Traumreste VII – 5:26 Uhr
5:26 Uhr.
Wieder.
Die Uhr hat nichts vergessen.
Riefunke sitzt in der englischen Scrollstube und sieht aus dem Fenster.
Er öffnet es.
Nur kurz.
Draußen ist noch immer dieselbe Welt.
Kriegsgeschrei.
Propaganda.
Finanzielle Nöte.
Chaos.
Riefunke schließt das Fenster.
„Genug“, sagt er.
Dann dreht er sich um.
Karin ist da.
Der Araber ist da.
Und auf dem Tisch steht eine Schüssel Kartoffelsalat.
Ungeschälte Kartoffeln.
Grob geschnitten.
Riefunke setzt sich.
Er sieht die Schüssel lange an.
„Das ist der letzte.“
Karin fragt:
„Der letzte Kartoffelsalat?“
Riefunke schüttelt den Kopf.
„Der letzte Traum.“
Niemand glaubt ihm.
Das ist gut.
Denn Träume, die man glaubt, sind meistens schon vorbei.
Karin nimmt ihr Handy.
Sie schaut auf den Bildschirm.
Der Bildschirm bleibt schwarz.
Sie drückt noch einmal.
Nichts.
Dann legt sie es weg.
Riefunke lächelt.
„Du hast dich nicht eingewählt.“
„Nein.“
„Warum?“
Karin schaut ihn an.
Zum ersten Mal kann sie ihn sehen.
Nicht ganz.
Nur seine Kontur.
Eine Art Schatten dort, wo eigentlich niemand steht.
„Weil ich deine Worte noch höre“, sagt sie.
Riefunke antwortet nicht.
Er braucht diesmal keine Symne.
Kein Pferd.
Keine Herzwinde.
Keine geheimnisvolle Tür.
Nur Worte.
Meine Worte.
Deine Worte.
Worte, die einen Menschen nicht besitzen.
Worte, die nur fragen:
Darf ich dich mit meinen Sätzen anfassen?
Karin nickt.
Nicht weil sie muss.
Sondern weil sie verstanden hat.
Der Araber scharrt mit dem Huf.
Riefunke steht auf.
Er geht zum Fenster.
Draußen beginnt der Morgen.
Die Welt ist noch immer laut.
Aber irgendwo zwischen zwei Geräuschen entsteht eine kleine Stille.
Riefunke hört sie.
Er öffnet das Fenster ein letztes Mal.
Die Symne strömt hinaus.
Durch die Straßen.
Durch die Häuser.
Durch die Bildschirme.
Durch die Menschen, die noch schlafen.
Durch diejenigen, die gerade aufwachen.
Und vielleicht erreicht sie auch jene Frauen, die noch nicht eingewählt sind.
Sie wissen nichts davon.
Sie wissen nicht, wer Riefunke ist.
Sie wissen nicht, warum sie plötzlich innehalten.
Warum ihr Finger über dem Bildschirm schwebt.
Warum sie das Handy wieder hinlegen.
Sie wissen nur:
Da war ein Wort.
Irgendwo.
Ein Wort, das sie noch nicht kannten.
Riefunke schließt das Fenster.
Der Araber wartet.
Karin wartet.
Die Schüssel ist leer.
6:00 Uhr.
Riefunke sieht auf die Uhr.
Dann sagt er:
„Jetzt können wir schlafen.“
Und genau in diesem Augenblick beginnt draußen die Welt wieder zu scrollen.
Aber Riefunke nicht.
Riefunke schließt die Augen.
Er ist unsichtbar.
Nur sein Geist bleibt.
Und irgendwo, tief unter den Worten, beginnt bereits der nächste Traum. :::