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DIE GEBURT DES BLAUÄUGIGEN WESENS
Eine Vision aus der English Scrollstube
I. Die Nacht, in der nichts geschah
Es war drei Uhr siebzehn.
Dr. Wellenberg hatte bereits viermal festgestellt, dass sämtliche formalen Voraussetzungen erfüllt seien.
Der Butler hatte dreimal Tee serviert.
Goethe hatte sieben Seiten geschrieben und anschließend wieder durchgestrichen.
Nicole Kidman saß im VIP-Raum und hatte erklärt, dass sie heute keinen Film mehr sehen wolle.
Der Türsteher war eingeschlafen. Zum ersten Mal in seiner beruflichen Laufbahn bewachte er eine Tür, hinter der niemand etwas wollte.
Und im übergroßen Hundekorb saß die Tiketaketokerin.
Das Ei lag vor ihr.
Die Wäscheklammerkinderchen hatten Aldi-Honig bereitgestellt. Eines hielt das Glas, eines einen kleinen Löffel, und das dritte bewachte ein Schild mit der Aufschrift:
BITTE NICHT STÖREN. HIER ENTSTEHT FRIEDEN.
Dann geschah nichts.
Eine Stunde lang geschah nichts.
Noch eine Stunde lang geschah nichts.
Schließlich fragte Goethe:
„Ist das ein gutes Zeichen?“
Dr. Wellenberg blätterte in seiner Mappe.
„Dazu liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor.“
II. Das erste Geräusch
Um vier Uhr sechsundvierzig hörte die Tiketaketokerin ein Geräusch.
Es war kein Knacken.
Es war auch kein Piepsen.
Es klang, als hätte jemand in einem sehr weit entfernten Zimmer eine winzige Tür geöffnet.
Sie beugte sich vorsichtig über das Ei.
„Butler?“
„Sehr wohl.“
„Ich glaube, es ist etwas passiert.“
Der Butler trat näher.
Die Wäscheklammerkinderchen hielten den Atem an.
Dr. Wellenberg nahm seine Brille ab, putzte sie und setzte sie wieder auf.
Goethe stand auf.
Nicole Kidman kam aus dem VIP-Raum.
Der Türsteher erwachte und rief automatisch:
„DAS IST HIER KEIN KINO!“
Niemand beachtete ihn.
Denn auf der Schale des Eis erschien ein feiner Riss.
Nicht mehr.
Nicht weniger.
Ein winziger Riss, der sich langsam über die weiße Oberfläche zog.
Und irgendwo in der English Scrollstube begann ein Handy zu klingeln.
Der Butler hob es auf, schaltete es aus und legte es in eine Schublade.
„Sehr wohl“, sagte er leise.
III. Die Ankunft
Was dann geschah, ließ sich später von niemandem vollständig beschreiben.
Die Schale öffnete sich.
Und aus dem Ei kam kein Huhn.
Es kam ein menschliches Wesen.
Ein kleines Mädchen mit blauen Augen.
Es lag in den weißen Tüchern, die die Wäscheklammerkinderchen vorsorglich in den Hundekorb gelegt hatten. Es war still. Es weinte nicht. Es verkündete nichts. Es kannte weder die Generäle noch die Grenzen, weder die Betrügereien noch die endlosen Streitigkeiten der Menschen.
Es wusste nichts von den 155 Bewerbungen aus London.
Es wusste nichts von Nicole Kidmans neuem Film.
Es wusste nicht, dass irgendwo auf der Erde Menschen einander bekämpften.
Es wusste nicht einmal, dass es soeben eine English Scrollstube betreten hatte.
Es hatte blaue Augen.
Und es war da.
Die Tiketaketokerin betrachtete das kleine Wesen. Ihre Hände zitterten ein wenig.
„Ist es wirklich da?“, fragte sie.
Dr. Wellenberg sah in seine Mappe.
Dann klappte er sie zu.
„Ja“, sagte er.
Das war seine erste Antwort an diesem Morgen, für die er kein Formular benötigte.
IV. Goethe schweigt
Goethe trat an den Hundekorb.
Er betrachtete das Kind lange.
Dann sagte er:
„Wir haben so viele Worte über die Welt gemacht. Und nun kommt etwas auf die Welt, das keines unserer Worte kennt.“
Nicole Kidman setzte sich neben die Tiketaketokerin.
Der Butler brachte eine frische Decke.
Die Wäscheklammerkinderchen rückten näher.
