DER GROSSE VPN-PROTON-ZOFF
Dreißig Jahre später – ein paranormaler Zwischenfall in der English Scrollstube
Die Sache mit dem roten Lippenstift war keineswegs erledigt.
Im Gegenteil.
Die zweite Tiketaketokerin hatte sich inzwischen sämtliche Spiegel der English Scrollstube angesehen und dabei eine Entdeckung gemacht, die sie zutiefst erschütterte.
Ohne ihren roten Lippenstift sah sie nämlich bereits aus wie eine fünfunddreißigjährige Frau.
„Das kann nicht sein!“, kreischte sie. „Ich bin doch nicht fünfunddreißig!“
Die erste Tiketaketokerin, die sich nach wie vor um ihre digitale Sicherheit sorgte, hob kurz den Kopf.
„Hast du eigentlich schon einmal über Proton nachgedacht?“
„ICH REDE VON MEINEM GESICHT!“
„Und ich von meiner Privatsphäre!“
Da geschah es.
Die zweite Tiketaketokerin, inzwischen von einer paranormalen Empörung erfasst, hob beide Arme und verwandelte sämtliche Spiegel der Scrollstube.
Auf jedem einzelnen erschien dieselbe rätselhafte Aufschrift:
30 JAHRE SPÄTER
Der große Spiegel neben dem Eingang zeigte plötzlich eine Scrollstube, die dreißig Jahre älter geworden war.
Der kleine Spiegel hinter dem Butler ebenfalls.
Selbst der Spiegel, den der bärtige Türsteher seit Jahren für überflüssig hielt, hatte sich der paranormalen Entwicklung angeschlossen.
„Was bedeutet das?“, fragte Mertens.
„Dreißig Jahre später“, antwortete der Butler.
„Das sehe ich selbst! Ich möchte wissen, wie das möglich ist!“
„Sehr wohl.“
Der bärtige Türsteher war inzwischen ebenfalls dreißig Jahre älter geworden.
Er saß in einem Rollstuhl.
Geschoben wurde er von Wäscheklammerkinderchen Nummer 4, das diese Aufgabe mit einer derartigen Ernsthaftigkeit ausführte, als sei es eigens für den Transport gealterter Türsteher ausgebildet worden.
„Vorsicht an der Schwelle!“, rief Nummer 4.
„Ich kenne diese Schwelle seit Jahrzehnten!“, brummte der Türsteher.
„Das mag sein“, erwiderte Nummer 4. „Aber die Schwelle ist jetzt dreißig Jahre jünger als Sie.“
Der Türsteher schwieg.
Das war vermutlich das erste Mal in der Geschichte der English Scrollstube, dass eine Schwelle einen derartigen Altersvorteil besaß.
Unterdessen war mit dem roten Lippenstift etwas noch viel Schlimmeres geschehen.
Er lag auf einem kleinen Tisch neben dem Eingang.
Niemand hatte ihn benutzt.
Niemand hatte ihn angerührt.
Und dennoch setzte er Schimmel an.
Erst war es nur ein winziger grünlicher Fleck am unteren Ende der Hülse.
Dann kam ein zweiter hinzu.
Schließlich sah der Lippenstift aus, als hätte er dreißig Jahre lang in einem feuchten Keller gelegen, in dem sich niemand für Kosmetik zuständig fühlte.
„Mein Lippenstift!“, schrie die Tiketaketokerin.
„Das ist nicht mehr mein Problem“, sagte die andere.
„DU HAST IHN VERSTECKT!“
„Ich habe ihn nicht verschimmelt.“
„Aber du hast ihn versteckt!“
„Das ist ein Unterschied.“
Die Wäscheklammerkinderchen beriefen eine außerordentliche Sitzung ein.
Tagesordnungspunkt eins: die paranormale Spiegelverwandlung.
Tagesordnungspunkt zwei: der gealterte Türsteher.
Tagesordnungspunkt drei: der verschimmelte Lippenstift.
Tagesordnungspunkt vier: die Frage, ob Proton auch gegen Schimmelbefall helfen könne.
Punkt vier wurde nach kurzer Beratung vertagt.
Dann bemerkte der Butler das Schild über dem Eingang.
THE ENGLISH SCROLLSTUBE
Es hatte zwei wichtige Buchstaben verloren.
Niemand wusste, welche Kraft dafür verantwortlich war.
Niemand wusste, ob es sich um eine Nebenwirkung der paranormalen Spiegelverwandlung handelte.
Und niemand wagte es, den verbliebenen Schriftzug laut vorzulesen, weil der Butler darauf bestand, dass die Bezeichnung der Einrichtung auch nach dreißig Jahren noch korrekt ausgesprochen werden müsse.
„Wer hat die Buchstaben entfernt?“, fragte der Türsteher.
Wäscheklammerkinderchen Nummer 4 hielt mit dem Rollstuhl an.
„Ich war es nicht.“
„Das habe ich auch nicht behauptet.“
„Aber Sie haben in meine Richtung gefragt.“
Der Türsteher dachte darüber nach.
„Eine berechtigte Feststellung.“
In diesem Augenblick betrat Nicole Kidman die Scrollstube.
Sie ging zum nächstgelegenen Spiegel, betrachtete ihr Spiegelbild und nickte zufrieden.
59 Jahre.
Noch immer 59 Jahre.
Dreißig Jahre waren vergangen, die Spiegel waren paranormal verändert worden, der Türsteher saß im Rollstuhl, der Lippenstift schimmelte vor sich hin und das Eingangsschild hatte zwei Buchstaben eingebüßt.
Aber Nicole Kidmans Alter war stabil geblieben.
„Wie ist das möglich?“, fragte Mertens fassungslos.
Nicole Kidman zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
„Sie müssten doch dreißig Jahre älter sein!“
„Müsste ich das?“
Der Butler trat einen Schritt zurück.
„Sehr wohl.“
Die beiden Tiketaketokerinnen standen sich weiterhin gegenüber.
Die eine dachte an VPN und Proton.
Die andere dachte an Spiegel und Alter.
Zwischen ihnen lag der rote Lippenstift, dessen Schimmelbefall inzwischen eine eigene kleine Untersuchungskommission erforderlich machte.
Und irgendwo im Hintergrund fragte ein Wäscheklammerkinderchen, ob man das verlorene Alter der Scrollstube möglicherweise wiederherstellen könne.
Niemand antwortete.
Denn alle hatten begriffen, dass dies kein gewöhnlicher Streit mehr war.
Es war ein paranormaler Zeitvorfall.
Ausgelöst durch einen roten Lippenstift.
Begleitet von einem VPN-Proton-Zoff.
Und beendet durch nichts Geringeres als die bemerkenswerte Altersstabilität von Nicole Kidman.
Die Wäscheklammerkinderchen notierten den Vorfall in ihren Akten.
Unter der Rubrik:
Dinge, die es in der English Scrollstube eigentlich nicht geben dürfte, aber trotzdem gibt.
Darunter stand in roter Schrift:
Fortsetzung dringend erforderlich.
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