RIEFUNKE empfängt: Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 und der Klavierfall
Es fing, wie so vieles, mit einem Empfang an.
In der englischen Scrollstube saß eine anwesende Tiketaketokerin vor ihrem Smartphone und ließ ein Klavierstück durch die kleine Glasscheibe in die Welt hinauswandern. Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 bekam davon etwas mit. Vielleicht war es die Melodie. Vielleicht war es das geheimnisvolle Klappern der Tasten. Vielleicht war es auch bloß dieser merkwürdige Augenblick, in dem ein Ding, das gar nicht im Raum steht, plötzlich den ganzen Raum erfüllt.
Jedenfalls stand der Entschluss fest: Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 möchte ein eigenes Klavier.
Nicht irgendwann. Nicht vielleicht. Ein Klavier.
Nun ist die Sache mit den Klavieren bekanntlich nicht ganz einfach. Besonders dann nicht, wenn sie durch eine Dachluke in den Innenraum gelangen müssen. Türen sind Türen, Treppen sind Treppen, und Dachluken haben ihre eigenen Vorstellungen von Durchlässigkeit. Man kann nicht einfach ein Klavier herbeiwünschen und anschließend so tun, als wäre die Schwerkraft eine unverbindliche Empfehlung.
Der Türsteher erkannte die Tragweite des Falles. Er prüfte die Lage, dachte nach und traf eine Entscheidung von historischer Bedeutung: Dick und Doof mussten persönlich eingeladen werden.
Schließlich hatten die beiden im Film Der zermürbende Klaviertransport – im englischen Original The Music Box – bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt. 1932 hatten Stan Laurel und Oliver Hardy ein Klavier durch eine Welt zu befördern versucht, in der jede Treppe zum Gebirge, jede Kiste zum Gegner und jeder gut gemeinte Ratschlag zur Katastrophe werden konnte. Der Film wurde später mit einem Oscar ausgezeichnet. Die beiden Herren wussten also, wovon sie sprachen. Oder sie wussten es wenigstens so lange, bis sie anfingen, es zu tun.
Die Einladung wurde ausgesprochen.
Und nun warten sämtliche Kinderchen vor der Scrollstube.
Sie warten mit Limonade.
Einige halten ihre Gläser mit beiden Händen, andere schauen die Straße hinunter, als müsste dort jeden Augenblick ein historisches Transportfahrzeug um die Ecke biegen. Die Limonade ist kalt, die Erwartung ist groß, und irgendwo im Hintergrund scheint bereits eine unsichtbare Klaviermechanik zu spielen.
Was werden Dick und Doof berichten?
Werden sie empfehlen, das Klavier zunächst in eine Kiste zu packen? Werden sie eine Seilwinde vorschlagen? Werden sie behaupten, man müsse die Dachluke lediglich weit genug öffnen? Oder wird Ollie mit jener unerschütterlichen Würde, die ihn schon immer ausgezeichnet hat, erklären, dass der Transport überhaupt kein Problem sei – während Stan bereits mit dem falschen Ende des Seils verschwunden ist?
Man darf gespannt sein.
Denn das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 will kein Klavier aus der Ferne hören. Es möchte eines besitzen. Eines mit richtigen Tasten, richtigen Hämmern und einem Klangkörper, der nicht erst durch eine Tiketaketokerin und deren Smartphone in den Raum vermittelt werden muss.
Ein Klavier soll her.
Und wenn es nicht durch die Tür passt, muss es eben durch die Dachluke.
So weit die Theorie.
In der Praxis warten die Kinderchen vor der Scrollstube und halten ihre Limonade fest. Der Türsteher hat seine Pflicht getan. Die englische Scrollstube bleibt geöffnet. Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 träumt bereits von den ersten eigenen Tönen.
Jetzt fehlen nur noch zwei Herren.
Dick und Doof, bitte melden!
Die Limonade wird sonst warm.
Und das Klavier steht immer noch draußen.