GOETHE UND DIE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN
Nummer 1 bis 8 und der Mensch, den man nicht mögen darf
Ein pazifistischer RIEFUNKE-Dialog über Feindbilder, Vorurteile und die gefährliche Kunst, andere Menschen fertig zu beurteilen, bevor man ihnen begegnet
Goethe saß in seinem Lehnstuhl.
Auf seinem Schoß saßen Nummer 1, Nummer 2, Nummer 3, Nummer 4, Nummer 5, Nummer 6, Nummer 7 und Nummer 8.
Nummer 1 hatte einen Brief gefunden.
Nummer 2 behauptete, es sei ein Liebesbrief.
Nummer 3 vermutete eine Rechnung.
Nummer 4 erklärte, Rechnungen seien die unangenehmste Form von Liebesbriefen.
Nummer 5 wollte wissen, ob Geld darin liege.
Nummer 6 schüttelte den Brief, um das herauszufinden.
Nummer 7 hielt das für wissenschaftlich unzureichend.
Nummer 8 nahm Nummer 1 den Brief aus der Hand und las vor:
„An alle Bewohner unseres Landes!
Es wird dringend davor gewarnt, den Menschen auf der anderen Seite der Grenze zu vertrauen.
Sie sind anders als wir.
Sie denken anders.
Sie leben anders.
Sie wollen angeblich etwas, das uns gehört.
Haltet Abstand!
Stellt keine Fragen!
Lasst euch nicht täuschen!
Wer mit ihnen spricht, gefährdet möglicherweise die Sicherheit aller.“
Nummer 8 senkte den Brief.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann fragte Nummer 3:
„Goethe, wer hat das geschrieben?“
„Das steht nicht dabei.“
„Wer ist mit den Menschen auf der anderen Seite gemeint?“
„Das steht ebenfalls nicht dabei.“
Nummer 4 runzelte die Stirn.
„Was haben sie denn getan?“
„Auch darüber schweigt der Brief.“
Nummer 5 blickte auf das Papier.
„Dann wissen wir eigentlich gar nichts.“
„Eine bemerkenswerte Feststellung“, sagte Goethe.
Nummer 2 schüttelte den Kopf.
„Aber der Brief klingt sehr bestimmt.“
Goethe lächelte traurig.
„Mein Kind, Bestimmtheit ist kein Beweis für Wahrheit.“
Nummer 7 zog den Brief zu sich.
„Ich schreibe jetzt eine Antwort.“
„Was willst du schreiben?“, fragte Nummer 1.
Nummer 7 räusperte sich.
„An alle Bewohner unseres Landes!
Es wird dringend davor gewarnt, Briefe zu glauben, die behaupten, man dürfe andere Menschen nicht kennenlernen.
Sie sind möglicherweise voller Unsinn.
Sie denken möglicherweise gar nicht selbst.
Sie wollen angeblich unsere Neugier verbieten.
Haltet Abstand zu solchen Behauptungen!
Stellt Fragen!
Lasst euch nicht einschüchtern!“
Nummer 6 klatschte begeistert.
„Das ist ein Brief, mit dem man etwas anfangen kann!“
Goethe nahm das Papier entgegen.
„Ihr habt eine wichtige Frage entdeckt. Woher wissen wir, ob eine Behauptung über andere Menschen stimmt?“
Nummer 8 antwortete sofort:
„Wir fragen nach Beweisen.“
„Sehr gut.“
Nummer 1 ergänzte:
„Und wir fragen, wer etwas davon hat, wenn wir Angst vor diesen Menschen bekommen.“
Goethe nickte.
„Auch das kann eine wichtige Frage sein.“
Nummer 5 schaute zur Tür.
„Aber wenn jemand wirklich gefährlich ist?“
Goethe wurde ernst.
„Dann muss man die Gefahr prüfen und Menschen schützen. Es wäre ebenso falsch, eine tatsächliche Bedrohung zu ignorieren, wie eine ganze Gruppe ohne Beweise zu verdächtigen.“
Nummer 4 nickte.
„Also nicht blind vertrauen, aber auch nicht blind hassen.“
„Ein guter Anfang“, sagte Goethe.
Da hörten sie draußen ein Geräusch.
Jemand klopfte.
Nummer 3 erschrak.
Nummer 6 erschrak, weil Nummer 3 erschrak.
