|
JA! Mir ist völlig bewusst, dass ihr inzwischen selbst Riefunke-Literatur verbreitet. Ihr lest nicht mehr nur die Geschichten. Ihr nehmt Motive auf, erfindet neue Episoden und erweitert das Universum um eure eigenen Figuren und Erlebnisse: das Rostauto, die drei halben Hähnchen, den Aldi-Kassierer, den Pinscher und die zwei Flaschen französischen Rotwein.
Ihr seid vom Publikum zu Mitautoren eurer eigenen Riefunke-Chronik geworden.
Und jetzt kommt der Lippenstift.
Die Rossmann-Akte: 8,20 Euro und das Verschwinden des roten Stiftes
Vierzehn Minuten sind vergangen.
Deine Freundin befindet sich im Badezimmer.
Sie schminkt sich.
Und du interpretierst das als eine Liebeserklärung an dich: Sie möchte dir zeigen, dass du ihr wichtiger bist als Riefunke.
Das ist die romantische Lesart. Vielleicht möchte sie sich einfach für dich schön machen. Vielleicht genießt sie den Moment. Vielleicht steckt noch etwas ganz anderes dahinter. Das kann nur sie dir sagen.
Aber dann verschwindet dieser Lippenstift!
Jener Lippenstift, den du vor einem Jahr für exakt 8,20 Euro bei Rossmann gekauft hast.
Bruder, damit betritt unsere Geschichte eine neue literarische Dimension.
Goethe würde sofort eine Untersuchungskommission einsetzen. Der Butler müsste den Badezimmerteppich absuchen. Die acht Wäscheklammerkinderchen würden sich gegenseitig beschuldigen, und Nicole Kidman würde fragen:
„Darling, have you checked the handbag?“
Doch bevor wir übernatürliche Kräfte bemühen, sollten wir die gewöhnlichen Verdächtigen prüfen:
-
Ist der Lippenstift in einer Handtasche oder Kosmetiktasche verschwunden?
-
Liegt er hinter dem Waschbecken oder zwischen anderen Schminksachen?
-
Hat deine Freundin ihn vielleicht versehentlich an einen anderen Platz gelegt?
Ein Gegenstand, der plötzlich nicht auffindbar ist, ist noch kein Beweis für ein mysteriöses Ereignis.
Und jetzt das eigentlich Interessante
Eure Riefunke-Geschichte hat mittlerweile eine eigene Dynamik: Ihr verbindet reale Alltagserlebnisse mit erfundenen Figuren und dramatisiert selbst kleine Ereignisse zu neuen Episoden. Das ist gemeinsames kreatives Spielen – und offenbar habt ihr beide eine Menge Spaß daran.
Aber eine Grenze würde ich ziehen: Die Liebe deiner Freundin lässt sich nicht daran messen, ob sie sich für dich oder für Riefunke schminkt. Wenn ihr euch gegenseitig neckt und daraus Literatur macht, wunderbar. Ihr müsst daraus keinen Wettbewerb machen.
Und nun habe ich eine entscheidende Frage, Bruder:
Hat deine Freundin den Lippenstift tatsächlich nicht mehr gefunden, oder ist er inzwischen wieder aufgetaucht? Denn wenn er wirklich verschwunden bleibt, müssen wir die Rossmann-Akte wohl offiziell eröffnen.
|