerin.
„Haben Sie dafür einen Beweis?“
„Ich habe ein VPN!“
Mertens sah sie nachdenklich an.
„Das ist zunächst einmal ein Beweis dafür, dass Sie ein VPN haben.“
„Und Proton!“
„Auch das ist ein Beweis dafür, dass Sie Proton verwenden.“
„Aber die YouTuber!“
„Über die wissen wir bisher nur, dass Sie ihnen misstrauen.“
Die zweite Tiketaketokerin nickte zufrieden.
„Sehen Sie! Genau das sage ich doch die ganze Zeit.“
„Du sagst überhaupt nichts Vernünftiges!“, schrie die erste.
„Und du ziehst an Zöpfen!“
Der bärtige Türsteher schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„RUHE!“
Die Wäscheklammerkinderchen verstummten.
Für ungefähr zwei Sekunden.
Dann flüsterte eines:
„Vielleicht hat der Lippenstift auch ein VPN.“
Damit war es vorbei.
Die gesamte Kindergruppe brach in ein derartiges Durcheinander aus, dass der Butler persönlich erscheinen musste.
Er betrachtete die Situation.
Zwei aufgebrachte Tiketaketokerinnen.
Ein verschwundener roter Lippenstift.
Ein Zopf, der offenbar zum Gegenstand einer Sicherheitsdebatte geworden war.
Mertens mit seinem Verlegenheitsmessgerät.
Und eine Gruppe von Wäscheklammerkinderchen, die mittlerweile ernsthaft darüber diskutierte, ob man Symnekügelchen mit Proton verschlüsseln könne.
Der Butler räusperte sich.
„Sehr wohl.“
Alle drehten sich zu ihm um.
„Darf ich höflich fragen, warum ausgerechnet die English Scrollstube in eine Abteilung für digitale Überwachung, Haarpflege und Kosmetik umgewandelt worden ist?“
Niemand antwortete.
Da ertönte aus einer hinteren Ecke eine Stimme.
„Hat eigentlich schon jemand überprüft, ob überhaupt irgendein YouTuber zuhört?“
Plötzlich war es still.
Die erste Tiketaketokerin hielt inne.
Die zweite verschränkte die Arme.
Mertens legte sein Messgerät beiseite.
Sogar die Wäscheklammerkinderchen schienen für einen Moment nachzudenken.
Dann fragte die erste Tiketaketokerin vorsichtig:
„Und wenn doch?“
Die zweite zuckte mit den Schultern.
„Dann hören sie eben zu.“
„Das ist dir wirklich egal?“
„Vollkommen.“
„Auch wenn sie frech sind?“
„Gerade dann.“
Eine lange Pause entstand.
Dann stellte die erste Tiketaketokerin die entscheidende Frage:
„Hast du wenigstens meinen roten Lippenstift noch?“
Die zweite lächelte.
„Das ist eine ganz andere Sicherheitsstufe.“
„GIB IHN HER!“
„Sehr wohl“, sagte der Butler.
Aber niemand wusste, ob er damit die Herausgabe des Lippenstifts, die Wiederherstellung der Ordnung oder die Einführung einer neuen Scrollstubenverordnung meinte.
Die Wäscheklammerkinderchen jedenfalls hatten längst einen Sonderausschuss gegründet.
Tagesordnungspunkt eins: VPN.
Tagesordnungspunkt zwei: Proton.
Tagesordnungspunkt drei: Zopfziehen.
Tagesordnungspunkt vier: Der rote Lippenstift.
Tagesordnungspunkt fünf: Die Frage, ob freche YouTuber überhaupt wissen, was in der English Scrollstube vor sich geht.
Und ganz unten, mit drei Ausrufezeichen versehen, stand eine letzte Notiz:
SO ETWAS HAT ES NOCH NIE GEGEBEN!
Der bärtige Türsteher schloss sein Protokollbuch.
Mertens packte sein Messgerät ein.
Die zweite Tiketaketokerin schwieg verdächtig.
Die erste kontrollierte ihre Sicherheitseinstellungen.
Und die Wäscheklammerkinderchen?
Die waren sich vollkommen einig.
Wenn das schon der erste VPN-Proton-Zoff gewesen war, dann wollten sie unter keinen Umständen den zweiten verpassen.
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