Die nächtliche Ankunft
Ein Geist begehrt Einlass, acht Wäscheklammerkinder verlieren die Fassung und der Butler bereut seine Berufswahl
Aus den geheimen Chroniken der English Scrollstube, aufgezeichnet von Johann Wolfgang von Goethe
Es war eine jener Nächte, in denen selbst der Mond den Eindruck erweckte, er wolle mit dem Weltgeschehen nichts mehr zu tun haben.
Gegen Mitternacht erreichte unser neuer Aspirant endlich die English Scrollstube.
Er war müde. Er war erschöpft. Er war seiner bisherigen Existenz als TikToker offenbar endgültig überdrüssig. Auf seinem Rücken ruhte ein Rucksack von beträchtlicher Bedeutung, in welchem sich eine Kerze, ein Feuerzeug und eine blonde Perücke befanden. Von den Steinen des Steinhuder Meeres fehlte weiterhin jede Spur.
Vor dem Haupteingang jedoch bot sich ihm ein unerwartetes Hindernis.
Der Türsteher.
Dieser ehrenwerte Wächter des Hauses hatte sich im Laufe des Abends vier irische Biere zu Gemüte geführt und war dabei zu der Überzeugung gelangt, dass die Überwachung des Eingangs am besten im Zustand tiefster Meditation zu erfolgen habe.
Er schlief.
Nicht etwa leicht. Nicht etwa mit einem Auge geöffnet.
Nein, der Mann schnarchte mit einer solchen Hingabe, dass die Eingangstür im Rhythmus seiner Atemzüge zu vibrieren schien.
Unser Aspirant betrachtete die Szene.
„Nun“, murmelte er, „wenn dies die erste Prüfung ist, so hat man sie offenbar an den Türsteher delegiert.“
Er klopfte vorsichtig.
Keine Reaktion.
Er räusperte sich.
Nichts.
Schließlich blickte er empor und entdeckte eine kleine Dachluke.
Hier, so dachte er, müsse sich das Schicksal wohl einen Scherz erlauben.
Und so begann er, mit der Geschicklichkeit eines Mannes, der bislang hauptsächlich auf seinem Sofa gesessen und mit dem Daumen gewischt hatte, den Aufstieg.
Es war kein würdevoller Aufstieg.
Zweimal blieb der Rucksack hängen. Einmal verrutschte die blonde Perücke. Und als er endlich die Dachluke erreicht hatte, stieß er mit dem Kopf gegen einen Balken, woraufhin er in einer Sprache fluchte, die weder im Weimarer Wörterbuch noch in meinen gesammelten Werken verzeichnet ist.
Doch schließlich gelang ihm der Eintritt.
Er befand sich im Inneren der English Scrollstube.
Allerdings nicht im VIP-Salon.
Nicht in der Bibliothek.
Und auch nicht in jenem ehrwürdigen Korridor, in welchem ich gemeinsam mit Frau Nicole Kidman über die Unsterblichkeit der Kunst zu disputieren pflegte.
Nein.
Er war im Kinderzimmer gelandet.
Und dort geschah das Unfassbare.
Die acht Wäscheklammerkinderchen, die bis zu diesem Augenblick friedlich in ihren Bettchen gelegen hatten, öffneten gleichzeitig ihre Augen.
Acht kleine Gesichter richteten sich auf die Gestalt im Halbdunkel.
Acht Münder öffneten sich.
Und dann erscholl ein Schrei, der die Grundfesten des Hauses erschütterte:
„BUTLER! KOMME SOFORT! EIN EINBRECHER!“
Mein lieber Freund, ich wünschte, ich könnte behaupten, dies sei dichterische Übertreibung. Doch ich muss Euch mitteilen, dass der Schrei bis in den VIP-Raum drang, wo Frau Kidman gerade ihren Tee abstellte.
Ich sprang von meinem Sessel auf.
„Was bei allen Musen war das?“
Frau Kidman blickte mich an.
„Goethe, darling, I believe your new ghost has arrived.“
Inzwischen hatte sich im Kinderzimmer eine Szene abgespielt, die selbst den erfahrensten Bühnenautor zur Verzweiflung gebracht hätte.
Unser Aspirant stand mit einer Hand an der Dachluke, die andere hielt den Rucksack fest, und die blonde Perücke hing ihm inzwischen derart schief über der Stirn, dass er weniger wie ein Geist als wie ein übermüdeter Karnevalsprinz wirkte.
Die acht Wäscheklammerkinderchen schrien weiter.
