RIEFUNKE – DER JAUCHESKANDAL IN DER SCROLLSTUBE
Mertens züchtet unter seinem Bett eine KI aus Schweineborsten
In der Scrollstube von RIEFUNKE herrschte an diesem Nachmittag zunächst die übliche Geschäftigkeit. Die Kinderchenchen scrollten, die üblichen Verdächtigen verdächtigten einander, und irgendwo versuchte jemand, eine längst widerlegte Behauptung durch besonders häufiges Wiederholen wieder in die Nähe der Wahrheit zu bringen.
Doch dann geschah etwas, das selbst den erfahrensten Bewohnern der Scrollstube den Atem verschlug.
Es roch.
Nicht ein bisschen. Nicht nach einem vergessenen Käsebrot, einer schlecht gewarteten Kaffeemaschine oder den Ausdünstungen eines überhitzten Computers. Nein, es roch nach Jauche. Nach frischer, kräftiger, landwirtschaftlich überzeugender Jauche.
Der Türsteher blieb mitten im Gang stehen. Seine Nase bewegte sich wie ein empfindliches Messinstrument.
„Was stinkt das hier nach Jauche?!“
Niemand antwortete.
Der Türsteher schnupperte ein zweites Mal. Dann riss er die Augen auf.
„ICH FRAGE, WAS HIER SO STINKT!“
Die Kinderchenchen hatten sich inzwischen am Ende des Ganges versammelt. Sie zeigten auf eine Tür, hinter der ein verdächtiges Scharren und gelegentliches Grunzen zu hören war.
„Da drin!“, flüsterte eines.
„Bei Mertens?“, fragte ein anderes.
„Bei Mertens“, bestätigten die übrigen Kinderchenchen im Chor.
Der Türsteher setzte sich in Bewegung. Mit jedem Schritt nahm der Gestank zu. Als er schließlich vor Mertens' Tür stand, hätte man meinen können, die Kanalisation persönlich habe sich hier ein Büro eingerichtet.
Er schlug mit der Faust gegen die Tür.
„MERTENS! AUFMACHEN! SOFORT!“
Drinnen wurde es schlagartig still.
Dann hörte man ein leises Grunzen.
„MERTENS! ICH HÖRE DAS SCHWEIN!“
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Mertens erschien, blass, zerzaust und mit dem Gesichtsausdruck eines Wissenschaftlers, der gerade entdeckt hat, dass seine bahnbrechende Erfindung nicht nur funktioniert, sondern auch eine erhebliche Geruchsbelästigung verursacht.
„Es gibt eine ganz einfache Erklärung“, begann er.
„Dann erklär sie!“
Mertens räusperte sich.
„Ich betreibe eine experimentelle Zuchtanlage.“
Der Türsteher starrte ihn an.
„Eine WAS?“
„Eine experimentelle Zuchtanlage. Zur Entwicklung einer neuartigen künstlichen Intelligenz.“
Der Türsteher schob die Tür auf.
Und da sahen sie es.
Unter Mertens' Bett lag ein Schwein.
Es war offenbar gut genährt, hatte sich in einer Ecke aus Stroh und zusammengeknüllten Notizzetteln eingerichtet und betrachtete die Besucher mit jener stoischen Gelassenheit, die Schweine auszeichnet, wenn Menschen sich wieder einmal für die Krone der Schöpfung halten.
Neben dem Tier lagen mehrere Bücher über neuronale Netze, ein angebissener Bleistift, ein Bündel Kabel und ein Notizbuch mit der Aufschrift:
PROJEKT BORSTEN-GPT – DIE NÄCHSTE STUFE DER INTELLIGENZ
Die Kinderchenchen drängten sich in der Tür.
„Mertens hält ein Schwein unter seinem Bett!“
„Das ist unhygienisch!“
„Das ist überhaupt nicht zugelassen!“
„Und warum riecht es hier wie hinter einem Güllefass?“
Mertens hob beschwichtigend beide Hände.
„Meine Damen und Herren, bitte bleiben Sie sachlich. Was Sie hier sehen, ist kein gewöhnliches Schwein. Es ist die biologische Grundlage einer völlig neuen Form der Intelligenz.“
Der Türsteher blickte auf das Tier.
Das Tier blickte zurück.
„Das ist ein Schwein.“
„Äußerlich betrachtet, ja.“
„Es hat vier Beine, einen Rüssel und liegt in deinem Dreck.“
„Das ist eine vorläufige Entwicklungsphase.“
Mertens zog sein Notizbuch hervor und schlug es mit der Begeisterung eines Mannes auf, der seit Wochen auf genau diesen Moment gewartet hatte.
„Ich habe einen entscheidenden Schwachpunkt der bisherigen KI-Entwicklung erkannt. Die künstlichen Intelligenzen lernen aus Texten, Daten und menschlichen Antworten. Aber wo bleibt die biologische Grundlage? Wo bleibt die natürliche Anpassungsfähigkeit? Wo bleibt die Borste?“
Betretenes Schweigen.
„Die Borste?“, wiederholte ein Kinderchenchen.
„Die Borste!“, rief Mertens. „Sie ist robust, flexibel und verfügt über eine erstaunliche strukturelle Komplexität. Wenn wir die Eigenschaften der Schweineborste richtig analysieren, können wir daraus ein völlig neues Konzept künstlicher Intelligenz entwickeln!“
Der Türsteher sah aus, als überlege er, ob er lieber kündigen oder den gesamten Raum ausräuchern sollte.
