GOETHE UND DIE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN
VOR DEM WELTGERICHT DER VERNUNFT
Ein pazifistisches RIEFUNKE-Finale in acht Fragen, neun Lachsalven und einem einzigen großen Menschheitswunsch
Es war ein merkwürdiger Tag.
Die Sonne war aufgegangen, aber niemand hatte ihr befohlen, aufzugehen.
Die Vögel sangen, obwohl kein Ministerium für Vogelgesang zuständig war.
Die Wolken zogen über die Grenzen hinweg, ohne ihre Pässe vorzeigen zu müssen.
Und der Regen fiel auf die Erde, ohne vorher bei den Vereinten Nationen einen Antrag auf Überflugrechte gestellt zu haben.
Kurzum: Die Natur funktionierte.
Nur die Menschheit hatte wieder einmal eine Sitzung einberufen.
Eine besonders wichtige Sitzung.
Eine Sitzung von historischer Bedeutung.
Eine Sitzung, in der die Zukunft der Welt erörtert werden sollte.
Der Saal war riesig.
An den Wänden hingen Landkarten.
Auf den Tischen lagen Aktenordner.
Auf den Bildschirmen leuchteten Diagramme.
Vor den Mikrofonen saßen Präsidenten, Ministerinnen, Generäle, Wirtschaftsführer, Diplomaten, Wissenschaftler und Menschen, die so wichtig aussahen, dass sie sich nicht einmal selbst die Tür öffnen mussten.
Über dem Eingang stand in goldenen Buchstaben:
WELTGERICHT DER VERNUNFT
Darunter hatte jemand mit einem Bleistift geschrieben:
Bitte keine Ausreden auf den Boden werfen. Sie werden sonst zur Stolperfalle.
Niemand wusste, wer das geschrieben hatte.
Außer Goethe.
Denn Goethe saß bereits im Saal.
In einem großen, etwas abgewetzten Lehnstuhl.
Auf seinem Schoß saßen acht Wäscheklammerkinderchen.
Nummer 1.
Nummer 2.
Nummer 3.
Nummer 4.
Nummer 5.
Nummer 6.
Nummer 7.
Nummer 8.
Sie waren weder Präsidenten noch Minister.
Sie hatten keine Armeen.
Sie besaßen keine Atomraketen.
Sie verfügten über keine Milliardenvermögen.
Nummer 3 hatte einen Keks.
Nummer 5 hatte versucht, Nummer 3 diesen Keks abzuschwatzen.
Nummer 4 hatte Einspruch eingelegt.
Nummer 7 hatte ein Schild gemalt.
Darauf stand:
DIE SITZUNG BEGINNT, SOBALD ALLE ZUGEHÖRT HABEN.
Der Generalsekretär der Weltversammlung erhob sich.
„Meine Damen und Herren! Wir haben uns heute versammelt, um die großen Probleme der Menschheit zu erörtern.“
Nummer 1 hob die Hand.
„Entschuldigung!“
Der Generalsekretär blickte irritiert hinüber.
„Ja, bitte?“
„Dürfen wir auch etwas sagen?“
„Selbstverständlich. Kinder dürfen sich selbstverständlich äußern.“
Nummer 2 sah Nummer 3 an.
Nummer 3 sah Nummer 4 an.
Nummer 4 sah Nummer 5 an.
Nummer 5 biss in den Keks.
Nummer 6 flüsterte:
„Das war eine Antwort, die noch keine Folgen hat.“
Goethe schmunzelte.
Der Generalsekretär fuhr fort.
„Wir müssen über Krieg und Frieden sprechen, über wirtschaftliche Ungleichheit, über die Zukunft unseres Planeten und über die Verantwortung der Staaten.“
Nummer 8 meldete sich.
„Dann möchten wir acht Fragen stellen.“
„Acht Fragen?“
„Ja.“
„Nur acht?“
Nummer 7 schüttelte den Kopf.
„Wir haben noch mehr. Aber wir wollen Ihnen nicht gleich den ganzen Vormittag verderben.“
Ein leises Lachen ging durch den Saal.
