DIE 155 BEWERBUNGEN UND DER AUFSTAND VOR DER ENGLISH SCROLLSTUBE
Made in Riefunke – Sondermeldung
Was zunächst als gewöhnlicher internationaler Aufruf zur Ausbrütung eines bayerischen Aldi-Hühnereis begonnen hatte, entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Ereignis, dessen Ausmaß selbst Dr. Wellenberg von der English Scrollstube nicht vorausgesehen hatte.
Unzählige Tiketaketokerinnen hatten sich beworben. Doch damit nicht genug: Sie schrieben nicht nur eine Bewerbung, sondern mindestens 155. Manche reichten ihre Unterlagen mehrfach ein, andere variierten ihre Anschreiben, und wieder andere schickten Bewerbungen, in denen sie erklärten, warum ausgerechnet sie für die Ausbrütung des genetisch schuldfreien, blauäugigen Wesens mittels der Energie Symne am besten geeignet seien.
Mindestens 155 dieser Bewerberinnen kamen aus London.
Sie reisten teilweise mit Autos und Fahrrädern an. Schon von Weitem war das Rollen der Fahrräder, das Hupen der Autos und das Rufen der herannahenden Tiketaketokerinnen zu hören. Vor der English Scrollstube bildete sich eine Menschenmenge, die sich bald bis in die Nähe der benachbarten Kornkreise ausdehnte.
Dann erschallte der Ruf, zunächst vereinzelt, schließlich aus Hunderten von Kehlen:
„WO IST NICOLE? NICOLE! NICOLE! NICOLE!“
Die Tiketaketokerinnen wollten Nicole Kidman sehen. Sie wollten sofort mit ihr ihren neuen Film sehen. Ob dieser Film bereits fertiggestellt war, ob er überhaupt vorgeführt werden sollte oder ob die bloße Anwesenheit Nicole Kidmans als hinreichender Anlass für eine Filmvorführung galt, spielte für die Anwesenden keine erkennbare Rolle.
Nicole Kidman befand sich weiterhin im VIP-Raum.
Der VIP-Raum hatte eine extra Steckdose.
Und vor der Tür stand der Türsteher.
„DAS IST HIER KEIN KINO!“
Der Türsteher war inzwischen vollständig überlastet. Er hatte zunächst versucht, einzelne Bewerberinnen nach ihren Unterlagen zu fragen. Dann hatte er versucht, die Fahrräder von den Autos zu trennen. Schließlich gab er die Vorstellung auf, die Situation ließe sich durch eine geordnete Warteschlange lösen.
Als die Rufe nach Nicole immer lauter wurden, hob er beide Arme und schrie mit einer Lautstärke, die selbst in der English Scrollstube für einen kurzen Moment die Gespräche unterbrach:
„DAS IST HIER KEIN KINO!!!“
Die Wirkung war begrenzt.
„ABER WIR WOLLEN DOCH NUR MIT NICOLE IHREN NEUEN FILM SEHEN!“, rief eine Tiketaketokerin aus London.
„DANN MÜSSEN SIE SICH AN EIN KINO WENDEN!“, brüllte der Türsteher zurück.
„ABER WIR SIND DOCH SCHON HIER!“
Der Türsteher sah sich um. Er blickte auf die Autos, die Fahrräder, die Bewerbungsunterlagen und die immer weiter anschwellende Menge. Dann sah er zur Tür der Scrollstube, als hoffe er, dass sich hinter ihr eine zuständige Person materialisieren würde.
Nichts geschah.
Jedenfalls zunächst.
DIE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN RUFEN DEN BUTLER
Die Wäscheklammerkinderchen hatten das Geschehen aus angemessener Entfernung beobachtet. Da sie geschlechtslos waren und ohnehin nicht zu den regulären Bewerberinnen gehörten, hatten sie sich bisher aus der Angelegenheit herausgehalten.
Doch nun erkannten sie, dass die Lage eine Größenordnung angenommen hatte, die ihre eigenen Möglichkeiten überstieg.
