Goethe über den Linien von Nasca
RIEFUNKE – Eine Landung, die keine war
Als das Flugzeug die südamerikanische Küste hinter sich gelassen hatte, veränderte sich die Landschaft unter ihnen.
Der Atlantik lag nun hinter dem Horizont. Unter den Tragflächen breitete sich die Wüste aus, gewaltig und beinahe farblos. Ein trockenes Land, von der Sonne gebleicht, durchzogen von Hügeln, steinigen Ebenen und jenen geheimnisvollen Linien, die sich über den Boden zogen, als hätte jemand vor langer Zeit versucht, der Erde etwas mitzuteilen.
Goethe beugte sich zum Fenster.
„Mein lieber Freund“, sagte er zum Copiloten, „ich glaube, wir sind angekommen.“
Der Copilot warf einen Blick auf die Instrumente.
„Wir sind noch in der Luft, Herr Goethe.“
„Das ist mir bewusst.“
„Die Landung erfolgt erst in etwa vierzig Minuten.“
„Dann sind wir eben geistig angekommen.“
Der Copilot lächelte.
„Das steht leider nicht in unserem Flugplan.“
„Ein bedauerlicher Mangel Ihrer Zunft.“
Goethe deutete nach unten.
„Was sind das für Linien?“
„Die Linien von Nasca. Manche nennen sie auch die Nazca-Linien.“
„Wer hat sie geschaffen?“
„Die Nasca-Kultur. Vor vielen Jahrhunderten. Es gibt geometrische Figuren und Darstellungen von Tieren, darunter einen Kolibri, einen Affen und eine Spinne.“
Goethe schwieg.
Unter ihnen lag ein gewaltiges Bild, das sich erst aus der Höhe erschloss. Am Boden wären die einzelnen Linien kaum als zusammengehöriges Ganzes zu erkennen gewesen. Hier oben aber verbanden sie sich zu einer Ordnung, die beinahe selbstverständlich wirkte.
„Und warum haben diese Menschen das getan?“, fragte Goethe.
„Das weiß man nicht mit letzter Sicherheit. Es gibt verschiedene Erklärungen. Vermutlich spielten religiöse Vorstellungen und Rituale eine Rolle. Auch die Landschaft und das Wasser könnten wichtig gewesen sein.“
Goethe nickte.
„Sie haben also etwas geschaffen, dessen Bedeutung wir bis heute nicht vollständig verstehen.“
„Ja.“
„Und trotzdem haben Sie es nicht zerstört.“
„Nein, natürlich nicht.“
Goethe wandte sich ihm zu.
„Das ist bemerkenswert.“
„Was genau?“
„Dass die Menschen manchmal etwas bewahren, obwohl sie nicht wissen, was es bedeutet.“
Der Copilot betrachtete ihn.
„Vielleicht, weil sie erkennen, dass es bedeutend sein muss.“
Goethe schüttelte langsam den Kopf.
„Oder weil sie fürchten, dass es bedeutend sein könnte.“
Er sah wieder hinaus.
„Es ist ein Unterschied, mein Freund.“
Das Flugzeug flog tiefer. Die Linien wurden deutlicher. Manche verliefen geradewegs durch die Wüste, andere formten sich zu geometrischen Figuren, wieder andere zeichneten Tiere, deren Körper und Gliedmaßen aus der Luft eine verblüffende Klarheit gewannen.
Goethe nahm seinen Spazierstock vom Sitz.
„Sagen Sie mir: Wenn Sie dort unten stünden, könnten Sie den Kolibri erkennen?“
„Vermutlich nicht vollständig.“
„Und wenn Sie hundert Meter höher wären?“
„Dann vielleicht schon.“
„Und wenn Sie noch höher stiegen?“
„Dann könnten Sie die ganze Figur sehen.“
Goethe lächelte.
„Sehen Sie, genau das beschäftigt mich.“
Der Copilot wartete.
„Wir Menschen stehen gewöhnlich mitten in unseren eigenen Angelegenheiten. Wir sehen einzelne Linien, einzelne Entscheidungen, einzelne Fehler. Wir wissen selten, welches Bild daraus entsteht. Erst aus einer Entfernung erkennen wir vielleicht einen Zusammenhang.“
„Sie meinen, man müsse Abstand gewinnen?“
„Nicht immer. Wer nur aus der Ferne betrachtet, übersieht leicht, woraus eine Linie besteht. Und wer ausschließlich am Boden steht, erkennt möglicherweise nicht, wohin sie führt.“
Goethe legte den Spazierstock quer über seine Knie.
„Vielleicht brauchen wir beides: die Nähe, um die Wirklichkeit zu berühren, und die Entfernung, um sie zu begreifen.“
Der Copilot nickte.
