RIEFUNKE
Der Klaviertransport, Folge V
Der leere Kasten, die volle Blase und das Ministerium für musikalische Angelegenheiten
Stan saß noch immer auf dem Klavierkasten.
Tok.
Tok-tok.
Tok.
Er klopfte mit zwei Fingern auf das Holz, und die Kinderchen vor der Scrollstube lauschten andächtig. Es war keine Melodie im herkömmlichen Sinne. Eher eine musikalische Vermutung. Ein Rhythmus, der sich noch nicht entschieden hatte, ob er Musik werden oder lieber ein Geräusch bleiben wollte.
Mertens war begeistert.
„Ich messe eine Veränderung.“
Der Butler blickte auf seine Uhr.
„In der Musik?“
„Nein. In der Situation.“
„Ach so.“
Mertens drehte an einem kleinen Rädchen seines Messgeräts.
„Die Situation ist inzwischen deutlich musikalischer geworden.“
Ollie schüttelte den Kopf.
„Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen derartigen Unsinn erlebt.“
Stan hörte auf zu klopfen.
„Ollie, du hast doch selbst mitgemacht.“
„Wobei?“
„Beim Unsinn.“
Ollie holte Luft, um eine passende Erwiderung hervorzubringen. Leider kam ihm in diesem Moment der Butler zuvor.
„Sir, ich darf höflich darauf hinweisen, dass wir noch immer nicht wissen, weshalb sich ein leerer Klavierkasten auf dem Dach eines Elektrofahrzeugs befindet.“
Ollie blickte zum Himmel.
„Das ist eine ausgezeichnete Frage.“
„Danke, Sir.“
„Haben Sie eine Antwort?“
„Nein, Sir.“
„Dann ist es keine ausgezeichnete Frage, sondern eine ausgesprochen lästige.“
Der Butler verneigte sich.
„Wie Sie wünschen, Sir.“
Der Fund im Handschuhfach
Der Butler beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
Er öffnete die Beifahrertür des Tesla, beugte sich hinein und untersuchte das Handschuhfach. Darin fand er eine Bedienungsanleitung, zwei Ladekabel, einen einzelnen Handschuh, drei Bonbons und einen Zettel, auf dem in ungelenker Schrift stand:
BITTE NICHT AUF DAS KLAVIER SETZEN.
Der Butler las den Zettel zweimal.
Dann blickte er zu Stan hinauf.
Stan saß auf dem Klavierkasten.
Der Butler räusperte sich.
„Herr Laurel?“
„Ja?“
„Ich möchte Sie ungern beunruhigen, aber ich glaube, Sie sitzen auf etwas, auf dem Sie nicht sitzen sollten.“
Stan stand sofort auf.
„Ollie! Ich glaube, ich habe etwas falsch gemacht!“
Ollie drehte sich um.
„Was denn nun schon wieder?“
„Ich habe auf dem Klavier gesessen.“
„Das sehe ich.“
„Aber es steht auf dem Zettel, dass man das nicht darf.“
Ollie nahm den Zettel entgegen.
Er las ihn.
Sein Gesicht veränderte sich.
Zunächst wurde es streng. Dann nachdenklich. Schließlich nahm es jenen Ausdruck an, den Stan von früheren Katastrophen kannte: den Ausdruck eines Mannes, der gerade festgestellt hatte, dass die Katastrophe diesmal möglicherweise recht hatte.
„Stan“, sagte Ollie langsam, „woher stammt dieser Zettel?“
Stan deutete auf das Handschuhfach.
„Von dort.“
Ollie sah zum Tesla.
„Und wem gehört dieses Auto?“
Stan lächelte.
„Das wollte ich dich gerade fragen.“
Ein Windstoß fuhr über den Platz.
Der Butler hielt den Zettel fest.
Mertens maß die Entfernung zwischen den beiden Herren.
Und der Türsteher begann, in seinem Notizbuch einen neuen Vorgang anzulegen.
Aktenzeichen: Klavier. Fahrzeugzugehörigkeit ungeklärt. Sitzverbot bestätigt.
Die Ehefrau wird zur Ehrenkommission ernannt
In diesem Augenblick erreichte die Nachricht die Scrollstube, dass eine Zuschauerin des Geschehens vor Lachen eine vollständige Kleidererneuerung benötigte.
Der Butler reagierte unverzüglich.
Er ließ eine diskrete Nachricht übermitteln, wonach die RIEFUNKE-Veranstaltungsleitung keinerlei Einwände gegen eine kurze Unterbrechung erhebe.
Mertens dagegen sah eine neue wissenschaftliche Herausforderung.
