RIEFUNKE
Der Klaviertransport, Folge VIII
Die Musikschule schlägt zurück – und Ollie verliert den Überblick
Es war Freitag, kurz nach zwölf.
Vor der Scrollstube stand eine Gruppe von Menschen, die alle etwas anderes wollten.
Der Schwager wollte zurück in seine Wohnung.
Der ältere Herr wollte seinen Schwager zurück.
Der Butler wollte Ordnung.
Der Türsteher wollte eine unterschriebene Erklärung über die Herkunft des Klavierkastens.
Herr Leiter wollte seine Rechnung bezahlt haben.
Herr Moll wollte möglichst wenig mit Dächern zu tun haben.
Mertens wollte wissen, warum sein Messgerät seit dem Auftauchen des Schwagers gelegentlich die Temperatur in Fahrenheit anzeigte.
Stan wollte ein Butterbrot.
Und Ollie wollte vor allem eines: dass endlich jemand tat, was er sagte.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 dagegen wollte ein Klavier.
Ein richtiges.
Mit Tasten.
Mit Pedalen.
Mit einem Klang, der nicht erst durch einen leeren Kasten, einen fremden Tesla und einen zerstrittenen Schwager hindurchmusste.
„Ich habe eine Idee“, sagte der Butler.
Alle stöhnten.
„Nein“, rief Mertens. „Diesmal habe ich die Idee!“
Er trat vor, hob sein Messgerät und erklärte, dass sich anhand der bisherigen Messergebnisse eine eindeutige Schlussfolgerung ziehen lasse.
„Welche?“, fragte der Türsteher.
„Wir haben zu viel gemessen.“
Es trat Stille ein.
Der Butler sah ihn an.
„Mertens, das ist möglicherweise Ihr erster vernünftiger Satz.“
Mertens war gerührt.
Er notierte ihn sofort.
Eigene Erkenntnis, 12.04 Uhr: Zu viel Messung beeinträchtigt die Übersicht.
Dann blickte er auf die Notiz.
„Das muss ich noch überprüfen.“
Der Butler nahm ihm das Notizbuch ab.
„Nein.“
Der Gang zur Musikschule
Der ältere Herr erklärte sich bereit, die Gesellschaft zur Musikschule gegenüber zu führen. Dort, so versicherte er, gebe es mehrere Klaviere, von denen mindestens eines nicht bewohnt sei.
Das erschien allen als ein erfreulich konkreter Anfang.
Die Gruppe setzte sich in Bewegung.
Ollie ging vorneweg, weil er der Meinung war, dass eine Delegation einen Anführer benötige.
Stan ging hinterher, weil er den Weg nicht kannte.
Der Butler ging neben dem Wäscheklammerkindchen Nr. 2.
Mertens trug seine Messgeräte.
Herr Leiter trug sein Maßband.
Herr Moll trug seine Stimmgabel.
Der Schwager trug die Limonade.
Und der Türsteher trug die Akte.
Nach siebenundzwanzig Schritten blieb Ollie stehen.
„Stan!“
„Ja, Ollie?“
„Wo ist der Tesla?“
Stan blickte zurück.
„Vor der Scrollstube.“
„Und wo ist das Klavier?“
„Auf dem Tesla.“
„Und wo ist die Leiter?“
Stan dachte nach.
„Auf dem Tesla.“
Ollie schloss die Augen.
„Wir gehen zur Musikschule, ohne das Klavier mitzunehmen?“
„Ja, Ollie.“
„Und wie soll das Kindchen dann ein Klavier bekommen?“
Stan lächelte.
„Wir holen eines, Ollie.“
Ollie öffnete die Augen.
Er sah Stan lange an.
Dann sagte er leise: „Manchmal, Stan, bist du ein gefährlicher Mensch.“
Stan strahlte.
Er nahm an, das sei ein Kompliment.
Die Musikschule
Die Musikschule lag in einem schmalen Gebäude mit einer grünen Tür. Im Erdgeschoss befanden sich ein Empfangstresen, ein Garderobenständer und ein Schild mit der Aufschrift:
BITTE NICHT AUF DEN INSTRUMENTEN ESSEN.
Der Butler las das Schild.
Er nickte anerkennend.
„Eine vernünftige Einrichtung.“
Die Empfangsdame hörte sich das Anliegen an, betrachtete die Gesellschaft und bat sie, einen Augenblick zu warten.
Dann erschien der Schulleiter.
Er war ein freundlicher Mann mit grauen Haaren und einer Brille, die ihm etwas zu groß war.
„Sie suchen ein Klavier?“
Ollie trat vor.
„Ganz genau. Ein Klavier für das Wäscheklammerkindchen Nr. 2.“
Der Schulleiter lächelte.
„Wie schön. Hat das Kindchen bereits Unterricht?“
„Nein“, sagte der Butler.
„Hat es schon einmal gespielt?“
„Es hat Musik gehört“, sagte Stan.
Der Schulleiter sah das Kindchen an.
„Und möchtest du wirklich Klavier spielen lernen?“
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 nickte.
„Ja.“
„Warum?“
Das Kindchen überlegte.
„Weil ich wissen möchte, wo die Musik herkommt.“
Der Schulleiter schwieg einen Augenblick.
Dann lächelte er.
„Das ist ein sehr guter Grund.“
Er führte die Gruppe in einen Raum, in dem ein schwarzes Klavier stand.
Es war nicht besonders groß.
Es war nicht besonders neu.
Eine Taste war leicht vergilbt, und am linken Pedal klebte ein kleiner Aufkleber, den niemand entfernen wollte.
Aber es war ein richtiges Klavier.
Der Schulleiter öffnete den Deckel.
„Hier“, sagte er. „Das könnt ihr euch ansehen.“
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 trat näher.
Es berührte vorsichtig eine Taste.
Ein Ton erklang.
Ein einzelner, klarer Ton.
Kein Tesla piepte.
Keine Leiter knarrte.
Kein Messgerät schlug aus.
Niemand fragte nach einer Genehmigung.
Und niemand wohnte im Klavier.
Stan sah Ollie an.
Ollie sah Stan an.
Der Butler lächelte.
Mertens hob langsam sein Messgerät.
Der Butler legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Nicht, Mertens.“
Mertens senkte das Gerät.
„Aber ich wollte doch nur …“
„Ich weiß.“
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 spielte eine zweite Taste.
Dann eine dritte.
Es waren noch keine Melodien. Eher kleine Fragen, die das Klavier beantwortete.
Der Schulleiter setzte sich daneben.
„Wir fangen ganz einfach an“, sagte er.
Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft wussten alle, was als Nächstes zu tun war.
Bis auf Ollie.
Er beugte sich zu Stan.
„Stan?“
„Ja, Ollie?“
„Wie bekommen wir das Klavier jetzt durch die Dachluke?“
Stan starrte ihn an.
Dann brach er in schallendes Gelächter aus.
FORTSETZUNG FOLGT.