„Das klingt vernünftig.“
„Vorsicht“, sagte Goethe. „Vernünftige Sätze sind besonders gefährlich, wenn man sie zu schnell glaubt.“
Beide lachten.
Dann wurde Goethe wieder still.
Unter ihnen erschien die Darstellung einer großen Figur, deren Umrisse sich über den Wüstenboden zogen. Sie schien mit einer Selbstverständlichkeit dort zu liegen, die beinahe unheimlich war.
„Haben Sie eine Vorstellung davon“, fragte Goethe, „wie viel Arbeit es gekostet haben muss, diese Figuren anzulegen?“
„Sicherlich sehr viel.“
„Und wie viele Menschen daran beteiligt waren?“
„Das wissen wir nicht genau.“
„Und ob sie jemals alle gemeinsam aus der Höhe gesehen haben, was sie geschaffen hatten?“
Der Copilot überlegte.
„Das können wir nicht sicher sagen.“
Goethe nickte.
„Dann könnte es sein, dass Menschen über lange Zeit etwas geschaffen haben, dessen vollständige Gestalt sie selbst nie gesehen haben.“
„Ja.“
„Und trotzdem haben sie weitergemacht.“
Der Copilot sah aus dem Fenster.
„Vielleicht genügte ihnen der Glaube, dass es einen Sinn hatte.“
Goethe lächelte schwach.
„Vielleicht.“
Er schwieg einen Moment.
„Oder sie hatten etwas, das wir heute beinahe verlernt haben.“
„Was denn?“
„Die Fähigkeit, eine Arbeit zu beginnen, ohne zuvor zu wissen, wie viele Menschen sie später betrachten werden.“
Der Copilot sah ihn überrascht an.
Goethe bemerkte es.
„Sie denken an Ihren kleinen Kasten in der Tasche, nicht wahr?“
Der Copilot lachte.
„Vielleicht.“
„Und an jene Menschen, die dort ihre Bilder und Gedanken veröffentlichen?“
„Ja.“
Goethe deutete auf die Wüste.
„Dann betrachten Sie diese Linien noch einmal. Stellen Sie sich vor, die Menschen, die sie geschaffen haben, hätten vor Beginn ihrer Arbeit einen Berater gefragt, ob sich das Vorhaben lohne.“
Der Copilot grinste.
„Was hätte der Berater geantwortet?“
„Das hängt davon ab, wie gut er rechnen konnte.“
„Und wenn er sehr gut hätte rechnen können?“
„Dann hätte er vermutlich nachgewiesen, dass die Arbeit zu teuer, der Nutzen nicht messbar und die Zahl der Zuschauer unbekannt gewesen wäre.“
Der Copilot lachte laut.
Goethe lachte mit ihm.
„Und nun sehen Sie, was aus der Sache geworden ist. Jahrhunderte später fliegen Menschen über diese Wüste, um sich zu fragen, warum andere Menschen dort Linien in den Boden gezogen haben.“
Er beugte sich wieder zum Fenster.
„Die Welt ist voller solcher Rechnungen, die nicht aufgehen.“
Das Flugzeug glitt über eine weitere Figur hinweg.
Plötzlich fragte der Copilot:
„Herr Goethe, glauben Sie, dass diese Menschen wussten, dass ihre Arbeit so lange überdauern würde?“
Goethe antwortete nicht sofort.
„Nein“, sagte er schließlich. „Und vielleicht liegt gerade darin etwas Tröstliches.“
„Warum?“
„Weil sie nicht für unsere Bewunderung gearbeitet haben müssen. Sie haben in ihrer eigenen Welt gelebt, mit ihren eigenen Fragen, ihren eigenen Sorgen und ihren eigenen Hoffnungen. Sie haben etwas getan, dessen Bedeutung uns heute noch beschäftigt.“
Er blickte den Copiloten an.
„Wenn wir nur das tun würden, von dem wir sicher wissen, dass es später bewundert wird, dann wäre unsere Welt vermutlich sehr viel ärmer.“
Der Copilot dachte an seine Familie. An die Kinder, die zu Hause vielleicht gerade frühstückten. An seine Frau, die nicht wusste, dass er in diesem Augenblick über einer uralten Wüste saß und mit einem Mann sprach, dessen Bücher noch Jahrhunderte nach seinem Tod gelesen wurden.
„Dann ist es also nicht so wichtig, ob man weiß, wofür man etwas tut?“, fragte er.
Goethe schüttelte den Kopf.
„Doch. Es ist wichtig, dass man sich diese Frage stellt. Aber es ist nicht notwendig, dass man jede Antwort bereits besitzt.“
Er lächelte.
