GOETHE UND DIE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN
Nummer 1 bis 8 und die Grenze, die mitten durch den Berliner oder USA Garten lief
Ein pazifistischer RIEFUNKE-Dialog über Zäune, Besitzansprüche und die erstaunliche Frage, wem eigentlich die Erde gehört
Es war ein Nachmittag, an dem die Sonne schien, als hätte sie mit den Angelegenheiten der Menschen nichts zu tun.
Goethe saß in seinem Lehnstuhl.
Auf seinem Schoß saßen Nummer 1, Nummer 2, Nummer 3, Nummer 4, Nummer 5, Nummer 6, Nummer 7 und Nummer 8.
Nummer 1 saß links.
Nummer 8 saß rechts.
Nummer 4 saß irgendwie dazwischen, obwohl niemand so recht erklären konnte, wie das möglich war.
Nummer 6 hatte einen Grashalm im Mund.
Nummer 3 versuchte, Nummer 5 davon zu überzeugen, dass ein Grashalm im Mund noch lange keine Landwirtschaft sei.
Nummer 5 behauptete, es komme auf die Größe des Feldes an.
Nummer 2 lachte.
Nummer 7 schaute zum Fenster hinaus.
Nummer 8 zog Goethe am Ärmel.
„Goethe?“
„Ja, mein Kind?“
„Wer darf eigentlich einen Zaun bauen?“
Goethe legte sein Buch beiseite.
„Das ist eine Frage, bei der sich die Menschheit seit Jahrhunderten nicht einig ist.“
„Dann machen wir es einfacher“, sagte Nummer 8. „Wer darf einen Zaun mitten durch einen Garten bauen?“
„Wem gehört denn der Garten?“
„Das wissen wir nicht.“
„Wem gehört denn die eine Seite?“
„Das wissen wir auch nicht.“
„Und wem gehört die andere?“
„Das wissen wir ebenfalls nicht.“
Goethe betrachtete die acht Wäscheklammerkinderchen.
„Ihr seid heute von einer geradezu erschütternden Unwissenheit.“
„Danke“, sagte Nummer 3. „Wir üben noch.“
Da mussten alle lachen, sogar Goethe.
Nummer 7 rückte ein wenig näher an ihn heran.
„Goethe, wenn niemand weiß, wem der Garten gehört, warum darf dann jemand einen Zaun bauen?“
„Vielleicht hat jemand einen guten Grund.“
„Zum Beispiel?“, fragte Nummer 1.
„Damit seine Blumen nicht zertreten werden.“
„Das verstehe ich“, sagte Nummer 1.
„Oder damit sein Gemüse nicht gestohlen wird“, ergänzte Nummer 2.
„Das verstehe ich auch“, sagte Nummer 2.
„Oder damit niemand nachts in sein Haus eindringt“, sagte Nummer 5.
„Auch das kann vernünftig sein“, meinte Goethe.
Nummer 6 hob den Kopf.
„Und wenn einer den Zaun so lang macht, dass Nummer 1 nicht mehr zu seinen Blumen kommt?“
Goethe schwieg einen Augenblick.
„Dann muss man fragen, ob der Zaun noch schützt oder bereits Unrecht schafft.“
„Aha!“, rief Nummer 4. „Ein Zaun kann also erst vernünftig sein und später unvernünftig werden?“
„Ein Zaun kann vieles sein“, sagte Goethe. „Eine Hilfe, eine Grenze, ein Schutz. Aber auch ein Hindernis, eine Drohung oder ein Zeichen dafür, dass einer dem anderen nicht mehr traut.“
Nummer 3 kaute nachdenklich auf seinem Grashalm.
„Dann müsste auf jedem Zaun ein Schild stehen.“
„Was für ein Schild?“, fragte Goethe.
Nummer 3 räusperte sich.
„ACHTUNG! DIESER ZAUN WURDE VON MENSCHEN GEBAUT. ER IST NICHT VON GOTT VOM HIMMEL GEFALLEN.“
Goethe prustete los.
„Das wäre immerhin eine bemerkenswerte Inschrift.“
Nummer 8 wurde plötzlich ernst.
„Goethe, was ist, wenn einer sagt: Der Garten gehört meiner Familie schon seit tausend Jahren. Deshalb darf ich bestimmen, wer hineingeht.“
„Dann würde ich zunächst fragen, ob sich die Dinge in tausend Jahren vielleicht verändert haben.“
„Und wenn er sagt: Nein! Alles muss bleiben, wie es war?“
„Dann würde ich ihn fragen, ob er auch noch mit der Kutsche zur Arbeit fährt.“
Nummer 2 quietschte vor Vergnügen.
„Und ob er seine Nachrichten mit einer Brieftaube verschickt!“, rief Nummer 5.
„Und ob er sich weigert, eine Regentonne aufzustellen, weil es in seiner Familie seit tausend Jahren geregnet hat!“, ergänzte Nummer 7.
