DIE ENGLISH SCROLLSTUBE
Band IV: Der Mann, der verschwand, und die Nacht, in der der Papst anrief
Eine Tragikomödie in sieben unerklärlichen Akten.
Ort: English Scrollstube, irgendwo zwischen Steinhuder Meer und metaphysischem Kontrollverlust.
Zeit: Eine Stunde nach Mitternacht.
Wetter: Unklar. Selbst der Wetterdienst hat inzwischen aufgegeben.
ERSTER AKT – DER ROTE STEIN
Goethe saß in seinem Arbeitszimmer.
Vor ihm lagen drei Gegenstände: eine erloschene Kerze, eine blonde Perücke und ein Zettel, auf dem in krakeliger Schrift stand:
„Bin gleich zurück. Muss kurz was erledigen.“
Darunter befand sich ein roter Stein.
Goethe betrachtete ihn.
„Interessant“, murmelte er. „Sehr interessant.“
Er nahm seine Taschenlampe, leuchtete auf den Stein und stellte fest, dass dieser nicht nur rot war, sondern offenbar auch eine gewisse Ähnlichkeit mit einer gewöhnlichen Schottersteinfraktion aufwies.
„Entweder“, sagte er, „ist dies ein Artefakt von historischer Bedeutung, oder ich werde allmählich verrückt.“
In diesem Moment klopfte es.
Der Butler trat ein.
Er trug eine frische Uniform, ein Tablett und den Gesichtsausdruck eines Mannes, der innerlich bereits gekündigt hatte.
„Herr Geheimrat, die Kinder haben ein Problem.“
„Welches?“
„Sie haben die roten Steine gezählt.“
„Und?“
„Es sind neun.“
Goethe legte die Taschenlampe nieder.
„Aber es gibt nur acht Kinder.“
Der Butler nickte langsam.
Aus dem Kinderzimmer ertönte ein Schrei.
„WER HAT DEN NEUNTEN STEIN?!“
Goethe erhob sich.
„Mein lieber Butler, ich fürchte, wir haben ein Problem, das sich nicht mit Baldriantee lösen lässt.“
ZWEITER AKT – NICOLE KIDMAN VERLIERT DIE GEDULD
Im VIP-Raum saß Nicole Kidman in einem Sessel, eingehüllt in eine Decke, die sie aus Gründen der persönlichen Sicherheit für notwendig hielt.
Vor ihr standen inzwischen drei Tassen Baldriantee.
Sie hatte die erste getrunken, die zweite ignoriert und die dritte vorsorglich dem Butler überlassen.
„Goethe“, sagte sie, „I came here for a quiet evening.“
„Das verstehe ich.“
„I expected literature. Philosophy. Perhaps a little ghost story.“
„Gewiss.“
„But I did not expect eight screaming children, nine suspicious stones and a man who enters through the roof wearing a blonde wig.“
Goethe schwieg.
Nicole beugte sich vor.
„And where is that man now?“
Goethe blickte zum Fenster.
Draußen bewegte sich der Vorhang.
Es gab keinen Wind.
Nicole stellte ihre Tasse ab.
„Oh, no.“
Aus dem Vorhang ertönte eine Stimme.
„Guten Abend, Frau Kidman.“
Nicole schrie.
Der Butler ließ das Tablett fallen.
Goethe griff instinktiv nach seinem Stock.
Doch der Stock war nicht da.
„VERDAMMT NOCH MAL!“, rief der Geheimrat.
Und aus dem Vorhang kam ein leises Kichern.
DRITTER AKT – DIE RÜCKKEHR DES TIKTOKERS
Der Vorhang fiel zu Boden.
Dahinter stand unser Mann.
Die blonde Perücke saß diesmal gerade. Die Kerze brannte. Der Rucksack war verschwunden.
In seiner linken Hand hielt er einen roten Stein.
In seiner rechten ein kleines Schild.
Darauf stand:
„GEIST IM PROBEZEITRAUM – BITTE NICHT FÜTTERN.“
Goethe starrte ihn an.