„Manchmal genügt es, eine Arbeit zu beginnen, weil man spürt, dass sie getan werden muss.“
Der Copilot schwieg.
Draußen lag der Kolibri, seine Linien schmal und klar im hellen Boden. Für einen Augenblick hatte Goethe das Gefühl, als bewege sich das Tier unter ihnen. Natürlich bewegte es sich nicht. Es war ein Bild, geschaffen aus einer Abwesenheit von Steinen, eine Zeichnung, deren Material gerade das war, was man entfernt hatte.
„Merkwürdig“, sagte Goethe.
„Was?“
„Manchmal muss man etwas wegnehmen, damit eine Gestalt sichtbar wird.“
Der Copilot betrachtete ihn.
„Das gilt wohl auch für das Schreiben.“
Goethe nickte.
„Und für das Leben.“
Er dachte an die vielen Worte, die er geschrieben und später verworfen hatte. An die Urteile, die er sich über Menschen gebildet hatte, bevor er sie wirklich kannte. An die Überzeugungen, die ihm einst unverrückbar erschienen waren und die er später hatte aufgeben müssen.
„Vielleicht“, sagte er, „besteht ein Teil unserer Arbeit darin, das Überflüssige zu entfernen, bis das Wesentliche erkennbar wird.“
Der Copilot sah wieder auf die Landschaft.
„Und woher wissen wir, was überflüssig ist?“
Goethe lächelte.
„Das ist die unangenehme Frage.“
Er hatte gerade noch etwas hinzufügen wollen, als das Smartphone des Copiloten aufleuchtete.
Eine neue Nachricht.
Der Copilot nahm das Gerät in die Hand.
„Was ist es?“, fragte Goethe.
„Eine Benachrichtigung.“
„Von wem?“
„Das weiß ich noch nicht.“
Der Copilot öffnete sie.
Auf dem Bildschirm stand lediglich:
Manche Linien sind erst dann sichtbar, wenn jemand Abstand nimmt.
Darunter befand sich kein Name.
Kein Absender.
Kein Link.
Der Copilot runzelte die Stirn.
„Das ist seltsam.“
Goethe beugte sich vor.
Er las den Satz.
Dann blickte er aus dem Fenster auf die Linien von Nasca.
„Nein“, sagte er leise. „Seltsam wäre es, wenn wir jetzt glaubten, bereits zu wissen, wer ihn geschrieben hat.“
„Was sollen wir damit machen?“
Goethe setzte sich wieder zurück.
„Zunächst nichts.“
„Gar nichts?“
„Wir sind gerade über einer der größten Fragen der Menschheit hinweggeflogen. Da werden wir wohl fünf Minuten mit einer unbeantworteten Nachricht leben können.“
Der Copilot steckte das Smartphone weg.
Das Flugzeug setzte seinen Weg fort.
Die Wüste blieb zurück, und am Horizont zeichnete sich die Küste ab.
Goethe schloss die Augen. Er dachte an die Menschen, die diese Linien geschaffen hatten, ohne zu wissen, wer sie eines Tages aus der Luft betrachten würde.
Und plötzlich dachte er an einen anderen Menschen.
An einen Menschen, der irgendwo an einem Schreibtisch saß, Geschichten schrieb und sie ins Internet stellte. Einen Menschen, der vielleicht manchmal zweifelte, ob es sich lohnte, weiterzumachen.
Goethe öffnete die Augen.
„Copilot?“
„Ja, Herr Goethe?“
„Wenn wir gelandet sind, möchte ich einen Brief schreiben.“
Der Copilot lächelte.
„Schon wieder?“
„Ja.“
„An wen diesmal?“
Goethe blickte auf die letzten Linien, die unter ihnen verschwanden.
„An einen Menschen, der glaubt, er sei zu klein, um etwas zu hinterlassen.“
Der Copilot schwieg.
Dann fragte er:
„Und was werden Sie ihm schreiben?“
Goethe sah ihn an.
„Dass die Größe einer Spur nicht davon abhängt, wie groß der Mensch war, der sie hinterlassen hat.“
Er hielt kurz inne.
„Aber bitte schreiben Sie das nicht sofort auf.“
„Warum nicht?“
Goethe lächelte.
„Weil wir noch nicht gelandet sind.“
Das Flugzeug sank langsam in Richtung Küste.
Und irgendwo, weit entfernt von der Wüste, wartete eine kleine Kunstfigur namens RIEFUNKE darauf, dass jemand ihre nächste Geschichte erzählte.
Vielleicht war sie nur eine Linie.
Vielleicht war sie bereits Teil eines Bildes.
Das wusste noch niemand.
Und gerade deshalb durfte die Geschichte weitergehen.
|