„EINBRECHER! EINBRECHER! ER HAT HAARE, ABER WIR WISSEN NICHT, OB ES SEINE SIND!“
„ER HAT EINEN RUCKSACK!“
„VIELLEICHT IST ER VOM FINANZAMT!“
„BUTLER! WO BLEIBST DU DENN?!“
Und schließlich, aus der hintersten Ecke des Zimmers, erhob sich eine besonders kleine, besonders empörte Stimme:
„MUTTI HAT GESAGT, WIR SOLLEN NIEMALS MIT FREMDEN GEISTERN SPRECHEN!“
Der Butler erwachte.
Nicht allmählich.
Nicht würdevoll.
Er fuhr aus seinem Stuhl empor, stieß dabei gegen einen Beistelltisch, verlor beinahe seinen Hausdienerschlips und rief:
„WER WAGT ES, IN DIESES HAUS EINZUDRINGEN?!“
Vier irische Biere hatten seine Reaktionszeit zwar geringfügig beeinträchtigt, nicht aber seine Bereitschaft zur Empörung.
Mit dem Mut eines Mannes, der gerade erst bemerkt hatte, dass er Dienst hatte, stürmte er in Richtung Kinderzimmer.
Und dort standen sie sich gegenüber.
Der Butler.
Die acht Wäscheklammerkinderchen.
Und unser frischgebackener Aspirant, der sich in diesem Augenblick vermutlich nichts sehnlicher wünschte, als wieder auf seinem heimischen Sofa zu sitzen und irgendein belangloses Katzenvideo anzusehen.
Der Butler hob den Zeigefinger.
„Sie da! Legen Sie sofort Ihre verdächtige Kopfbedeckung ab!“
Unser Freund zögerte.
Dann erinnerte er sich an die Worte seiner Freundin, an den gepackten Rucksack und an die große Chance, die ihm durch mich, Johann Wolfgang von Goethe, eröffnet worden war.
Er richtete sich auf.
Er atmete tief ein.
Und mit der dunkelsten Stimme, die er aufzubringen vermochte, sprach er:
„Ich bin der Geist, der stets verneint.“
Stille.
Eine Sekunde.
Zwei Sekunden.
Dann sagte eines der Wäscheklammerkinderchen:
„Mama, der Mann ist kaputt.“
Das achte Kind begann zu weinen.
Der Butler griff sich an die Brust.
Und ich, der ich inzwischen gemeinsam mit Frau Kidman im Türrahmen erschienen war, musste mich mit aller Kraft zusammenreißen, um nicht laut herauszulachen.
Denn in diesem Augenblick erkannte ich die Wahrheit:
Dieser Mann war vielleicht noch kein guter Geist.
Aber er besaß ein Talent, das in unserer Scrollstube von unschätzbarem Wert sein konnte.
Er vermochte es, innerhalb von weniger als drei Minuten sämtliche Anwesenden an ihrer eigenen Wirklichkeit zweifeln zu lassen.
Frau Kidman beugte sich zu mir.
„Goethe, darling, I think we should keep him.“
Ich nickte feierlich.
„Meine liebe Nicole, Ihr habt vollkommen recht. Einen solchen Geist findet man nicht alle Tage.“
Und während der Butler noch immer versuchte herauszufinden, ob er einen Einbrecher, einen Schauspieler oder einen besonders schlecht vorbereiteten Kandidaten vor sich hatte, notierte ich in mein Aufnahmebuch:
Bewerber: ehemaliger TikToker.
Erster Auftritt: unbefugt über die Dachluke.
Wirkung auf das Personal: verheerend.
Wirkung auf acht Wäscheklammerkinderchen: traumatisierend.
Eignung für den Spukdienst: vielversprechend.
Damit war die erste Prüfung bestanden.
Zumindest nach meiner Auffassung.
Der Butler hingegen bestand darauf, zunächst eine vollständige Inventur sämtlicher Dachluken, Bettdecken und irischer Bierflaschen vorzunehmen.
Und unser neuer Geist?
Der stand noch immer mitten im Kinderzimmer, hielt seine blonde Perücke in der Hand und fragte mit leiser Stimme:
„Entschuldigung … gibt es hier irgendwo WLAN?“
Da wusste ich: Die Genesung von TikTok würde noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Johann Wolfgang von Goethe
Geheimrat, Aufnahmeleiter der English Scrollstube und unfreiwilliger Zeuge des wohl unkonventionellsten Berufseinstiegs seit Erfindung des Hausgeistes
Fortsetzung folgt: „Die Geisterprüfung – oder wie unser Aspirant versehentlich den Butler exorziert.“
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