„Wo waren Sie?“
„Ich war unterwegs.“
„WO?“
„Das darf ich nicht sagen.“
„Warum nicht?“
Der TikToker lächelte geheimnisvoll.
„Datenschutz.“
Nicole brach in schallendes Gelächter aus.
Der Butler dagegen war kreidebleich geworden.
„Herr Geheimrat“, flüsterte er, „ich glaube, der Mann hat eine neue Fähigkeit.“
„Welche?“
„Er kann verschwinden und wiederkommen, ohne dass wir es verstehen.“
Goethe sah den TikToker lange an.
Dann sagte er:
„Mein Freund, Sie sind entweder ein außergewöhnliches Talent oder ein sehr gewöhnlicher Mann mit einer bemerkenswerten Vorliebe für dramatische Auftritte.“
„Kann ich trotzdem bleiben?“
Goethe seufzte.
„Wir werden sehen.“
VIERTER AKT – DIE ACHT KINDER GRÜNDEN EINE GEWERKSCHAFT
Währenddessen hatte sich im Kinderzimmer die Lage weiter zugespitzt.
Die acht Wäscheklammerkinderchen hatten eine Versammlung einberufen.
Auf dem Tisch lagen neun rote Steine.
Neun!
Niemand wusste, woher der neunte stammte.
Das jüngste Kind erhob sich auf einen Stuhl.
„Wir fordern Gleichberechtigung!“
„UND GLEICH VIELE STEINE!“, rief ein anderes.
„UND KEINE GEISTER MEHR OHNE ANMELDUNG!“
„UND KEINE BLONDEN PERÜCKEN IM SCHLAFZIMMER!“
Die Kinder beschlossen einstimmig, eine Gewerkschaft zu gründen.
Ihr Name:
IG Wäscheklammer – Interessengemeinschaft für gespensterfreie Nachtruhe.
Ihre erste Forderung lautete: Jeder Geist müsse sich mindestens 48 Stunden vor seinem Erscheinen schriftlich anmelden.
Die zweite Forderung: Rote Steine seien nach Größe, Farbe und persönlicher Vorliebe gerecht zu verteilen.
Die dritte Forderung: Der Butler müsse künftig vor Mitternacht einen Kakao servieren.
Als Goethe von diesen Beschlüssen erfuhr, setzte er sich schweigend auf einen Stuhl.
„Ich habe den Faust geschrieben“, murmelte er. „Aber darauf war ich nicht vorbereitet.“
FÜNFTER AKT – DER ANRUF AUS ROM
Um 02:17 Uhr klingelte das Telefon.
Der Butler nahm ab.
„English Scrollstube, guten Abend.“
Stille.
Dann eine tiefe Stimme:
„Hier spricht Rom.“
Der Butler richtete sich auf.
„Rom?“
„Ja.“
„Die Stadt?“
„Der Vatikan.“
Der Butler ließ beinahe den Hörer fallen.
„Einen Augenblick bitte.“
Er eilte zu Goethe.
„Herr Geheimrat! Es ist der Vatikan!“
Goethe blickte auf.
„Was will der Vatikan um diese Uhrzeit?“
„Es geht um die Steinchen.“
Goethe schloss die Augen.
Natürlich ging es um die Steinchen.
Er nahm den Hörer.
„Hier spricht Johann Wolfgang von Goethe.“
Die Stimme am anderen Ende sagte:
„Herr Geheimrat, uns wurde berichtet, dass in Ihrer Einrichtung ein Mann aufgetaucht sei, der sich in Luft auflösen kann und kleine rote Steine hinterlässt.“
Goethe sah zum TikToker.
Der TikToker sah zur Decke.
Nicole Kidman flüsterte: „This is getting out of hand.“
„Was genau ist Ihr Anliegen?“, fragte Goethe.
„Wir möchten wissen, ob der Mann auch durch Wände gehen kann.“
Goethe blickte den TikToker an.
Dieser zuckte mit den Schultern.
„Noch nicht getestet.“
Am anderen Ende entstand eine lange Pause.