Ein General lachte nicht.
Ein Wirtschaftsführer lächelte vorsichtig.
Ein Präsident blickte auf seine Uhr.
Goethe beugte sich zu den Kindern.
„Nun denn, meine Lieben. Das Weltgericht der Vernunft ist eröffnet.“
Er schlug mit einem kleinen Holzlöffel auf die Armlehne.
PONG!
Der Generalsekretär zuckte zusammen.
„Ist das ein offizieller Hammer?“
„Nein“, sagte Goethe. „Ein offizieller Hammer hätte vermutlich erst ein Gutachten gebraucht.“
Diesmal lachte sogar der General.
Und dann begann die Verhandlung.
DIE ERSTE FRAGE: WEM GEHÖRT DIE ERDE?
Nummer 1 stand auf Goethes Knie.
„Meine Damen und Herren, wem gehört eigentlich die Erde?“
Der Präsident einer großen Macht ergriff das Wort.
„Unser Staat hat legitime Interessen, historische Ansprüche und sicherheitspolitische Bedürfnisse.“
Nummer 1 nickte höflich.
„Das habe ich verstanden.“
Der Präsident entspannte sich.
„Dann ist ja alles klar.“
„Nein“, sagte Nummer 1. „Ich wollte nur sagen, dass ich Ihre Wörter verstanden habe. Meine Frage haben Sie noch nicht beantwortet.“
Im Saal wurde es still.
Nummer 2 ergänzte:
„Wem gehört ein Fluss? Dem Land, durch das er gerade fließt? Dem Land, aus dem er kommt? Dem Land, in das er mündet? Oder den Menschen, die sein Wasser brauchen?“
Ein Minister antwortete:
„Das ist eine Frage des internationalen Rechts.“
„Gut“, sagte Nummer 2. „Dann brauchen wir Regeln, die das Zusammenleben ermöglichen. Aber wir brauchen keine Behauptung, dass ein Fluss nur deshalb uns allein gehört, weil wir gerade eine Linie auf eine Karte gezeichnet haben.“
Nummer 7 hielt sein Schild hoch.
GRENZEN SIND AUF LANDKARTEN GERADE. DAS LEBEN IST ES NICHT.
Goethe nickte.
„Die Erde ist kein ererbter Spielzeugkasten, aus dem jeder die Teile herausnimmt, die ihm gefallen. Territoriale Ansprüche, Rechte und Pflichten müssen rechtlich geklärt werden. Doch kein Besitzanspruch darf uns die Menschen vergessen lassen, die von seinen Folgen betroffen sind.“
Nummer 1 setzte sich wieder.
„Danke. Das war meine Frage.“
Nummer 5 flüsterte:
„Und mein Keks gehört mir.“
Nummer 4 sah ihn streng an.
„Das ist eine andere Verhandlung.“
DIE ZWEITE FRAGE: WARUM IST KRIEG MANCHMAL DIE ERSTE ANTWORT?
Nummer 2 stand auf.
„Warum sprechen Erwachsene so oft zuerst über Waffen und erst später über Verhandlungen?“
Ein General erhob sich.
„Weil die Welt gefährlich ist. Weil Staaten sich verteidigen müssen. Weil man Aggression nicht immer mit Worten aufhalten kann.“
Nummer 2 hörte aufmerksam zu.
„Das stimmt. Menschen müssen vor Angriffen geschützt werden. Aber wenn zwei Staaten sich gegenseitig bedrohen und beide immer mehr Waffen kaufen, wird dann die Angst kleiner?“
Der General antwortete:
„Nicht unbedingt.“
„Wird die Gefahr eines Missverständnisses kleiner?“
„Nicht unbedingt.“
„Wird das Vertrauen größer?“
Der General senkte den Kopf.
„Auch das nicht unbedingt.“
Nummer 6 meldete sich.
„Dann ist es vielleicht vernünftig, sich verteidigen zu können. Aber es ist nicht vernünftig, so zu tun, als sei Aufrüstung schon Frieden.“
Goethe sah den General an.