Eines von ihnen flüsterte:
„Ist es jetzt friedlich?“
Ein anderes antwortete:
„Es ist noch ganz neu.“
Das dritte dachte nach.
„Vielleicht ist das dasselbe.“
Niemand widersprach.
V. Die erste Berührung
Die Tiketaketokerin hob das Kind vorsichtig aus dem Hundekorb und nahm es in ihre Arme.
Die blauen Augen öffneten sich.
Das Kind sah sie an.
Und die Tiketaketokerin bemerkte, dass sie plötzlich nicht mehr daran dachte, wie viele Menschen ihr Video ansehen würden. Sie dachte nicht an Follower, nicht an Kommentare, nicht an Reichweite.
Sie dachte nur daran, dass dieses kleine Wesen Wärme brauchte.
Sie zog die Decke ein wenig höher.
Die Wäscheklammerkinderchen legten ihre winzigen Hände auf den Rand des Korbes.
Eines von ihnen hatte noch immer den Löffel mit dem Aldi-Honig in der Hand.
„Und jetzt?“, fragte es.
Der Butler antwortete:
„Jetzt lassen wir das Kind erst einmal ankommen.“
Zum ersten Mal an diesem Tag war dies eine Anordnung, gegen die niemand etwas einzuwenden hatte.
VI. Die Welt draußen
Am Morgen wurde die Geburt bekannt.
Die Nachricht verbreitete sich über die English Scrollstube, über London, über Bayern und schließlich über das Internet.
Die TikTok-KI versuchte, die Bedeutung des Ereignisses zu bestimmen.
Sie analysierte die Aufrufe.
Sie verglich die Kommentare.
Sie suchte nach ähnlichen Ereignissen.
Sie erstellte eine Prognose über das zu erwartende Nutzerinteresse.
Aber sie fand keine passende Kategorie.
Das Kind hatte noch kein Profil.
Es hatte keine Follower.
Es hatte kein Video veröffentlicht.
Es hatte nichts getan, was sich hätte bewerten lassen.
Und trotzdem sprachen die Menschen über seine Ankunft.
Nicht alle freundlich. Nicht alle verständnisvoll. Manche verlangten Erklärungen, andere wollten Beweise, wieder andere fragten, wer für das Kind zuständig sei.
Die Welt blieb die Welt.
Aber in der English Scrollstube saß eine Tiketaketokerin mit einem kleinen blauäugigen Mädchen im Arm.
Die Wäscheklammerkinderchen waren bei ihr.
Goethe hatte sein Notizbuch geschlossen.
Nicole Kidman war geblieben.
Der Butler stand an der Tür.
Und Dr. Wellenberg schrieb in seine Akte:
„Geburt erfolgt. Wesen anwesend. Weitere Beobachtungen erforderlich.“
Darunter setzte er nach kurzem Zögern einen zweiten Satz:
„Friedfertigkeit bislang ungestört.“
VII. Das Geheimnis bleibt
Niemand erklärte Symne.
Niemand wusste, ob die Geburt ein Wunder gewesen war oder ob das Wort Wunder überhaupt angemessen war.
Niemand konnte beweisen, dass das Kind die Erde friedlicher machen würde.
Und das Kind selbst hatte noch kein Wort gesprochen.
Vielleicht würde es später sprechen.
Vielleicht würde es lachen, Fragen stellen, Fehler machen und seine eigene Geschichte entwickeln.
Vielleicht würde es sich eines Tages weigern, das zu tun, was andere von ihm erwarteten.
Auch das wusste niemand.
Aber es war geboren worden, ohne dass man ihm einen Feind gezeigt hatte.
Es war angekommen, ohne dass man ihm eine Rolle zugewiesen hatte.
Es war da, ohne dass jemand von ihm verlangt hatte, die Welt zu retten.
Und vielleicht war genau das der Anfang.
Nicht die Rettung der Erde.
Nicht das Ende aller Kriege.
Sondern die Möglichkeit, dass ein Wesen in diese Welt kommt, dessen erster Augenblick nicht von Hass bestimmt ist.
Die Wäscheklammerkinderchen betrachteten das Kind.
Dann sagte das kleinste von ihnen:
„Wir müssen ihm noch einen Namen geben.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
Goethe öffnete sein Notizbuch wieder.
Nicole Kidman lächelte.
Und irgendwo im hinteren Teil der English Scrollstube stand noch immer der übergroße Hundekorb.
Er war leer.
Aber niemand wagte, ihn wegzuräumen.
Denn in RIEFUNKE weiß man nie, wann ein Korb wieder gebraucht wird.
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