Goethe über dem Ozean – Der kleine Gott in der Tasche
Ein Brief über dem Atlantik
Der Horizont wurde heller.
Goethe saß noch immer am Fenster, als der Copilot nach einiger Zeit aus dem Cockpit zurückkehrte. Er hatte seine Frage über die Liebe offenbar nicht vergessen. Aber er hatte auch nicht vor, Goethe noch einmal danach zu fragen.
„Herr Goethe?“
„Ja, mein Lieber?“
„Darf ich Ihnen etwas zeigen?“
Der Copilot zog sein Smartphone aus der Hosentasche.
Goethe betrachtete das Gerät.
„Ist das der kleine Kasten, von dem die jungen Leute ständig sprechen?“
„Einer davon.“
„Und was kann er?“
„Sehr viel.“
„Kann er einen Menschen glücklich machen?“
Der Copilot dachte nach.
„Manchmal.“
„Kann er ihn unglücklich machen?“
„Auch das.“
„Kann er ihm sagen, wen er lieben soll?“
„Nein. Jedenfalls sollte er das nicht.“
Goethe lächelte.
„Dann scheint mir das Gerät weniger mächtig zu sein, als seine Besitzer glauben.“
Der Copilot entsperrte das Telefon.
Auf dem Bildschirm erschienen kurze Videos. Junge Menschen, die in die Kamera sprachen. Junge Menschen, die tanzten. Junge Menschen, die anderen jungen Menschen erklärten, wie man erfolgreich wurde, ohne dass deutlich war, worin dieser Erfolg eigentlich bestehen sollte.
Goethe betrachtete die Bilder aufmerksam.
„Was tun diese Menschen?“
„Sie veröffentlichen Inhalte.“
„Inhalte?“
„Videos, Meinungen, Erlebnisse. Alles Mögliche.“
„Und warum?“
„Um gesehen zu werden.“
Goethe sah ihn an.
„Von wem?“
„Von möglichst vielen Menschen.“
„Und was geschieht, wenn sie gesehen werden?“
„Dann bekommen sie Aufmerksamkeit.“
„Und was geschieht mit der Aufmerksamkeit?“
Der Copilot lächelte verlegen.
„Sie bekommen mehr davon.“
Goethe nickte, als habe er eine schwierige mathematische Aufgabe gelöst.
„Ah. Sie vermehren also etwas, dessen Wert davon abhängt, dass es jemandem gehört, der es gerade nicht besitzt.“
„So habe ich das noch nie betrachtet.“
„Das ist kein Beweis dafür, dass es falsch ist.“
Goethe blickte wieder auf das Smartphone.
„Aber es ist ein Grund, darüber nachzudenken.“
Ein junger Mann erschien auf dem Bildschirm. Er hielt einen kleinen, flachen Gegenstand in die Kamera und erklärte, dass dieser Gegenstand sein Leben verändert habe.
Goethe beugte sich vor.
„Was ist das?“
„Eine Art elektronischer Helfer.“
„Und was tut er?“
„Er beantwortet Fragen.“
„Alle Fragen?“
„Sehr viele.“
„Auch die Frage, was Liebe ist?“
„Ja.“
„Und beantwortet er sie richtig?“
Der Copilot schwieg einen Moment.
„Nicht immer.“
Goethe lehnte sich zurück.
„Dann ist er ein bemerkenswertes Geschöpf. Er weiß sehr viel und weiß bisweilen nicht, ob das, was er sagt, wahr ist.“
„Das trifft auf Menschen ebenfalls zu.“
„Allerdings. Der Unterschied besteht darin, dass ein Mensch gelegentlich errötet, wenn er sich ertappt fühlt.“
Der Copilot lachte.
„Die künstliche Intelligenz errötet nicht.“
„Vielleicht ist das ihr größter Vorteil.“
Goethe sah erneut auf den Bildschirm.
„Oder ihr größter Nachteil.“
Der Copilot steckte das Telefon nicht weg. Stattdessen öffnete er eine Anwendung, die ihm auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Unterhaltung erschien.