„Die Fähigkeit zur Verteidigung und die Fähigkeit zur Verständigung müssen keine Feinde sein. Doch wo militärische Stärke zum Selbstzweck wird, droht das Mittel das Ziel zu verschlingen.“
Nummer 7 hielt ein neues Schild hoch.
SICHERHEIT IST MEHR ALS DIE ANZAHL DER WAFFEN, DIE EINANDER BEDROHEN.
Einige Delegierte applaudierten.
Andere blätterten in ihren Akten.
Nummer 3 flüsterte:
„Vielleicht suchen sie dort eine Gegenfrage.“
Nummer 4 antwortete:
„Dann müssen sie lange blättern.“
DIE DRITTE FRAGE: WER DARF EINEN MENSCHEN ZUM FEIND ERKLÄREN?
Nummer 3 stand auf.
„Ich möchte etwas wissen. Wenn ein Kind auf der anderen Seite einer Grenze geboren wird, warum soll es dann mein Feind sein?“
Ein Politiker räusperte sich.
„Niemand behauptet, dass jedes Kind ein Feind ist.“
„Aber Kinder wachsen mit Bildern auf, auf denen ihnen erklärt wird, wer gefährlich ist. Sie hören, dass die Menschen jenseits der Grenze anders seien, schlechter seien oder uns vernichten wollten.“
Nummer 3 sah in die Runde.
„Was geschieht, wenn wir einander nie kennenlernen?“
Ein Diplomat antwortete:
„Vorurteile können wachsen. Misstrauen kann sich verfestigen. Feindbilder können politische Entscheidungen beeinflussen.“
„Dann wäre es doch vernünftig, Menschen miteinander sprechen zu lassen.“
„Das wäre oft hilfreich.“
Nummer 3 strahlte.
„Wir könnten anfangen!“
Es sprang von Goethes Schoß, lief zu einem Tisch und reichte einem jungen Delegierten aus einem anderen Land die Hand.
Der junge Delegierte zögerte kurz.
Dann nahm er sie.
„Wie heißt du?“, fragte Nummer 3.
„Ich bin hier als Vertreter meines Landes.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Der junge Mann lachte.
„Dann nenn mich einfach Alex.“
„Gut, Alex. Magst du Kekse?“
„Sehr.“
Nummer 3 rief triumphierend:
„Goethe! Wir haben eine internationale Übereinkunft geschlossen!“
„Worüber?“
„Über Kekse!“
„Ein Anfang“, sagte Goethe. „Und diesmal sogar ohne jahrzehntelange Verhandlungen.“
Nummer 4 notierte:
NIEMAND MUSS MIT JEDEM EINVERSTANDEN SEIN. ABER WIR SOLLTEN EINANDER NICHT DIE MENSCHLICHKEIT ABSPRECHEN.
DIE VIERTE FRAGE: WER DENKT AN DIE KINDER, WENN DIE MÄCHTIGEN ENTSCHEIDEN?
Nummer 4 erhob sich.
„Wenn eine Regierung einen Krieg beginnt, wer denkt dann an die Kinder, die ihre Häuser verlieren?“
Ein Minister antwortete:
„Wir berücksichtigen die humanitären Folgen.“
„Wie?“
„Durch entsprechende Planungen und Hilfsmaßnahmen.“
„Und wenn die Hilfe nicht ankommt?“
Der Minister schwieg kurz.
„Dann müssen wir versuchen, den Zugang zu verbessern.“
Nummer 4 nickte.
„Und wenn Kinder trotzdem hungern, ihre Eltern verlieren oder nicht mehr zur Schule gehen können?“
Der Minister blickte auf seine Unterlagen.
„Dann ist das eine Tragödie.“
Nummer 8 sagte leise:
„Für die Kinder ist es nicht nur eine Tragödie. Es ist ihr Leben.“
Im Saal wurde es still.
Goethe legte eine Hand auf die Schulter des Kindes.
„Wir müssen aufpassen, dass die Sprache der Politik das wirkliche Leben nicht verdeckt. Hinter jeder Zahl stehen Menschen. Hinter jeder Statistik stehen Gesichter, Stimmen, Hoffnungen und Ängste.“
Nummer 4 setzte sich.