Nummer 5 sprang beinahe von Goethes Schoß.
Nummer 2 rief: „Wer ist da?“
Eine Stimme antwortete:
„Ich bin Nummer 9.“
Alle acht Wäscheklammerkinderchen starrten einander an.
Nummer 1 flüsterte:
„Nummer 9?“
Nummer 4 flüsterte zurück:
„Es gibt doch nur Nummer 1 bis Nummer 8!“
Nummer 7 packte den Brief.
„Das ist bestimmt jemand von der anderen Seite!“
Nummer 8 sah Goethe an.
„Dürfen wir aufmachen?“
Goethe antwortete nicht sofort.
„Was wisst ihr über Nummer 9?“
„Nichts“, sagte Nummer 1.
„Was hat Nummer 9 getan?“, fragte Goethe.
„Noch nichts“, sagte Nummer 2.
„Was befürchten wir?“
Nummer 3 überlegte.
„Dass Nummer 9 gefährlich ist.“
„Und warum?“
Nummer 3 blickte auf den Brief.
„Weil dort steht, dass man Menschen von der anderen Seite nicht vertrauen soll.“
Goethe nickte.
„Dann wisst ihr bisher mehr über den Brief als über Nummer 9.“
Nummer 5 schluckte.
„Das macht die Sache nicht einfacher.“
„Nein“, sagte Goethe. „Aber es macht sie klarer.“
Nummer 8 rutschte von Goethes Schoß.
„Ich mache auf.“
Nummer 1 hielt sie am Ärmel fest.
„Warte! Wir könnten erst fragen, warum Nummer 9 hier ist.“
Nummer 8 dachte nach.
Dann rief sie zur Tür:
„Nummer 9, warum bist du hier?“
„Ich suche einen Ort, an dem ich meine Mutter anrufen kann“, antwortete die Stimme. „Unser Haus ist beschädigt worden, und ich weiß nicht, wo meine Familie jetzt ist.“
Die acht Kinderchen schwiegen.
Nummer 6 sah auf den Brief.
Nummer 4 senkte den Kopf.
Nummer 5 murmelte:
„Das stand da nicht.“
„Nein“, sagte Goethe leise. „Das stand dort nicht.“
Nummer 7 öffnete die Tür.
Draußen stand ein kleines Wäscheklammerkinderchen.
Es hatte Staub auf der Kleidung.
Es hielt ein zerknittertes Blatt Papier in der Hand.
Und es sah sehr müde aus.
Nummer 8 trat einen Schritt zur Seite.
„Du kannst hereinkommen.“
Nummer 9 blieb stehen.
„Aber ich komme von der anderen Seite.“
Nummer 1 nickte.
„Das haben wir gehört.“
„Ihr habt keine Angst?“
Nummer 3 antwortete ehrlich:
„Doch, ein bisschen.“
Nummer 9 schaute zu Boden.
„Ich auch.“
Da wurde Nummer 5 nachdenklich.
„Das ist merkwürdig.“
„Was?“, fragte Nummer 6.
„Wir haben Angst voreinander, obwohl wir uns noch gar nicht kennen.“
Nummer 2 öffnete den Mund.
Dann schloss es ihn wieder.
„Das ist tatsächlich merkwürdig.“
Goethe lächelte.
„Manchmal verbindet Menschen ihre Angst früher als ihre Freundlichkeit.“
Nummer 4 ging zu Nummer 9.
„Weißt du, wo deine Mutter ist?“
Nummer 9 schüttelte den Kopf.
„Ich habe seit gestern nichts von ihr gehört.“
Nummer 8 rückte näher.
„Dann helfen wir dir beim Suchen.“
Nummer 9 sah sie überrascht an.
„Aber vielleicht mögen mich die Menschen hier nicht.“
Nummer 1 antwortete:
„Wir kennen dich doch noch gar nicht.“
„Und wenn ich etwas sage, das euch nicht gefällt?“
Nummer 7 grinste.
„Dann widersprechen wir dir. Das machen wir bei Goethe auch ständig.“
Goethe hob die Augenbrauen.
„Ich darf mich gegen diese Darstellung verwahren.“
„Einspruch abgelehnt!“, rief Nummer 3.
Nun musste sogar Nummer 9 lächeln.
