Der Standard-Tiktoker wird zur Fliege – ein Reichweitenproblem bei RIEFUNKE
Es begann mit einem Standard-Tiktoker, der eines Morgens feststellte, dass ihm die Themen ausgingen.
Er hatte bereits fünf Tipps für mehr Reichweite veröffentlicht, sieben Fehler beim Frühstück vermieden und in einem achtzehnminütigen Video erklärt, warum man beim Aufstehen nicht liegen bleiben sollte.
Seine TikTok-KI bescheinigte ihm eine erfreuliche inhaltliche Kontinuität.
Trotzdem hatte er das ungute Gefühl, dass draußen irgendwo etwas geschah, über das noch niemand gesprochen hatte.
Dann stieß er auf RIEFUNKE.
Dort hatte man sich mit einer fetten Badezimmerfliege beschäftigt, die trotz geöffneten Fensters nicht hinauswollte. Es folgten Überlegungen zu ihrer möglichen Wiedergeburt als Influencerin, einer Fliegen-Katze und der Frage, ob frühere Follower nach dem Tod ihrer Influencerin automatisch zu Fliegenfutter würden.
Der Standard-Tiktoker las alles zweimal.
„Das ist doch kein Content“, sagte er.
Seine KI fragte: „Was verstehen Sie unter Content?“
„Etwas, das Menschen interessiert.“
„Dann müsste ich zunächst wissen, welche Menschen Sie meinen.“
Der Tiktoker schaltete die KI aus.
Er musste nachdenken.
Nach einer halben Stunde hatte er einen Plan: Er würde die RIEFUNKE-Fliege wissenschaftlich untersuchen, daraus eine Serie machen und anschließend ein E-Book veröffentlichen.
Der Titel stand bereits fest:
DIE FLIEGE ALS REICHWEITENSTRATEGIE – 17 SCHRITTE ZUM ERFOLG.
Doch dann las er eine Nachricht über RIEFUNKE, die ihn erschütterte.
RIEFUNKE hatte nach eigener Auskunft lediglich vier Besucher im Monat auf seiner Webseite.
Vier!
Der Kritiker, der diese Zahl kommentierte, hatte sogar behauptet, einer dieser Besucher sei eine Fliege.
Der Standard-Tiktoker rechnete nach.
„Wenn vier Besucher kommen und einer davon eine Fliege ist, dann beträgt der Fliegenanteil fünfundzwanzig Prozent.“
Seine KI bestätigte die Rechnung.
„Unter der Voraussetzung, dass die Angaben stimmen und jeder Besucher eindeutig identifiziert wurde.“
Der Tiktoker starrte auf den Bildschirm.
„Fünfundzwanzig Prozent! Ich habe manchmal fünftausend Besucher und weiß nicht einmal, wer sie sind. RIEFUNKE hat vier und möglicherweise eine Fliege!“
Er begann zu schwitzen.
Vielleicht lag die Zukunft des Internets gar nicht in der Optimierung von Überschriften, der richtigen Veröffentlichungszeit oder der sorgfältigen Auswahl von Hashtags.
Vielleicht lag sie in der Fliege.
Noch am selben Tag startete er ein Experiment.
Er setzte sich vor die Kamera und erklärte, er werde sich gedanklich in eine Fliege verwandeln, um die Perspektive eines möglicherweise wiedergeborenen Influencers besser zu verstehen.
„Ich möchte wissen, was eine Fliege denkt, wenn sie eine Webseite besucht“, sagte er.
Die KI fragte: „Woher wissen Sie, dass Fliegen Webseiten besuchen?“
„Das weiß ich nicht. Genau das ist ja die Forschung.“
Er legte die Hände auf den Kopf, bewegte die Augen möglichst schnell und summte leise.
Nach sieben Minuten erklärte er die Transformation für abgeschlossen.
„Ich bin jetzt eine Fliege.“
Die KI antwortete:
Ihre Selbsteinschätzung wurde registriert. Eine biologische Veränderung konnte nicht festgestellt werden.
Der Tiktoker war empört.
„Du verstehst das nicht! Es geht um die innere Fliege!“
Die KI empfahl eine kurze Pause.
Er ignorierte sie.
Stattdessen veröffentlichte er sein Video unter dem Titel:
ICH BIN JETZT EINE FLIEGE – WAS MIR NIEMAND ÜBER DIE WIEDERGEBURT ERZÄHLT HAT.
Das Video wurde siebenundzwanzigmal aufgerufen.
Dreimal davon von ihm selbst.
Einmal von seiner Mutter.
Einmal von einem unbekannten Nutzer, der lediglich schrieb: „Summst du noch?“
Der Tiktoker war niedergeschlagen.
Da fiel ihm die RIEFUNKE-Webseite wieder ein.
