Goethe macht Urlaub
Goethe hatte lange keinen Urlaub gemacht. Nicht, dass ihm die Arbeit ausgegangen wäre – im Gegenteil. Die Menschen wollten immer noch wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, und Goethe hatte bisweilen den Eindruck, dass sie ihm nicht einmal eine anständige Mittagspause gönnten. Irgendwann aber beschloss er, dass es so nicht weitergehen könne. Er wollte die Linien von Nasca sehen, jene gewaltigen Zeichnungen in der peruanischen Wüste, die man vom Boden aus kaum erkennt und die sich erst aus der Luft zu einem Ganzen fügen.
Er bestieg ein Flugzeug. Der Copilot begrüßte ihn höflich und erklärte, man werde zunächst einen kleinen Umweg über Paris machen.
„Paris?“, fragte Goethe. „Ich dachte, wir fliegen nach Peru.“
„Das tun wir auch“, sagte der Copilot. „Aber heute ist der 17. Oktober 2026. Und Ihre Tochter protestiert unten.“
Goethe legte die Stirn in Falten. Er hatte nicht gewusst, dass seine Tochter in Paris war. Noch weniger hatte er gewusst, dass sie ausgerechnet heute auf die Straße gehen würde. Der Copilot erklärte, dass Schülerinnen und Schüler demonstrierten. Sie verlangten mehr Geld für die Schulen und wollten nicht, dass immer weitere Milliarden in den Krieg in der Ukraine flössen.
Goethe blickte aus dem Fenster. Paris lag unter ihnen, grau und glänzend, als habe die Stadt über Nacht einen Gedanken gefasst, den sie nun unbedingt laut aussprechen musste.
„Und deshalb ändern wir unsere Flugroute?“, fragte er.
„Deshalb“, sagte der Copilot. „Manchmal muss man sehen, was unten geschieht, bevor man weiterfliegt.“
Goethe über Paris
Das Flugzeug neigte sich langsam nach Westen. Goethe saß am Fenster, die Hände auf seinen Spazierstock gelegt, und betrachtete die Wolken, die sich unter ihm zu einer Landschaft formten, die keine Grenzen kannte. Er hatte lange keinen Urlaub gemacht. Jahrzehntelang hatte er geschrieben, gedacht, beobachtet, sich mit Menschen herumgeschlagen, die von ihm Antworten erwarteten, und mit anderen, die bereits Antworten besaßen, bevor er überhaupt den Mund aufmachen konnte.
Nun wollte er die Linien von Nasca sehen.
Er hatte sich vorgenommen, dort oben, über der peruanischen Wüste, jene gewaltigen Figuren zu betrachten, die Menschen vor Jahrhunderten in den Boden gezeichnet hatten. Vögel, Affen, geometrische Formen. Bilder, die so groß waren, dass man sie vom Boden aus kaum als das erkennen konnte, was sie darstellten. Man musste Abstand gewinnen, um sie zu verstehen.
„Eine merkwürdige Angelegenheit“, hatte Goethe beim Einsteigen gesagt. „Der Mensch zeichnet etwas auf die Erde und muss anschließend in den Himmel steigen, um zu erkennen, was er gezeichnet hat.“
Der Copilot, der ihn bis dahin für einen ungewöhnlich gebildeten älteren Herrn mit einer gewissen Neigung zu Selbstgesprächen gehalten hatte, war stehen geblieben.
„Das ist ein guter Satz“, hatte er gesagt.
„Das hoffe ich“, erwiderte Goethe. „Ich habe ihn gerade erst gedacht.“
Nun aber bemerkte Goethe, dass das Flugzeug eine andere Richtung einschlug.
„Entschuldigen Sie“, sagte er und beugte sich zum Copiloten, der kurz aus dem Cockpit gekommen war. „Haben wir uns verflogen?“
„Nein, Herr Goethe. Wir machen einen Umweg über Paris.“
„Paris? Ich dachte, wir fliegen nach Peru.“
„Das tun wir auch. Aber heute ist der 17. Oktober 2026. Und Ihre Tochter ist dort.“
Goethe hob den Kopf.