Nummer 5 gab Nummer 3 einen Teil seines Kekses.
Niemand hatte ihn darum gebeten.
Goethe bemerkte es trotzdem.
DIE FÜNFTE FRAGE: WARUM IST GELD OFT WICHTIGER ALS MENSCHEN?
Nummer 5 stand auf.
„Warum gibt es Menschen, die mehr besitzen, als sie in hundert Leben verbrauchen könnten, während andere nicht genug zu essen haben?“
Ein Wirtschaftsführer rückte seine Brille zurecht.
„Wirtschaftliche Zusammenhänge sind komplex. Vermögen entsteht auf unterschiedliche Weise. Märkte schaffen Wohlstand, und Investitionen ermöglichen Entwicklung.“
Nummer 5 nickte.
„Das kann sein. Aber kann eine Gesellschaft reich sein und trotzdem ungerecht?“
„Ja“, sagte der Wirtschaftsführer nach kurzem Zögern.
„Kann ein Unternehmen erfolgreich sein und trotzdem Menschen schaden?“
„Ja, das ist möglich.“
„Kann man daran etwas ändern?“
„Durch Gesetze, faire Wettbewerbsbedingungen, soziale Sicherung und verantwortliches Handeln.“
Nummer 5 betrachtete seinen Keks.
„Dann verstehe ich etwas nicht.“
„Was denn?“
„Warum sagen Erwachsene manchmal, man könne nichts ändern, obwohl sie doch gerade erklärt haben, wie man etwas ändern könnte?“
Der Wirtschaftsführer öffnete den Mund.
Schloss ihn.
Öffnete ihn wieder.
Dann sagte er:
„Weil Veränderungen Interessen berühren und deshalb häufig umkämpft sind.“
„Aha“, sagte Nummer 5. „Es ist also nicht immer unmöglich. Manchmal möchte nur jemand nicht, dass es anders wird.“
Goethe nickte.
„Ein wichtiger Unterschied, mein Kind.“
Nummer 5 brach seinen Keks in acht Stücke.
Für jedes Wäscheklammerkinderchen eines.
Dann betrachtete es die Krümel.
„Ich glaube, die Verteilung könnte noch verbessert werden.“
Nummer 4 seufzte.
„Die Kommission tagt weiter.“
DIE SECHSTE FRAGE: WER MUSS FÜR DIE FEHLER DER ERWACHSENEN BEZAHLEN?
Nummer 6 trat vor.
„Wenn Erwachsene die Natur zerstören, Schulden anhäufen, Kriege beginnen und Probleme aufschieben, warum sollen dann die Kinder später die Folgen tragen?“
Eine Wissenschaftlerin erhob sich.
„Viele Probleme entstehen über lange Zeiträume. Ihre Ursachen sind oft miteinander verbunden.“
Nummer 6 nickte.
„Dann müssen wir sie gründlich untersuchen.“
„Ja.“
„Und wenn wir wissen, was schadet?“
„Dann müssen wir Maßnahmen ergreifen.“
„Auch wenn sie unbequem sind?“
Die Wissenschaftlerin lächelte traurig.
„Gerade dann kann es wichtig sein.“
Nummer 6 sah in die Runde.
„Wir verlangen nicht, dass Erwachsene die Vergangenheit ungeschehen machen. Aber wir möchten nicht, dass sie aus jedem Fehler eine Erbschaft machen, die wir ungefragt übernehmen müssen.“
Goethe erhob sich ein wenig in seinem Stuhl.
„Die Vergangenheit lässt sich nicht zurückholen. Doch Verantwortung bedeutet, aus ihr Konsequenzen zu ziehen. Wer weiß, dass sein Handeln anderen schadet, darf sich nicht damit zufriedengeben, dass die Rechnung erst später kommt.“
Nummer 7 hielt ein Schild hoch.
DIE ZUKUNFT IST KEIN MÜLLEIMER FÜR HEUTIGE PROBLEME.
Diesmal applaudierte der ganze Saal.
Sogar die Menschen, die das Schild nicht mochten.
