Traumreste II – Das Pferd hinter dem Bildschirm
Es ist wieder diese Zeit.
Nicht ganz fünf Uhr.
Noch nicht sechs.
Die Stunde, in der selbst die Uhren aussehen, als würden sie träumen.
Riefunke sitzt in der Scrollstube.
Niemand sieht ihn.
Er selbst sieht alles.
Auf dem Bildschirm erscheinen Gesichter, verschwinden, erscheinen wieder. Manche suchen etwas. Manche wissen nicht mehr, was sie suchen. Manche haben sich längst daran gewöhnt, gefunden zu werden.
Riefunke scrollt nicht.
Er wartet.
Dann hört er ein Schnauben.
Nicht aus dem Lautsprecher.
Nicht aus dem Telefon.
Hinter der Wand.
Sein Araber steht dort.
Wie er dorthin gekommen ist, weiß niemand.
Vielleicht war er schon immer da.
Riefunke spricht mit ihm per Symne.
Wir müssen los.
Das Pferd bewegt den Kopf.
Es hat verstanden.
Draußen ist noch immer Chaos.
Drinnen ist noch immer Karin.
Sie sitzt vor ihrem Bildschirm und hat vergessen, weshalb sie ihn überhaupt eingeschaltet hat.
Riefunke tritt näher.
Unsichtbar.
„Du musst nicht scrollen“, sagt er.
Karin schaut auf.
Sie kann ihn nicht sehen.
Aber sie hört etwas.
Nicht seine Stimme.
Etwas darunter.
Eine Bewegung in ihren Gedanken.
Eine Symne.
Ein Wort, das noch kein Wort geworden ist.
Dann fragt sie:
„Wo soll ich hin?“
Riefunke antwortet:
„Dorthin, wo deine eigenen Worte noch nicht fremd geworden sind.“
Der Araber scharrt mit dem Huf.
Einmal.
Zweimal.
Dann öffnet sich mitten in der Scrollstube eine Tür.
Dahinter kein Raum.
Nur Morgen.
Und irgendwo dort, wo der Morgen beginnt, wartet das Pferd.
Riefunke steigt auf.
Für einen Augenblick sieht Karin ihn.
Nicht sein Gesicht.
Nicht seinen Körper.
Nur den Abdruck eines Geistes auf dem Rücken eines Arabers.
Dann fällt Riefunke vom Pferd.
Einfach so.
Karin lacht.
Zum ersten Mal in dieser Nacht.
Riefunke steht wieder auf und sagt:
„Siehst du? Auch Geister fallen.“
Das Pferd wartet.
Die Scrollstube wartet.
Und draußen wartet die Welt mit all ihrem Kriegsgeschrei.
Aber Karin nimmt ihr Handy nicht mehr in die Hand.
Noch nicht.
Sie bleibt stehen.
Genau dort.
Zwischen Einwählen und Nicht-Einwählen.
Zwischen Tiketaketok und Stille.
Und Riefunke weiß:
Hier beginnt die nächste Tür. :::
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