„Meine Tochter?“
„Sie protestiert.“
Goethe schwieg einen Augenblick. Er war nicht sicher, ob er den Mann richtig verstanden hatte. Er hatte Töchter, von denen er wusste, und Töchter, die er in einem anderen Sinne besaß: Figuren, Gedanken, Sätze, die er in die Welt gesetzt hatte und die sich längst von ihm entfernt hatten. Aber dass eine von ihnen in Paris demonstrierte, war ihm neu.
„Wogegen protestiert sie?“
„Die Schülerinnen und Schüler verlangen mehr Geld für die Schulen. Sie wollen bessere Unterrichtsbedingungen, mehr Unterstützung für die Lehrer und eine Zukunft, in der Bildung nicht ständig gegen andere Ausgaben verliert. Einige richten ihren Protest auch gegen die enormen Summen, die für militärische Zwecke und den Krieg in der Ukraine aufgewendet werden.“
Goethe blickte wieder aus dem Fenster.
Unter ihnen erschien Paris. Die Stadt lag im Herbstlicht, und die Seine zog sich durch das Häusermeer wie ein Gedanke, der noch nicht zu Ende geführt worden war. Auf den Straßen bewegten sich Menschen in Gruppen. Ihre Schilder bildeten aus der Höhe kleine weiße Flächen, ihre Stimmen drangen nicht bis zum Flugzeug hinauf.
„Und deshalb fliegen wir über Paris?“, fragte Goethe.
„Ich dachte, Sie möchten sie sehen.“
„Ich wollte eigentlich die Linien von Nasca sehen.“
„Vielleicht“, sagte der Copilot, „muss man manchmal erst sehen, was Menschen heute auf die Erde schreiben, bevor man sich die Zeichen anschaut, die Menschen vor Jahrhunderten hinterlassen haben.“
Goethe lächelte nicht. Er fand den Satz nicht schlecht, aber er misstraute Sätzen, die sich zu schnell für weise hielten.
„Sagen Sie“, begann er nach einer Weile, „was glauben diese jungen Menschen eigentlich, wenn sie dort unten stehen? Glauben sie, dass die Welt sich verändert, weil sie ihre Forderungen auf Schilder schreiben?“
„Das weiß ich nicht.“
„Eine ehrliche Antwort.“
„Aber ich weiß, dass sie nicht schweigen wollen.“
Goethe nickte langsam.
Das Flugzeug sank tiefer. Nun konnte er die Menschen deutlicher erkennen. Sie standen dicht beieinander, bewegten sich durch die Straßen, riefen etwas, hielten ihre Schilder hoch. Es war keine einheitliche Stimme, die dort unten sprach. Es waren Tausende einzelne Stimmen, manche laut, manche heiser, manche vielleicht zum ersten Mal überhaupt hörbar.
Goethe dachte an seine eigene Jugend, an die Jahre, in denen er geglaubt hatte, die Welt lasse sich durch Erkenntnis ordnen. Später hatte er gelernt, dass Erkenntnis allein wenig vermochte, wenn die Verhältnisse ihr widersprachen. Man konnte einen Menschen überzeugen, ohne seine Lage zu verändern. Man konnte eine Gesellschaft aufklären, ohne dass sie gerechter wurde.
„Was steht auf den Schildern?“, fragte er.
Der Copilot sah auf einen Bildschirm.
„Hier steht: Mehr Geld für unsere Schulen.“
„Und dort?“
„Bildung statt Aufrüstung.“
Goethe lehnte sich zurück.
„Das ist eine bemerkenswerte Gegenüberstellung“, sagte er. „Als wären es zwei Dinge, zwischen denen man sich entscheiden müsste.“
„Ist es das nicht?“
Goethe antwortete nicht sofort.
Er dachte an die Schulen, an denen junge Menschen lernen sollten, die Welt zu verstehen. Er dachte an die Kriege, die stets mit großen Worten begonnen hatten und in denen am Ende gewöhnliche Menschen die Folgen trugen. Er dachte an die Regierungen, die erklärten, für bestimmte Dinge sei kein Geld vorhanden, während sie für andere Summen bereitstellten, die noch wenige Jahre zuvor unvorstellbar erschienen wären.