Dann sagte die Stimme:
„Wir melden uns wieder.“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Goethe legte den Hörer auf.
„Mein lieber Freund“, sagte er zum TikToker, „Sie sind seit wenigen Stunden hier und haben bereits eine internationale Krise ausgelöst.“
Der TikToker lächelte.
„Ist das gut für meine Karriere?“
Goethe antwortete nicht.
Er suchte noch immer seinen Stock.
SECHSTER AKT – DIE WAHRE IDENTITÄT DES NEUNTEN STEINS
Plötzlich ertönte aus dem Kinderzimmer eine Stimme.
„ICH WEISS, WEM DER NEUNTE STEIN GEHÖRT!“
Alle eilten hinüber.
Das jüngste Wäscheklammerkinderchen stand auf dem Bett und hielt einen Zettel hoch.
Darauf stand:
„Eigentümer: unbekannt. Fundort: Dachluke. Zweck: ungeklärt.“
Goethe nahm den Zettel.
Er las ihn zweimal.
Dann blickte er zum TikToker.
„Haben Sie diesen Stein mitgebracht?“
Der Mann schwieg.
„Mein Freund, ich frage Sie als Geheimrat, als Dichter und als jemand, der seit Stunden seinen Stock sucht: Woher stammt dieser Stein?“
Der TikToker atmete tief ein.
Dann sprach er die Worte, die den Verlauf dieser Nacht für immer verändern sollten:
„Ich habe ihn am Steinhuder Meer gefunden.“
Alle erstarrten.
„Aber“, fuhr er fort, „ich war nie dort.“
Stille.
Nicole Kidman stellte ihre Tasse ab.
Der Butler setzte sich.
Die acht Kinder blickten einander an.
Goethe hob langsam den Finger.
„Dann“, sagte er, „haben wir es nicht mit einem gewöhnlichen Stein zu tun.“
„Was ist es dann?“, flüsterte eines der Kinder.
Goethe sah zum Fenster.
Draußen stand eine Gestalt.
Groß.
Schweigend.
Mit einem Stock in der Hand.
Goethe wurde bleich.
Denn der Stock war seiner.
Und die Gestalt trug eine blonde Perücke.
SIEBTER AKT – FORTSETZUNG FOLGT
Niemand bewegte sich.
Die Gestalt hob den Stock.
Dann klopfte sie dreimal gegen das Fenster.
Tok.
Tok.
Tok.
Der TikToker wich zurück.
Nicole Kidman griff nach der Decke.
Der Butler begann leise zu beten.
Und die acht Wäscheklammerkinderchen riefen wie aus einem Munde:
„WIR WOLLEN DIE GRAUEN STEINE!“
Goethe trat ans Fenster.
Er blickte hinaus.
Die Gestalt lächelte.
Dann hob sie ein Schild.
Darauf stand:
„ICH BIN DIE FREUNDIN.“
Goethe ließ den Vorhang fallen.
Er drehte sich zum TikToker.
„Mein lieber Freund“, sagte er mit einer Stimme, die so leise war, dass selbst die Kinder verstummten.
„Ich glaube, Ihre Karriere hat soeben eine unerwartete Wendung genommen.“
Der TikToker schluckte.
„Welche denn?“
Goethe blickte auf die Uhr.
Es war 02:18 Uhr.
„Ihre Freundin ist hier.“
Draußen klopfte es erneut.
Tok.
Tok.
Tok.
Und diesmal ertönte eine Stimme, die der TikToker nur zu gut kannte:
„SCHATZ? ICH HABE DEIN HANDY DABEI.“
Der TikToker wurde kreidebleich.
Denn plötzlich begriff er, dass die größte Gefahr für einen Geist nicht in der Dunkelheit lauerte.
Nicht in alten Häusern.
Nicht in geheimnisvollen Steinchen.
Sondern in einer Frau, die genau wusste, wo man ihn finden konnte.
ENDE VON BAND IV.
Fortsetzung: „Die Freundin betritt die Scrollstube – und Goethe wird zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig unsichtbar.“
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