Denn manche Sätze sind unangenehm, ohne deshalb falsch zu sein.
DIE SIEBTE FRAGE: WAS IST MIT DENJENIGEN, DIE SICH NICHT MEHR WEHREN KÖNNEN?
Nummer 7 stand auf.
„Was ist mit den Toten?“
Niemand lachte.
Nummer 7 sprach langsam weiter.
„Was ist mit den Menschen, die im Krieg gestorben sind? Mit den Kindern, die nie erwachsen werden konnten? Mit den Menschen, deren Häuser zerstört wurden? Mit denen, die verletzt wurden und deren Leben sich für immer verändert hat? Wer spricht für sie?“
Ein älterer Diplomat nahm seine Brille ab.
„Niemand kann ihnen ihr Leben zurückgeben.“
„Dann darf man sie auch nicht vergessen“, sagte Nummer 7.
„Nein.“
„Und darf man so tun, als seien sie nur ein notwendiger Preis für irgendeinen Sieg?“
Der Diplomat schwieg lange.
Dann sagte er:
„Nein. Kein politisches Ziel darf uns dazu verleiten, menschliches Leid leichtfertig als bloßen Preis zu behandeln.“
Goethe blickte auf die acht Kinderchen.
„Erinnerung ist mehr als Trauer. Sie verpflichtet uns, die Umstände zu untersuchen, Verantwortung zu klären und Wege zu suchen, damit sich Unrecht nicht wiederholt.“
Nummer 7 legte sein Schild auf den Tisch.
Darauf stand diesmal nur ein einziger Satz:
JEDER MENSCH WAR JEMANDES GANZE WELT.
Eine Frau in der letzten Reihe begann zu weinen.
Niemand forderte sie auf, sich zu beruhigen.
Niemand erklärte ihre Tränen für unprofessionell.
Und zum ersten Mal an diesem langen Tag musste niemand ein Mikrofon einschalten, damit die Menschen einander hörten.
DIE ACHTE FRAGE: WENN WIR DEN FRIEDEN WOLLEN, WAS TUN WIR DANN MORGEN?
Nummer 8 blieb zunächst sitzen.
Goethe sah sie an.
„Nun, mein Kind?“
Nummer 8 holte tief Luft.
„Wir haben jetzt über Grenzen gesprochen, über Waffen, Feindbilder, Kinder, Geld, die Zukunft und die Toten.“
Sie sah in den Saal.
„Aber was machen wir morgen?“
Der Generalsekretär richtete sich auf.
„Wir müssen die Ergebnisse dieser Versammlung in konkrete politische Schritte übersetzen.“
Nummer 8 nickte.
„Welche?“
„Das hängt von den jeweiligen Fragen ab.“
Nummer 8 lächelte.
„Dann machen wir eine Liste.“
Nummer 4 war bereits mit Papier und Stift zur Stelle.
Gemeinsam formulierten die acht Wäscheklammerkinderchen:
MORGEN BEGINNT DER FRIEDEN MIT KONKRETEN SCHRITTEN.
Erstens: Wo Gewalt droht, müssen diplomatische Bemühungen frühzeitig beginnen. Vermittlung darf nicht erst dann versucht werden, wenn die Zahl der Toten bereits unvorstellbar geworden ist.
Zweitens: Wo Menschen angegriffen werden, müssen sie geschützt und humanitär versorgt werden. Das humanitäre Völkerrecht muss eingehalten und seine Verletzung untersucht werden.
Drittens: Wo Konflikte bestehen, müssen Gesprächskanäle offenbleiben. Verhandlungen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern ein möglicher Weg, weiteres Leid zu verhindern.
Viertens: Wo Feindbilder entstehen, müssen unabhängige Informationen, Begegnungen und offene Diskussionen gestärkt werden.
Fünftens: Wo Menschen in Armut leben, müssen gerechte Chancen, verlässliche Versorgung und gesellschaftliche Teilhabe gefördert werden.
Sechstens: Wo Entscheidungen langfristige Folgen haben, müssen künftige Generationen ernsthaft berücksichtigt werden.