Nun lachten alle acht so heftig, dass Goethe seinen Lehnstuhl festhalten musste.
„Meine lieben Kinderchen“, sagte er schließlich, „ihr werdet noch die gesamte Weltgeschichte zum Kichern bringen.“
„Das wäre doch schon ein Anfang“, sagte Nummer 6.
Dann beugte sich Nummer 1 vor.
„Goethe, dürfen Menschen denn überhaupt Grenzen haben?“
Goethe strich sich über das Kinn.
„Natürlich. Menschen brauchen Häuser, Gärten, Rückzugsorte und Schutz. Nicht jede Grenze ist ungerecht. Aber keine Grenze macht den Menschen auf der anderen Seite automatisch zu einem Feind.“
Nummer 4 nickte.
„Also darf Nummer 1 seinen Garten haben, ohne Nummer 2 zu hassen?“
„Selbstverständlich.“
„Und Nummer 2 darf seinen Garten haben, ohne Nummer 1 zu vertreiben?“
„Selbstverständlich.“
„Und wenn beide denselben Apfelbaum haben wollen?“
„Dann müssen sie miteinander reden.“
Nummer 5 schüttelte den Kopf.
„Das klingt gefährlich.“
„Wieso denn das?“, fragte Goethe.
„Weil sie dabei womöglich herausfinden, dass der Apfelbaum gar nicht ihnen gehört, sondern dem Nachbarn.“
„Und wer ist der Nachbar?“
Nummer 5 grinste.
„Ein Eichhörnchen.“
Goethe lachte so herzlich, dass Nummer 8 beinahe von seinem Schoß rutschte.
Da aber hatte Nummer 7 eine andere Frage.
„Goethe, warum ziehen Erwachsene eigentlich manchmal Grenzen, wenn sie sich streiten?“
„Weil sie glauben, auf diese Weise ihre Interessen schützen zu können.“
„Und wenn sie dann auf beiden Seiten Soldaten aufstellen?“
„Dann kann aus Misstrauen eine gefährliche Lage werden.“
„Und wenn beide Seiten immer mehr Waffen kaufen, weil sie Angst voreinander haben?“
„Dann kann die Angst selbst zum Antrieb eines Wettrüstens werden.“
Nummer 1 sah Nummer 8 an.
„Das ist doch verrückt.“
„Es ist jedenfalls kein besonders zuverlässiger Weg, Vertrauen aufzubauen“, sagte Goethe.
Nummer 2 meldete sich.
„Wenn zwei Leute Angst voreinander haben, könnten sie doch erst einmal miteinander sprechen.“
„Ja“, sagte Goethe. „Aber manchmal ist das Vertrauen bereits so beschädigt, dass es Vermittler, überprüfbare Vereinbarungen und viel Geduld braucht.“
Nummer 6 hob den Grashalm wie einen Zeigestock.
„Dann brauchen sie vielleicht einen, der auf beiden Seiten zuhört.“
„Das wäre ein guter Anfang.“
„Und wenn einer lügt?“, fragte Nummer 3.
„Dann muss man die Tatsachen prüfen und darf sich nicht allein auf schöne Worte verlassen.“
„Und wenn einer trotzdem angreift?“, fragte Nummer 8.
Goethe wurde stiller.
„Dann muss man die bedrohten Menschen schützen. Frieden bedeutet nicht, dass man Gewalt einfach geschehen lässt. Aber auch dann muss man alles daransetzen, weiteres Leid zu verhindern und einen Weg aus der Gewalt zu finden.“
Die acht Kinderchen schwiegen.
Draußen bewegten sich die Blätter im Wind.
Nach einer Weile fragte Nummer 4:
„Goethe, wem gehört eigentlich die Erde?“
Goethe sah aus dem Fenster.
„Die Menschen haben Eigentum, Rechte und unterschiedliche Verantwortlichkeiten. Aber die Erde ist kein gewöhnlicher Gegenstand, den ein Einzelner nach Belieben behandeln kann. Wir alle sind auf sie angewiesen, und was wir mit ihr machen, betrifft auch andere und die kommenden Generationen.“
Nummer 1 nickte.
„Dann kann einer zwar seinen Garten pflegen, aber nicht einfach den ganzen Himmel für sich beanspruchen.“
„Ganz recht.“
„Und das Wasser?“, fragte Nummer 7.
„Brauchen viele.“
„Die Luft?“
„Alle.“
„Und die Zukunft?“, fragte Nummer 8.
Goethe blickte auf die acht kleinen Gestalten auf seinem Schoß.
„Die Zukunft“, sagte er leise, „müssen wir denjenigen mitbedenken, die heute noch gar nicht mitreden können.“
Nummer 5 hob beide Arme.
„Dann beantragen wir hiermit ein Mitspracherecht für alle Kinder der Welt!“
„Angenommen!“, rief Nummer 2.
