GOETHE UND DIE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN
Nummer 1 bis 8 und der Frieden, der sich wehren muss
Ein pazifistischer RIEFUNKE-Dialog über Gewalt, Schutz und die schwierige Kunst, den Frieden nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln
Goethe saß in seinem Lehnstuhl.
Auf seinem Schoß saßen Nummer 1, Nummer 2, Nummer 3, Nummer 4, Nummer 5, Nummer 6, Nummer 7 und Nummer 8.
Nummer 1 hatte eine wichtige Frage.
Nummer 2 hatte schon eine Antwort, obwohl die Frage noch gar nicht gestellt worden war.
Nummer 3 hatte vorsichtshalber einen Keks mitgebracht.
Nummer 4 hielt den Keks für eine mögliche Bestechung.
Nummer 5 erklärte, Kekse seien grundsätzlich friedensfördernd.
Nummer 6 wollte wissen, ob das auch für Kekse mit Rosinen gelte.
Nummer 7 schüttelte sich.
Nummer 8 zog Goethe am Ärmel.
„Goethe?“
„Ja, mein Kind?“
„Wenn einer einen anderen schlägt, darf man dann dazwischengehen?“
Goethe blickte auf die acht Kinderchen.
„Ja. Wenn jemand angegriffen wird, sollte man versuchen, ihm zu helfen, ohne sich selbst oder andere unnötig in Gefahr zu bringen.“
Nummer 1 nickte.
„Und wenn einer einen ganzen Menschenhaufen angreift?“
„Dann wird die Aufgabe schwieriger.“
„Und wenn es ein ganzes Land ist?“, fragte Nummer 7.
Goethe schwieg kurz.
„Dann wird sie sehr schwierig.“
Nummer 2 hob den Finger.
„Ich weiß die Lösung!“
„Das ist erfreulich“, sagte Goethe. „Wir sind gespannt.“
„Man muss dem Angreifer sagen: Du, hör mal, das ist nicht nett.“
Nummer 3 nickte.
„Am besten mit einem Schild.“
Nummer 4 ergänzte:
„Mit einem sehr großen Schild.“
Nummer 5 rief:
„MIT AUSRUFEZEICHEN!“
Goethe lächelte.
„Manchmal muss man deutlich widersprechen. Aber wenn jemand entschlossen ist, Gewalt anzuwenden, reicht ein Schild möglicherweise nicht aus.“
Nummer 8 wurde nachdenklich.
„Dann muss man den Menschen helfen, die angegriffen werden.“
„Ja.“
„Auch wenn man den Angreifer nicht mag?“
„Gerade dann darf man nicht vergessen, dass es um den Schutz der Angegriffenen geht und nicht um die Befriedigung des eigenen Zorns.“
Nummer 6 sah Goethe lange an.
„Und wenn man den Angreifer so sehr hasst, dass man ihm am liebsten dasselbe antun möchte?“
Goethe atmete tief durch.
„Dann muss man besonders aufpassen. Denn der Wunsch nach Gerechtigkeit kann sich in den Wunsch nach Rache verwandeln.“
Nummer 3 biss in seinen Keks.
„Schmeckt Rache eigentlich?“
„Am Anfang vielleicht“, sagte Goethe. „Aber sie macht den Schaden nicht ungeschehen.“
„Und wenn man danach noch mehr Rache möchte?“, fragte Nummer 1.
„Dann kann eine Spirale entstehen, aus der beide Seiten nur schwer herausfinden.“
Nummer 7 rutschte auf Goethes Schoß herum.
„Also darf man sich nicht wehren?“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber du bist doch für den Frieden
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