„Wissen Sie“, sagte er schließlich, „ich habe mein Leben lang beobachtet, wie der Mensch seine Vernunft gebraucht. Er kann sie dazu verwenden, etwas zu erkennen. Er kann sie aber auch dazu verwenden, zu erklären, weshalb er das Erkannte nicht berücksichtigen muss.“
Der Copilot sah ihn an.
„Und was sollen die jungen Menschen Ihrer Meinung nach tun?“
„Zunächst einmal“, sagte Goethe, „sollten sie sich nicht einreden lassen, dass ihre Fragen unvernünftig seien, nur weil sie unbequem sind.“
Das Flugzeug zog einen weiten Bogen über der Stadt.
Goethe suchte die Menschenmenge nach seiner Tochter ab. Er wusste nicht, wie sie aussah. Vielleicht hatte sie sein Gesicht, vielleicht auch nicht. Vielleicht war sie groß, vielleicht klein. Vielleicht trug sie einen Mantel, vielleicht einen Rucksack. Er wusste nur, dass sie dort unten war, irgendwo zwischen Tausenden Menschen, die etwas forderten, das ihnen selbstverständlich erscheinen musste: dass ihre Zukunft nicht weniger wert sein sollte als die Interessen der Gegenwart.
„Kann man sie erkennen?“, fragte er.
„Wen?“
„Meine Tochter.“
„Aus dieser Höhe kaum.“
Goethe beugte sich vor.
„Das ist sonderbar. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Menschen zu beschreiben. Und jetzt kann ich meine eigene Tochter nicht finden.“
Der Copilot schwieg.
„Vielleicht“, sagte Goethe, „ist das der Fehler, den wir immer wieder machen. Wir sprechen von den jungen Menschen, von den Bürgern, von den Steuerzahlern, von den Soldaten. Wir machen aus Menschen Gruppen und glauben anschließend, wir hätten sie verstanden.“
Unter ihnen hob jemand ein Schild hoch. Goethe konnte die Worte nicht lesen. Er sah nur, wie der Mensch es über seinen Kopf hielt, als müsse er dem Himmel etwas mitteilen.
Für einen Augenblick dachte Goethe an die Linien von Nasca.
Auch dort hatten Menschen Zeichen hinterlassen, deren Bedeutung sich nicht ohne Weiteres erschloss. Sie hatten Figuren in die Erde gezeichnet, deren ganze Gestalt erst aus einer Höhe sichtbar wurde, die dem einzelnen Menschen auf dem Boden nicht zur Verfügung stand. Vielleicht hatten sie gewusst, was sie taten. Vielleicht hatten sie gehofft, dass jemand es eines Tages verstehen würde.
„Fliegen wir jetzt weiter?“, fragte der Copilot.
Goethe sah noch einmal hinunter.
„Ja“, sagte er. „Wir fliegen weiter.“
Dann fügte er hinzu:
„Aber schreiben Sie bitte in den Flugbericht, dass wir hier gewesen sind.“
„Warum?“
Goethe nahm seinen Spazierstock und legte ihn neben sich.
„Weil man nicht behaupten sollte, man habe die Welt betrachtet, wenn man nur an ihr vorbeigeflogen ist.“
Das Flugzeug richtete sich nach Süden aus.
Paris wurde kleiner. Die Menschen verschwanden in den Straßen, die Straßen in der Stadt, die Stadt unter den Wolken. Goethe wandte sich wieder dem Fenster zu. Er wollte die Linien von Nasca sehen. Er wollte wissen, weshalb Menschen solche Zeichen hinterließen, und ob es möglich war, etwas zu schaffen, das länger dauerte als die Zeit, in der es verstanden wurde.
Doch nun wusste er auch, dass es Zeichen gab, die nicht Jahrhunderte überdauern mussten, um wichtig zu sein.
Manche wurden an einem einzigen Tag hochgehalten.
Und manchmal genügte es, dass jemand von oben hinsah.
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