„Einspruch!“, rief Nummer 3. „Wir müssen erst klären, ob die Kinder auch die Erwachsenen vertreten dürfen.“
„Und wer vertritt die Kinder, wenn die Erwachsenen gerade Krieg führen?“, fragte Nummer 6.
Das brachte Goethe zum Nachdenken.
„Eine ausgezeichnete Frage.“
Nummer 8 lehnte sich an seine Brust.
„Vielleicht müssen Erwachsene lernen, die Kinder ernst zu nehmen, bevor sie ihnen eine kaputte Welt hinterlassen.“
Goethe legte einen Arm um die acht Wäscheklammerkinderchen.
„Vielleicht müssen sie das tatsächlich.“
Nummer 1 rutschte zurecht.
„Goethe?“
„Ja?“
„Wir möchten einen Garten bauen.“
„Einen Garten bauen?“
„Ja. Mit Blumen, Gemüse und einem Apfelbaum.“
„Und wo soll er stehen?“
Nummer 7 zeigte nach draußen.
„Dort, wo der Zaun aufhört.“
„Und wem soll der Garten gehören?“
Nummer 4 dachte kurz nach.
„Allen, die mithelfen.“
„Und wer darf hinein?“
Nummer 6 grinste.
„Alle, die die Pflanzen nicht absichtlich kaputt machen.“
„Und wenn jemand etwas braucht, das dort wächst?“
„Dann fragen wir, ob wir genug für alle haben“, sagte Nummer 2.
„Und wenn wir nicht genug haben?“
Nummer 3 hob den Grashalm.
„Dann müssen wir vernünftig teilen und gemeinsam überlegen, was wir tun können.“
„Und wenn jemand mit einem Zaun kommt?“, fragte Goethe.
Nummer 8 richtete sich auf.
„Dann fragen wir ihn, wovor er Angst hat.“
„Und wenn er uns nicht zuhören will?“
Nummer 5 grinste.
„Dann erklären wir ihm die Sache mit dem Eichhörnchen.“
Goethe lachte.
„Ich fürchte, das Eichhörnchen wird noch eine wichtige Rolle in der Weltgeschichte spielen.“
Da sprangen die acht Wäscheklammerkinderchen von seinem Schoß.
Sie liefen hinaus in den Garten, holten eine kleine Schaufel und begannen, die Erde aufzulockern.
Nummer 1 grub.
Nummer 2 sammelte Steine.
Nummer 3 fand einen Regenwurm und hielt eine feierliche Ansprache zu dessen Ehren.
Nummer 4 suchte Blumensamen.
Nummer 5 erklärte sich zum Minister für Apfelbaumangelegenheiten.
Nummer 6 kümmerte sich um die Regentonne.
Nummer 7 zeichnete einen Plan, auf dem kein einziger Zaun vorkam.
Nummer 8 schrieb ein Schild.
Als Goethe wenig später nach draußen kam, las er:
HIER WÄCHST EIN GARTEN. KEIN FEIND.
Darunter stand:
GRENZEN KANN MAN BESPRECHEN. MENSCHEN DARF MAN NICHT ZU FEINDEN ERKLÄREN, NUR WEIL SIE AUF DER ANDEREN SEITE LEBEN.
Goethe betrachtete das Schild lange.
„Meine lieben Wäscheklammerkinderchen“, sagte er schließlich, „ihr habt heute etwas begonnen, woran sich die Großen seit Jahrhunderten versuchen.“
„Was denn?“, fragten alle acht gleichzeitig.
„Eine Ordnung zu schaffen, in der Unterschiede nicht zwangsläufig zu Feindschaft führen.“
Nummer 3 blickte auf den Garten.
„Das klingt ziemlich kompliziert.“
„Das ist es auch.“
Nummer 6 drückte Goethe eine Gießkanne in die Hand.
„Dann hilf uns lieber beim Gießen.“
Goethe nahm die Kanne.
„Eine ausgezeichnete Idee.“
Und so gossen sie gemeinsam die Blumen.
Nummer 1 goss zu viel.
Nummer 2 wurde nass.
Nummer 3 behauptete, das sei ein internationaler Zwischenfall.
Nummer 4 lachte.
Nummer 5 rief nach einem Vermittler.
Nummer 6 holte ein Handtuch.
Nummer 7 stellte die Gießkanne in die Mitte.
Und Nummer 8 schrieb auf die Rückseite des Schildes:
WENN WIR UNS SCHON NASS MACHEN, DANN WENIGSTENS GEMEINSAM.
Goethe schüttelte den Kopf.
„Ihr seid unmöglich.“
„Aber friedlich!“, riefen die acht.
Und irgendwo hinter dem Zaun saß ein Eichhörnchen auf einem Ast, betrachtete den neuen Garten und dachte vermutlich darüber nach, ob es nicht doch einen Anspruch auf den Apfelbaum anmelden sollte.
Das allerdings, so beschloss Goethe, würde eine Unterhaltung für den nächsten Nachmittag werden.
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