„Wir sollten den Vorfall dokumentieren.“
„Welchen Vorfall?“, fragte der Türsteher.
„Den Zusammenhang zwischen komischer Überlastung und körperlicher Reaktion.“
Der Butler sah ihn streng an.
„Mertens, wir dokumentieren hier gar nichts.“
„Aber die Daten!“
„Die Daten bleiben privat.“
Mertens senkte das Messgerät.
„Verstanden.“
Er machte eine Pause.
„Darf ich wenigstens die Limonade messen?“
„Nein.“
„Auch nicht die Temperatur?“
„Nein.“
„Den Füllstand?“
„Mertens!“
„Schon gut.“
Er zog sich zurück und begann, die Dachluke zu vermessen.
Unterdessen wurde der Ehefrau ein Ehrentitel verliehen:
Erste Lachzeugin der Scrollstube, mit besonderer Anerkennung für körperliche Authentizität.
Der Butler ließ ausrichten, dass dieser Titel keinerlei Verpflichtungen nach sich ziehe. Insbesondere müsse die Inhaberin weder ein Klavier transportieren noch ein Messgerät bedienen.
Sie dürfe einfach lachen.
Das war vermutlich die vernünftigste Entscheidung des gesamten Nachmittags.
Die große Enthüllung
Als alle wieder versammelt waren, trat das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 vor.
„Ich möchte jetzt endlich wissen, wann ich mein Klavier bekomme.“
Ollie nickte ernst.
„Das ist verständlich.“
Stan nickte ebenfalls.
„Sehr verständlich.“
Der Butler räusperte sich.
„Wir sollten zunächst klären, ob wir überhaupt ein Klavier besitzen.“
Mertens hob die Hand.
„Ich kann das messen.“
„Nein“, sagten alle gleichzeitig.
Mertens ließ die Hand sinken.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 ging zum Tesla, legte beide Hände auf den leeren Klavierkasten und lauschte.
Dann lächelte es.
„Ich glaube, ich weiß, was wir tun müssen.“
Ollie beugte sich vor.
„Was denn?“
„Wir müssen das Klavier aus dem Kasten herausholen.“
Stan sah in den Kasten.
„Aber da ist doch gar kein Klavier drin.“
„Eben“, sagte das Kindchen.
Der Butler stellte sein Glas ab.
Mertens hielt mitten in einer Messung inne.
Der Türsteher klappte sein Notizbuch zu.
Ollie starrte das Kindchen an.
„Du willst ein Klavier aus einem leeren Kasten herausholen?“
„Ja.“
„Wie soll das gehen?“
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 überlegte kurz.
„Wir fangen an zu spielen.“
Niemand antwortete.
Dann setzte sich das Kindchen auf die Bordsteinkante und klopfte mit den Fingern auf die Knie.
Tok.
Tok-tok.
Tok.
Stan fiel sofort ein.
Ollie klopfte widerwillig mit.
Der Butler hielt den Takt mit seinem Limonadenglas.
Der Türsteher begann, mit dem Fuß zu wippen.
Und Mertens, der unbedingt wissenschaftlich bleiben wollte, schlug mit seinem Messgerät einen Rhythmus auf die Motorhaube.
Da erklang plötzlich ein Ton.
Ein echter Ton.
Er kam aus dem leeren Klavierkasten.
Alle verstummten.
Noch ein Ton.
Dann zwei.
Eine Melodie entstand, zögerlich zuerst, dann immer deutlicher. Sie war nicht laut, nicht virtuos und nicht besonders kompliziert. Aber sie war da.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 sah auf.
„Hört ihr das?“
Ollie nickte langsam.
Stan lächelte.
Der Butler schloss die Augen.
Mertens blickte auf sein Messgerät.
Die Anzeige zeigte nichts an.
Zum ersten Mal an diesem Nachmittag war er damit vollkommen zufrieden.
„Meine Damen und Herren“, flüsterte er, „wir haben soeben Musik gemessen, ohne sie messen zu können.“
Der Butler öffnete die Augen.
„Nein, Mertens.“
„Nein?“
„Wir haben Musik gehört.“
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 stand auf.
„Und jetzt möchte ich ein richtiges Klavier.“
Ollie seufzte.
Stan nahm den Gartenschlauch.
Der Butler holte das Maßband.
Mertens schaltete sein Gerät wieder ein.
Der Türsteher öffnete die Akte.
Und irgendwo auf dem Dach des Tesla begann die krumme Leiter erneut zu knacken.
Denn die Musik war zwar gefunden.
Aber das Klavier musste immer noch durch die Dachluke.
FORTSETZUNG FOLGT.
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