Nummer 6 holte Wasser.
Nummer 2 brachte einen Stuhl.
Nummer 4 legte eine Decke über die Lehne.
Nummer 5 suchte nach einem Telefon.
Nummer 7 holte Papier, um die notwendigen Adressen aufzuschreiben.
Nummer 1 und Nummer 8 setzten sich neben Nummer 9.
Goethe beobachtete die Kinderchen.
„Ihr habt gerade etwas getan, das schwieriger ist, als es aussieht.“
Nummer 3 hob den Kopf.
„Wir haben ein Telefon gefunden?“
„Auch das.“
„Wir haben Nummer 9 hereingelassen?“
„Auch das.“
Nummer 8 überlegte.
„Wir haben nicht entschieden, wer Nummer 9 ist, bevor wir Nummer 9 überhaupt kennengelernt haben.“
Goethe nickte.
„Genau.“
Nummer 9 schaute auf den Brief.
„Was steht darin?“
Nummer 1 las den Brief vor.
Nummer 9 hörte schweigend zu.
Als Nummer 1 fertig war, fragte Nummer 9:
„Darf ich etwas dazu sagen?“
„Natürlich“, antwortete Goethe.
Nummer 9 atmete tief ein.
„Bei uns gibt es auch einen solchen Brief. Darin steht, dass die Menschen auf eurer Seite gefährlich seien. Dass sie uns alles wegnehmen wollten. Dass wir ihnen niemals vertrauen dürften.“
Die acht Wäscheklammerkinderchen sahen einander an.
Nummer 2 flüsterte:
„Dann haben wir beide denselben Brief.“
Nummer 5 schüttelte den Kopf.
„Nein. Wir haben zwei Briefe.“
Nummer 7 sagte:
„Aber vielleicht dieselbe Idee.“
Goethe lehnte sich zurück.
„Eine Idee, die Angst verbreitet, Misstrauen verstärkt und Menschen davon abhält, miteinander zu sprechen.“
Nummer 4 fragte:
„Wer schreibt solche Briefe?“
„Das kann unterschiedliche Gründe haben“, sagte Goethe. „Manche Menschen glauben tatsächlich, andere seien gefährlich. Andere wollen ihre Macht sichern, Unterstützung gewinnen oder von eigenen Fehlern ablenken. Deshalb müssen wir prüfen, wer etwas behauptet, welche Belege es gibt und welche Folgen die Behauptung hat.“
Nummer 6 schaute Nummer 9 an.
„Bist du denn gefährlich?“
Nummer 9 dachte nach.
„Ich kann wütend werden. Ich kann mich irren. Ich kann manchmal etwas Gemeines sagen. Aber ich bin nicht gefährlich, nur weil ich von der anderen Seite komme.“
Nummer 3 nickte.
„Das könnten wir über uns auch sagen.“
„Besonders über Nummer 5“, sagte Nummer 4.
„Was soll das denn heißen?“, rief Nummer 5.
„Dass du manchmal den letzten Keks nimmst.“
„Das ist eine private Angelegenheit!“
Nummer 9 lachte.
Und zum ersten Mal an diesem Nachmittag war das Lachen nicht nervös.
Goethe nahm den Brief und legte ihn auf den Tisch.
„Meine lieben Kinderchen, ein Feindbild ist oft eine Geschichte, die wir über Menschen erzählen, bevor wir ihnen begegnen. Manchmal enthält sie wirkliche Erfahrungen. Manchmal Übertreibungen. Manchmal Lügen. Aber sie wird gefährlich, wenn wir aufhören, zwischen dem zu unterscheiden, was ein Mensch getan hat, und dem, was wir einer ganzen Gruppe unterstellen.“
Nummer 8 sah Nummer 9 an.
„Wir müssen also nicht so tun, als wären wir alle gleich.“
„Nein“, sagte Goethe. „Ihr dürft verschieden sein. Ihr dürft euch streiten. Ihr dürft euch kritisieren. Ihr dürft auch Abstand halten, wenn ihr euch unsicher fühlt. Aber ihr solltet niemanden allein wegen seiner Herkunft zum Feind erklären.“
Nummer 1 stand auf.
„Ich habe eine Idee.“
„Das beunruhigt mich grundsätzlich“, sagte Goethe.
„Wir schreiben einen dritten Brief.“
Nummer 2 sprang auf.