Sie riefen nach dem Butler.
„BUTLER! BUTLER! WIR BENÖTIGEN SOFORT IHRE HILFE!“
Der Butler erschien.
„Sehr wohl“, sagte er.
Er betrachtete die Menschenmenge. Er betrachtete den Türsteher. Er betrachtete die Fahrräder, die Autos und die mindestens 155 aus London angereisten Tiketaketokerinnen. Schließlich blickte er zu den Wäscheklammerkinderchen.
„Darf ich fragen, worin genau die Schwierigkeit besteht?“
„SIE WOLLEN ALLE ZU NICOLE!“, rief eines der Wäscheklammerkinderchen.
„Und sie wollen ihren neuen Film sehen“, ergänzte ein anderes.
„Verstehe“, sagte der Butler.
Er wandte sich dem Türsteher zu.
„Sehr wohl. Ich übernehme.“
Der Türsteher machte einen Schritt zurück. Es war nicht eindeutig festzustellen, ob er damit seine Zuständigkeit übertrug oder lediglich versuchte, wieder Luft zu bekommen.
Der Butler trat vor die Menge, richtete seine Kleidung und hob die rechte Hand.
„Meine Damen“, begann er.
Für einen kurzen Augenblick wurde es still.
„Im Auftrag der English Scrollstube darf ich Ihnen mitteilen, dass Sie sich hier nicht in einem Kino befinden.“
Ein Raunen ging durch die Menge.
„Zugleich darf ich Ihnen mitteilen, dass sich Frau Nicole Kidman im VIP-Raum befindet.“
Ein gewaltiger Jubel brach aus.
Der Butler wartete, bis die Rufe wieder nachließen.
„Allerdings“, fuhr er fort, „ist bislang nicht entschieden worden, ob der neue Film heute gezeigt wird.“
Die Menge begann erneut zu rufen.
„NICOLE! NICOLE! NICOLE!“
Der Butler hob abermals die Hand.
„Sehr wohl. Ich werde die Angelegenheit prüfen.“
DIE FRAGE, DIE NIEMAND GESTELLT HATTE
Während der Butler versuchte, die Lage unter Kontrolle zu bringen, bemerkte eines der Wäscheklammerkinderchen etwas Beunruhigendes.
Niemand sprach mehr über das Ei.
Niemand fragte nach Bayern.
Niemand interessierte sich für die besonderen Anforderungen an die Herkunft des Eis oder für die Ausführungen von Dr. Wellenberg. Selbst die Energie Symne war aus dem Bewusstsein der Menge verschwunden.
Die gesamte Aufmerksamkeit richtete sich auf Nicole Kidman und einen Film, dessen Vorführung nicht einmal zugesagt worden war.
Das Wäscheklammerkinderchen sah zum Butler hinauf.
„Wenn das so weitergeht“, sagte es, „wird die Ausbrütung niemals stattfinden.“
Der Butler schwieg einen Moment.
„Sehr wohl“, sagte er schließlich. „Das scheint mir eine zutreffende Beobachtung zu sein.“
Und während vor der English Scrollstube die Tiketaketokerinnen aus London weiter nach Nicole riefen, begann der Butler zu verstehen, dass es hier möglicherweise um mehr ging als um eine überfüllte Eingangstür.
Die English Scrollstube hatte einen internationalen Aufruf gestartet, um ein Wesen hervorzubringen, das die Geschicke der Scrollstube und unserer Erde friedliebender machen sollte.
Nun war die Scrollstube selbst zum Schauplatz eines Aufmerksamkeitskonflikts geworden.
Der Türsteher war überlastet.
Der Butler war im Einsatz.
Die Wäscheklammerkinderchen warteten.
Und Nicole Kidman saß noch immer im VIP-Raum.
Fortsetzung folgt – sobald geklärt ist, ob die English Scrollstube ein Kino ist, ob Nicole ihren Film zeigen wird und wer sich eigentlich um das bayerische Aldi-Ei kümmert.
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