„Sehen Sie, Herr Goethe. Man kann mit dem kleinen Kasten sprechen. Man kann ihm einen Auftrag geben. Man kann sogar gemeinsam mit ihm Geschichten schreiben.“
„Gemeinsam?“
„Ja.“
„Wer schreibt dann die Geschichte?“
„Das kommt darauf an.“
Goethe hob die Augenbrauen.
„Ein erstaunlicher Satz. Er enthält bereits das ganze Problem.“
Der Copilot wollte antworten, doch Goethe hob die Hand.
„Ich möchte etwas versuchen.“
Er griff nach seinem Spazierstock und stand auf.
„Kommen Sie bitte mit.“
„Wohin?“
„Zunächst zu Ihrem Gepäck.“
„Mein Gepäck ist im Frachtraum.“
„Dann müssen wir uns mit dem begnügen, was vorhanden ist.“
Goethe sah sich in der Kabine um.
„Ich benötige ein Blatt Papier.“
Der Copilot öffnete ein kleines Fach und fand einige Blätter, die für Notizen vorgesehen waren.
Goethe betrachtete sie kritisch.
„Zu dünn.“
„Sie sind zum Schreiben gedacht.“
„Das habe ich bemerkt.“
„Was stimmt nicht mit ihnen?“
„Sie sind für Gedanken hergestellt, die möglichst schnell wieder verschwinden sollen.“
Der Copilot musste lachen.
„Und was für Papier wünschen Sie?“
„Ein ordentliches Blatt. Fest, aber nicht grob. Und ich benötige eine echte Vogelfeder.“
„Eine Vogelfeder?“
„Ja.“
„Wir befinden uns in einem Flugzeug.“
„Das ist mir nicht entgangen.“
„Hier gibt es keine Vogelfedern.“
Goethe betrachtete ihn ruhig.
„Dann müssen wir eine beschaffen.“
„Wie denn?“
„Sie haben doch diesen kleinen Gott in der Tasche.“
Der Copilot blickte auf sein Smartphone.
„Sie meinen die künstliche Intelligenz?“
„Wenn Sie es so nennen möchten.“
„Aber sie kann uns keine echte Vogelfeder besorgen.“
„Kann sie uns wenigstens sagen, wo wir eine finden?“
„Vermutlich.“
„Dann fragen Sie sie.“
Der Copilot öffnete die Anwendung und tippte die Frage ein.
Goethe beugte sich über seine Schulter.
„Nein, nein.“
„Was ist denn?“
„Sie schreiben zu viel.“
„Ich habe doch nur gefragt, wo wir eine Vogelfeder finden können.“
„Sie haben die Frage bereits mit der Erwartung versehen, dass eine Antwort genügt.“
Der Copilot löschte den Text.
„Was soll ich stattdessen schreiben?“
Goethe dachte nach.
„Schreiben Sie: Ich benötige eine echte Vogelfeder, ein Blatt Papier und einen Menschen, der bereit ist, mir zuzuhören. Bitte hilf mir, diese drei Dinge zu finden.“
Der Copilot tippte.
Die Antwort erschien fast augenblicklich.
Der kleine Gott empfahl, nach der Landung einen Schreibwarenladen aufzusuchen, eine Feder aus einem Bastelgeschäft zu verwenden und einen Menschen anzusprechen, der sich für Literatur interessierte.
Goethe las die Antwort.
„Das ist vernünftig.“
„Sehen Sie.“
„Aber es ist nicht das, was ich verlangt habe.“
Der Copilot runzelte die Stirn.
„Die Feder ist echt, das Papier ist echt, und ein Mensch kann uns zuhören.“
„Gewiss. Aber der kleine Gott hat unsere Frage in drei Besorgungen verwandelt.“
„Ist das nicht hilfreich?“
Goethe lächelte.
„Sehr hilfreich. Wenn wir wissen, was wir tun wollen.“
Er setzte sich wieder.