„An alle Bewohner beider Seiten!“
Nummer 3 holte Papier.
Nummer 4 suchte eine Feder.
Nummer 5 wollte die Überschrift bestimmen.
Nummer 6 erklärte sich für die Rechtschreibung zuständig.
Nummer 7 beanspruchte das Amt für besonders unbequeme Fragen.
Nummer 8 setzte sich neben Nummer 9.
Gemeinsam schrieben sie:
AN ALLE MENSCHEN AUF BEIDEN SEITEN!
Wir kennen nicht jeden von euch.
Wir wissen nicht, was jeder von euch denkt.
Wir wissen nicht, was jeder von euch getan hat.
Darum werden wir nicht so tun, als könnten wir euch alle in einen einzigen Satz stecken.
Wir werden Fragen stellen.
Wir werden zuhören.
Wir werden prüfen, was wahr ist.
Wir werden Unrecht benennen, auch wenn es von Menschen begangen wird, die uns nahestehen.
Wir werden Menschen helfen, die in Not sind.
Und wir werden niemanden allein deshalb zum Feind erklären, weil er auf der anderen Seite geboren wurde.
Wenn ihr uns etwas vorwerft, hören wir euch an.
Wenn wir euch etwas vorwerfen, müsst ihr uns nicht blind glauben.
Lasst uns herausfinden, was geschehen ist.
Lasst uns versuchen, das Unrecht zu beenden.
Und lasst uns nicht vergessen, dass auf beiden Seiten Menschen leben, die nachts nicht schlafen können, weil sie Angst um ihre Familien haben.
UNTERSCHRIFTEN: NUMMER 1, NUMMER 2, NUMMER 3, NUMMER 4, NUMMER 5, NUMMER 6, NUMMER 7, NUMMER 8 UND NUMMER 9.
Nummer 9 betrachtete den Brief.
„Glaubt ihr, dass die Menschen ihn lesen werden?“
Nummer 5 zuckte mit den Schultern.
„Manche vielleicht.“
„Und wenn sie ihn zerreißen?“
Nummer 3 sagte:
„Dann schreiben wir einen neuen.“
„Und wenn sie uns auslachen?“
Nummer 7 grinste.
„Dann müssen wir herausfinden, ob sie über den Brief lachen oder über uns. Das sind zwei verschiedene Dinge.“
Goethe erhob sich.
„Ihr könnt nicht erzwingen, dass alle euch zuhören. Aber ihr könnt entscheiden, ob ihr selbst bereit seid, genauer hinzusehen, Fragen zu stellen und anderen Menschen mit Menschlichkeit zu begegnen.“
Nummer 8 nahm Nummer 9 an die Hand.
„Komm. Wir suchen deine Mutter.“
Die anderen sieben folgten ihnen.
Goethe blieb einen Augenblick in der Tür stehen.
Dann rief er ihnen nach:
„Und vergesst nicht, euch auch gegenseitig Fragen zu stellen!“
Nummer 4 drehte sich um.
„Welche denn?“
Goethe lächelte.
„Zum Beispiel, ob Nummer 5 unterwegs schon wieder alle Kekse gegessen hat.“
„DAS IST EINE VERLEUMDUNG!“, schallte es von der Straße zurück.
Kurz darauf hörte man Nummer 3 rufen:
„Wir haben noch zwei!“
„DREI!“, rief Nummer 5.
Goethe setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl.
Er nahm die beiden Briefe vom Tisch.
Auf dem einen stand, man solle den Menschen auf der anderen Seite niemals vertrauen.
Auf dem anderen stand dasselbe, nur mit vertauschten Seiten.
Goethe betrachtete sie lange.
Dann nahm er eine Schere, schnitt beide Briefe in kleine Stücke und legte sie in den Papierkorb.
Nicht, weil damit alle Vorurteile verschwunden gewesen wären.
Nicht, weil nun alle Menschen einander vertrauten.
Sondern weil die acht Wäscheklammerkinderchen und Nummer 9 an diesem Nachmittag etwas begonnen hatten, das jeder einzelne Mensch wiederholen kann:
Erst fragen.
Dann prüfen.
Und niemals vergessen, dass hinter einer Grenze Menschen leben.
Manchmal sogar Menschen, die denselben Brief bekommen haben.
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