Vier Besucher im Monat.
Vielleicht war das gar kein Misserfolg. Vielleicht handelte es sich um eine besonders exklusive Gemeinschaft. Vielleicht waren die vier Besucher die letzten Menschen, die sich noch trauten, eine Geschichte zu lesen, ohne anschließend eine Handlungsempfehlung zu verlangen.
Und vielleicht war einer davon tatsächlich eine Fliege.
Er öffnete erneut die Webseite.
Dort stand inzwischen ein neuer Text über einen Standard-Tiktoker, der versucht hatte, eine Fliege zu werden.
Der Tiktoker las den Text.
Dann las er ihn noch einmal.
„Moment“, sagte er. „Das bin ja ich!“
Seine KI antwortete: „Die Ähnlichkeit ist bemerkenswert. Eine eindeutige Identifizierung ist jedoch nicht möglich.“
Er schloss den Laptop.
Am nächsten Morgen saß er in seiner Küche und dachte über sein Leben nach.
Er hatte Tausende Videos produziert, Trends verfolgt, Statistiken ausgewertet und sich von einer KI erklären lassen, wie man Aufmerksamkeit erzeugt.
RIEFUNKE dagegen hatte eine Badezimmerfliege beobachtet.
Und nun saß er da und dachte über diese Fliege nach.
In diesem Moment flog tatsächlich eine Fliege durch das offene Küchenfenster.
Der Tiktoker sprang auf.
„Warte! Ich muss dich etwas fragen!“
Die Fliege setzte sich auf seinen Bildschirm.
Dort war noch immer die RIEFUNKE-Webseite geöffnet.
Der Tiktoker beugte sich vor.
„Bist du die Fliege, von der der Kritiker behauptet, sie sei einer der vier monatlichen Besucher?“
Die Fliege rieb ihre Vorderbeine aneinander.
Dann flog sie davon.
Der Tiktoker sah ihr nach.
Seine KI meldete sich ungefragt:
Es ist nicht auszuschließen, dass Sie gerade einen gewöhnlichen biologischen Vorgang mit einer Bedeutung versehen haben, die über die verfügbaren Belege hinausgeht.
„Halt den Mund“, sagte der Tiktoker.
Er öffnete ein neues Dokument.
Als Überschrift schrieb er:
WARUM ICH MÖGLICHERWEISE DIE FLIEGE VON RIEFUNKE GETROFFEN HABE.
Darunter setzte er einen ersten Satz.
Dann hielt er inne.
Vielleicht, dachte er, sollte er einfach eine Geschichte schreiben.
Ohne Strategie.
Ohne Reichweitenplan.
Ohne die KI vorher zu fragen, ob eine Fliege überhaupt ein Publikum haben könne.
Er schrieb drei Absätze.
Sie gefielen ihm.
Dann löschte er sie wieder.
Er wusste nicht, ob sie genug Aufmerksamkeit erzeugen würden.
Und damit war er zurück an seinem Ausgangspunkt.
Bei RIEFUNKE wurde unterdessen eine neue Statistik veröffentlicht:
Monatliche Besucherzahl: vier.
Darunter stand eine handschriftliche Ergänzung:
Die Identität des mutmaßlichen Fliegenbesuchers konnte bislang nicht bestätigt werden.
Der Kritiker meldete sich erneut zu Wort.
Er behauptete nun, die Fliege sei möglicherweise gar keine Fliege, sondern ein ehemaliger Standard-Tiktoker, der sich nach Jahren erfolgloser Reichweitenoptimierung in ein Insekt zurückgezogen habe.
Mertens nahm die Behauptung zu den Akten.
Dr. Wollenberg beantragte eine Untersuchung der Rückzugsmotivation.
Der Türsteher der English Scrollstube ließ ein Schild anbringen:
WIEDERGEBORENE INFLUENCER UND EHEMALIGE STANDARD-TIKTOKER MÜSSEN IHRE FRÜHERE IDENTITÄT NICHT NACHWEISEN. DER EINTRITT BLEIBT TROTZDEM UNGEKLÄRT.
Und die Fliege?
Sie flog weiter.
Ob sie eine Webseite besuchte, ob sie Texte las oder ob sie sich überhaupt für RIEFUNKE interessierte, ist nicht bekannt.
Aber falls sie tatsächlich einer der vier monatlichen Besucher war, hatte sie inzwischen etwas geschafft, wovon viele Content-Produzenten nur träumen konnten:
Sie war Gegenstand einer ganzen Geschichte geworden, ohne auch nur einen einzigen Beitrag veröffentlichen zu müssen.
RIEFUNKE weist vorsorglich darauf hin, dass die Besucherzahlen nicht unabhängig überprüft wurden.
Die Fliege hat dazu keine Stellungnahme abgegeben.
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