„Doch ich möchte einen Brief schreiben, der nicht bereits von der Antwort bestimmt wird.“
Der Copilot schaltete den Bildschirm aus.
„An wen soll der Brief gehen?“
Goethe sah durch das Fenster auf den Atlantik.
„An die jungen Menschen, die sich selbst TikToker nennen. An jene, die jeden Tag ihr Gesicht in einen kleinen Kasten halten und hoffen, dass irgendwo jemand stehen bleibt.“
„Was wollen Sie ihnen sagen?“
„Das weiß ich noch nicht.“
„Dann können wir doch noch keinen Brief schreiben.“
Goethe sah ihn an.
„Mein lieber Freund, Sie verwechseln das Schreiben mit dem Abschicken.“
Eine Weile schwiegen beide.
Dann zog Goethe aus seiner Manteltasche ein kleines, zusammengefaltetes Blatt hervor. Es war leer.
„Das Papier“, sagte er, „ist nicht das Problem.“
„Was dann?“
„Dass wir heutzutage oft schon wissen wollen, wie viele Menschen einen Satz lesen werden, bevor wir überhaupt wissen, ob wir ihn schreiben müssen.“
Der Copilot sah auf sein Smartphone.
„Und was ist mit der Reichweite?“
Goethe lächelte.
„Eine Frage, die sich hervorragend eignet, um die eigentliche Frage zu vermeiden.“
Er nahm den Kugelschreiber, den der Copilot ihm reichte, und setzte ihn an das Blatt.
Dann hielt er inne.
„Nein.“
„Was ist jetzt wieder?“
„Ich brauche tatsächlich eine Feder.“
„Aber Sie können doch mit diesem Stift schreiben.“
„Natürlich kann ich das.“
Goethe legte den Kugelschreiber auf den Tisch.
„Aber ich möchte spüren, dass ich schreibe. Ich möchte, dass die Hand langsamer wird, wenn der Gedanke langsamer wird. Ich möchte nicht, dass das Werkzeug schneller ist als meine Bereitschaft, für einen Satz einzustehen.“
Der Copilot betrachtete ihn nachdenklich.
„Dann geht es Ihnen gar nicht um die Feder.“
Goethe lächelte.
„Jetzt kommen Sie der Sache näher.“
Er nahm das Smartphone in die Hand.
„Sagen Sie mir: Wenn ein junger Mensch einen Satz veröffentlicht, den er nicht selbst geschrieben hat, ist dieser Satz dann eine Lüge?“
„Nicht unbedingt.“
„Wenn er ihn verstanden hat?“
„Dann kann er ihn sich zu eigen machen.“
„Wenn er ihn nicht verstanden hat?“
„Dann verbreitet er möglicherweise etwas, dessen Bedeutung er nicht kennt.“
Goethe nickte.
„Und wenn er ihn versteht, aber nicht danach lebt?“
Der Copilot antwortete nicht sofort.
„Dann ist es ein Widerspruch.“
„Ein menschlicher Widerspruch?“
„Ja.“
Goethe sah ihn freundlich an.
„Dann wollen wir gerecht bleiben. Die jungen Leute müssen nicht schlechter sein als wir, nur weil sie ihre Widersprüche filmen.“
Der Copilot lächelte.
„Das könnte man ihnen sagen.“
„Das werden wir ihnen schreiben.“
Goethe faltete das leere Blatt zusammen und steckte es zurück in seine Tasche.
„Aber nicht heute mit diesem Kugelschreiber.“
„Warum nicht?“
Goethe deutete auf das Smartphone.
„Weil ich zuerst wissen möchte, ob der kleine Gott in Ihrer Tasche einen Unterschied zwischen einer Antwort und einer Einsicht kennt.“
Der Copilot entsperrte das Gerät erneut.
„Wie soll ich ihn das fragen?“
Goethe blickte hinaus auf den Ozean.
„Fragen Sie ihn, ob er einen Menschen verändern kann.“
Der Copilot tippte die Frage ein.