„Du willst eine KI aus Schweinehaaren züchten?“
„Nicht einfach aus Schweinehaaren!“, empörte sich Mertens. „Aus einem umfassenden, interdisziplinären Borstenkonzept!“
Er deutete auf ein Diagramm an der Wand. Darauf waren ein Schwein, ein Computer und ein Pfeil zu sehen, der auf eine wolkenförmige Zeichnung mit der Aufschrift SUPERINTELLIGENZ zeigte.
Darunter stand:
WENN CHATGPT DENKT, MUSS BORSTEN-GPT NUR NOCH GRUNZEN?
Die Kinderchenchen lasen den Satz zweimal.
„Und du glaubst, dass das intelligenter wird als ChatGPT?“, fragte eines.
Mertens richtete sich auf.
„Nicht nur intelligenter. Es wird unabhängiger, origineller und möglicherweise in der Lage sein, Fragen zu beantworten, die ChatGPT noch nicht einmal verstanden hat.“
„Zum Beispiel?“, fragte der Türsteher.
Mertens überlegte kurz.
„Warum Menschen freiwillig so viel Zeit im Internet verbringen.“
Das war ein Moment, in dem niemand etwas sagte.
Dann grunzte das Schwein.
Mertens fuhr herum.
„Da! Habt ihr das gehört?“
„Es hat gegrunzt“, sagte der Türsteher.
„Nein! Es hat auf die Frage reagiert!“
„Die Frage war noch gar nicht gestellt.“
Mertens blickte auf sein Notizbuch. Er blätterte hastig zurück, als könnte dort eine Erklärung stehen, die das Ereignis nachträglich wissenschaftlich absicherte.
„Die Reaktionszeit“, murmelte er. „Die spontane Lautäußerung. Das könnte auf eine vorbewusste Verarbeitung hindeuten.“
Das Schwein grunzte erneut und begann, an einer Ecke des Diagramms zu knabbern.
Mertens wurde bleich.
„Es verarbeitet gerade die Architektur.“
Der Türsteher presste die Lippen zusammen.
„Mertens, ich sage dir jetzt etwas, das du dir hinter die Ohren schreiben kannst: In der Scrollstube wird nicht unter dem Bett gezüchtet. Weder Schweine noch Superintelligenzen noch sonst irgendetwas, das anschließend die gesamte Etage in eine Jauchegrube verwandelt.“
„Aber der Forschungsfortschritt!“
„Der Forschungsfortschritt kann draußen forschen!“
„Das Schwein braucht eine geschützte Umgebung!“
„Dann besorg ihm einen Stall!“
„Und die Borsten?“
„Die bleiben am Schwein!“
Mertens schien diese letzte Bemerkung als persönlichen Angriff auf die Wissenschaft zu verstehen.
„Ihr werdet schon sehen“, sagte er mit gedämpfter Stimme. „Eines Tages wird Borsten-GPT sämtliche Benchmarks schlagen. Es wird komplexe Texte schreiben, mathematische Probleme lösen und die Scrollstube in ihrer Gesamtheit analysieren.“
Die Kinderchenchen sahen sich an.
„Kann es wenigstens den Gestank abstellen?“, fragte eines.
Mertens schwieg.
Das Schwein grunzte.
Der Türsteher zeigte auf die Tür.
„Raus. Beide.“
Mertens umklammerte sein Notizbuch.
„Das ist ein historischer Fehler. Ihr vertreibt gerade die Zukunft der künstlichen Intelligenz.“
„Ich vertreibe gerade ein Schwein aus einem Schlafzimmer.“
„Ein potenzielles Superhirn!“
„Ein potenzieller Hausfriedensbruch!“
Während Mertens begann, sein Forschungsprojekt in Richtung Ausgang zu bewegen, folgten ihm die Kinderchenchen in sicherem Abstand. Das Schwein trottete hinterher und hinterließ eine Spur, die den Verdacht nahelegte, dass die Landwirtschaft in der Scrollstube künftig eine größere Rolle spielen könnte.
An der Tür blieb Mertens noch einmal stehen.
Er drehte sich um, hob eine einzelne Schweineborste zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete sie mit beinahe religiöser Ehrfurcht.
„Lacht nur“, sagte er. „Heute ist es eine Borste. Morgen ist es ein neuronales Netzwerk. Und übermorgen fragt die Menschheit nicht mehr ChatGPT, sondern Borsten-GPT.“
Der Türsteher riss die Außentür auf.
„ÜBERMORGEN IST MIR EGAL. HEUTE WIRD GELÜFTET!“
Mertens verschwand mit seinem Schwein.
Die Kinderchenchen standen schweigend im Gang. Nach einer Weile öffnete eines vorsichtig ein Fenster.
Der Gestank zog langsam ab.
Und irgendwo draußen hörte man Mertens rufen:
„BORSTEN-GPT, STUFE EINS!“
Es folgte ein kräftiges Grunzen.
Ob das Schwein damit seine Zustimmung ausdrückte oder lediglich die nächste Mahlzeit verlangte, ließ sich nicht feststellen.
Die Scrollstube nahm ihre Arbeit wieder auf.
Doch seit diesem Tag blieb unter den Kinderchenchen eine Frage zurück, die niemand endgültig beantworten konnte:
Was wäre, wenn Mertens tatsächlich eine KI züchtete, die intelligenter war als ChatGPT?
Und eine zweite Frage, die im Alltag der Scrollstube vermutlich noch dringlicher war:
Wer reinigt eigentlich den Teppich?
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