Das ist nicht normal.
Um 3:17 Uhr begann in der Stadt der Regen nach oben zu fallen.
Niemand bemerkte es.
Die Straßen waren leer, die Fenster dunkel, und die wenigen Menschen, die noch wach waren, hielten ihre Vorhänge geschlossen.
Nur Herr Bender saß in seiner Küche und wartete auf das Ende seines Tees.
Er war ein ordentlicher Mann.
Er stellte die Tasse immer genau auf denselben Untersetzer.
Er las jeden Morgen dieselbe Zeitung.
Und wenn er nachts nicht schlafen konnte, sah er aus dem Fenster.
Um 3:18 Uhr sah er den Regen.
Er fiel von den Straßenlaternen hinauf in den Himmel.
Herr Bender stand auf.
Er ging zum Fenster.
Er öffnete es.
Ein Tropfen schwebte an seinem Gesicht vorbei.
Nach oben.
„Das ist nicht normal“, sagte Herr Bender.
Im Haus gegenüber ging gleichzeitig ein Fenster auf.
Eine Frau erschien.
„Haben Sie das auch gesehen?“
Herr Bender nickte.
„Ja.“
Im dritten Haus öffnete sich ein weiteres Fenster.
Dann ein viertes.
Dann fünf.
Bald standen Menschen auf Balkonen, an Fenstern und auf Dachterrassen.
Niemand wusste, was er sagen sollte.
Also sagte einer:
„Das ist nicht normal.“
Ein anderer:
„Nein.“
Eine alte Frau im Morgenmantel sah zum Himmel.
„Das ist überhaupt nicht normal.“
Dann geschah etwas Merkwürdiges.
Der Regen hörte auf.
Für genau sieben Sekunden.
Danach begann er wieder zu fallen.
Diesmal ganz gewöhnlich.
Von oben nach unten.
Die Menschen schauten sich an.
Ein Mann lachte.
Eine Frau schloss ihr Fenster.
Jemand sagte:
„War wohl nur eine optische Täuschung.“
Die Fenster gingen wieder zu.
Nur Herr Bender blieb stehen.
Denn auf seiner Fensterbank lag etwas.
Eine einzelne nasse Kastanie.
Er nahm sie in die Hand.
Sie war warm.
Am nächsten Morgen war die Stadt wieder vollkommen normal.
Die Busse fuhren.
Die Bäckereien öffneten.
Kinder gingen zur Schule.
Menschen kauften Kaffee.
Niemand sprach über den Regen.
Herr Bender ging zur Arbeit.
Auf dem Weg dorthin kam er an einem kleinen Park vorbei.
Dort saß eine junge Frau auf einer Bank.
Sie hielt eine Kastanie in der Hand.
Herr Bender blieb stehen.
Die Frau sah ihn an.
„Sie haben es auch gesehen.“
Er antwortete nicht.
Sie zeigte auf ihre Kastanie.
„Sie war heute Morgen auf meiner Fensterbank.“
Herr Bender sah seine eigene Kastanie an.
„Was bedeutet das?“
Die Frau lächelte.
„Ich weiß es nicht.“
In diesem Moment fiel vor ihnen eine einzelne Kastanie vom Himmel.
Sie fiel nicht auf den Boden.
Sie blieb einen Meter über dem Asphalt stehen.
Schwebte.
Drehte sich.
Und begann langsam nach oben zu steigen.
Herr Bender sah die Frau an.
Die Frau sah Herrn Bender an.
Dann kam ein kleiner Junge aus dem Park.
Er blieb unter der schwebenden Kastanie stehen.
Er betrachtete sie einige Sekunden.
Dann sagte er:
„Das ist nicht normal.“
Herr Bender musste lachen.
Die Frau musste ebenfalls lachen.
Der Junge verstand nicht, warum.
Dann begann auch ein Mann am Kiosk zu lachen.
Eine Frau an der Bushaltestelle.
Ein Radfahrer.
Ein Polizist.
Bald lachte der halbe Park.
Niemand wusste genau, worüber.
Aber jeder wusste plötzlich, dass es richtig war.
Am Abend erzählte Herr Bender seiner Frau davon.
Sie saß auf dem Sofa und hörte ihm aufmerksam zu.
Als er fertig war, sagte sie:
„Das ist nicht normal.“
Herr Bender nickte.
„Nein.“
Sie schwiegen.
Dann fragte seine Frau:
„Und wenn es normal wäre?“
Herr Bender sah sie an.
„Was?“
„Wenn das alles normal wäre.“
Draußen begann es wieder zu regnen.
Diesmal fiel der Regen nach oben.
Herr Bender stand auf.
Seine Frau kam mit.
Sie gingen zum Fenster.
Unten auf der Straße standen Menschen.
Niemand lief weg.
Niemand holte ein Handy heraus.
Niemand rief irgendwo an.
Alle sahen einfach nach oben.
Und zum ersten Mal sagte niemand:
„Das ist nicht normal.“
Denn inzwischen wussten sie:
Vielleicht war genau das der Moment gewesen, in dem das Normale aufgehört hatte, wichtig zu sein.
Die beiden blieben am Fenster stehen.
Dann sagte Frau Bender ganz leise:
„Eigentlich ist es wunderschön.“
Ihr Mann nickte.
Und irgendwo hoch über der Stadt fiel eine Kastanie langsam zurück zur Erde.
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