Die Antwort erschien.
Die künstliche Intelligenz erklärte, sie könne Menschen zum Nachdenken anregen, neue Perspektiven anbieten und bei Entscheidungen helfen. Eine tatsächliche Veränderung müsse jedoch vom Menschen selbst ausgehen.
Goethe las den Text zweimal.
„Das ist eine gute Antwort.“
„Dann hat der kleine Gott seine Sache gut gemacht.“
„Vielleicht.“
„Was fehlt Ihnen diesmal?“
Goethe schob das Telefon sanft zurück.
„Die Antwort weiß, dass sie nicht genügt.“
Der Copilot runzelte die Stirn.
„Ist das nicht gut?“
„Sehr gut. Aber nun kommt die schwierigere Frage.“
„Welche?“
Goethe sah ihn an.
„Warum glauben die Menschen trotzdem so gern, dass ihnen eine Antwort die Mühe ersparen könnte, sich selbst zu verändern?“
In diesem Augenblick knackte es aus der Lautsprecheranlage.
Beide blickten nach oben.
Eine Stimme sagte:
„Weil die Veränderung selten genügend Aufrufe bekommt.“
Der Copilot stand auf.
„Wer spricht da?“
Keine Antwort.
Dann knackte es erneut.
„RIEFUNKE.“
Goethe lächelte.
„Ah.“
Der Copilot sah ihn überrascht an.
„Sie kennen diesen Namen?“
„Nicht persönlich.“
„Woher wissen Sie dann, dass es RIEFUNKE ist?“
Goethe nahm seinen Spazierstock.
„Das weiß ich nicht. Aber ich habe den Eindruck, dass dieser Sender wenig Interesse daran hat, sich zu erklären.“
Aus dem Lautsprecher kam ein leises Rauschen.
Dann eine weitere Stimme:
„Der Brief ist noch nicht geschrieben.“
Goethe nickte.
„Das stimmt.“
„Die Feder fehlt.“
„Auch das stimmt.“
„Das Papier ist nicht geeignet.“
Goethe sah den Copiloten an.
„Jetzt wird es unhöflich.“
Der Copilot musste lachen.
Die Stimme fuhr fort:
„Aber die Frage ist vorhanden.“
Goethe wurde still.
Draußen begann der Morgen, den Atlantik aus seiner Dunkelheit zu lösen.
„Ja“, sagte er schließlich. „Die Frage ist vorhanden.“
Er nahm das Smartphone des Copiloten und betrachtete den kleinen Bildschirm ein letztes Mal.
„Vielleicht“, sagte er, „ist der kleine Gott in der Tasche gar nicht dazu da, uns die Antworten zu liefern.“
„Wozu dann?“
Goethe legte das Gerät zurück in die Hand des Copiloten.
„Damit wir endlich bemerken, welche Fragen wir bisher nicht stellen wollten.“
Der Lautsprecher schwieg.
Der Copilot sah auf sein Telefon. Dann auf Goethe. Dann wieder auf das Telefon.
„Und was machen wir jetzt?“
Goethe setzte sich ans Fenster.
„Wir warten auf die Feder.“
„Und wenn wir keine finden?“
Goethe lächelte.
„Dann müssen wir mit dem schreiben, was wir haben.“
Das Flugzeug zog weiter seine Bahn über dem Atlantik.
Irgendwo in England stand ein bärtiger Türsteher vor einer Tür, die niemand richtig erklären konnte. Herr Mertens würde vermutlich versuchen, das Rauschen zu messen. Der Butler würde etwas bringen, das niemand bestellt hatte. Und die Tiketaketoker würden sich fragen, ob sie gerade etwas gehört hatten.
Vielleicht war es RIEFUNKE gewesen.
Vielleicht auch nur ein technisches Geräusch.
Aber der Brief war noch nicht geschrieben.
Und zum ersten Mal an diesem Morgen schien das kein Mangel zu sein.
Sondern eine Möglichkeit.
Fortsetzung folgt.