Siebtens: Wo Menschen Unrecht erkennen und es melden, müssen sie Schutz und faire Verfahren erhalten.
Achtens: Wo Macht ausgeübt wird, müssen Rechenschaft, demokratische Kontrolle und die Achtung der Menschenrechte gewährleistet sein.
Neuntens: Wo Menschen verschiedener Herkunft zusammenleben, muss Verschiedenheit nicht als Bedrohung behandelt werden. Niemand darf allein wegen seiner Herkunft zum Feind erklärt werden.
Zehntens: Wo Frieden möglich ist, müssen Menschen den Mut haben, ihn zu versuchen, auch wenn die Verständigung mühsamer erscheint als die nächste Drohung.
Nummer 8 legte den Stift nieder.
„Das ist unsere Liste.“
Der Generalsekretär las sie.
Dann las er sie noch einmal.
„Das sind anspruchsvolle Ziele.“
Nummer 1 nickte.
„Ja.“
„Sie lassen sich nicht alle sofort erreichen.“
„Das wissen wir.“
„Manche Entscheidungen werden schwierig sein.“
„Das wissen wir auch.“
Nummer 2 sah ihn an.
„Aber schwierig bedeutet nicht unmöglich.“
Nummer 3 ergänzte:
„Und unmöglich bedeutet nicht automatisch, dass man es nicht versuchen muss.“
Goethe lächelte.
„Damit, meine Herren und Damen, ist die Verhandlung eröffnet. Nicht beendet.“
Der Generalsekretär blinzelte.
„Aber wir wollten doch heute zu einem Abschluss kommen.“
„Dann schließen Sie die Sitzung“, sagte Goethe. „Aber bitte nicht die Zukunft.“
DIE GROSSE SCHLUSSSZENE
Es war inzwischen Nachmittag geworden.
Die Delegierten erhoben sich.
Einige gingen nachdenklich hinaus.
Andere diskutierten bereits über die Formulierungen der Erklärung.
Manche würden ihre Meinung ändern.
Manche würden sich verteidigen.
Manche würden versuchen, die unbequemen Fragen möglichst schnell wieder zu vergessen.
Das gehörte zur Wirklichkeit.
Aber etwas war anders.
Auf dem großen Bildschirm im Saal erschien plötzlich eine neue Überschrift:
DIE ACHT FRAGEN DER WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN
Darunter standen die Fragen.
Nicht als Gesetz.
Nicht als Urteil über einzelne Menschen.
Nicht als Behauptung, die Welt sei einfach.
Sondern als Einladung, die eigene Verantwortung ernst zu nehmen.
Der Präsident einer Großmacht blieb vor dem Bildschirm stehen.
Der General trat neben ihn.
Der Wirtschaftsführer kam dazu.
Eine junge Delegierte stellte sich zu ihnen.
Keiner sagte etwas.
Dann fragte der General:
„Glauben Sie, dass sich die Welt dadurch verändert?“
Der Präsident betrachtete die acht Fragen.
„Nicht von allein.“
Der Wirtschaftsführer nickte.
„Aber vielleicht verändert sich etwas, wenn wir aufhören, sie nur für Kinderfragen zu halten.“
Die junge Delegierte lächelte.
„Vielleicht sind es gerade die Erwachsenenfragen, die wir zu lange nicht ernst genug beantwortet haben.“
Und damit gingen sie auseinander.
Nicht als neue Freunde.
Nicht als Menschen, die plötzlich in allem übereinstimmten.
Sondern als Menschen, die wenigstens für einen Augenblick verstanden hatten, dass Uneinigkeit nicht zwangsläufig Feindschaft bedeuten muss.
UND WAS MACHTE GOETHE?
Goethe saß noch immer in seinem Lehnstuhl.
Auf seinem Schoß saßen wieder alle acht Wäscheklammerkinderchen.
Nummer 1 war müde.
Nummer 2 dachte nach.
Nummer 3 hatte die letzten Kekskrümel verteilt.
Nummer 4 prüfte, ob dabei alle gleich viel bekommen hatten.
Nummer 5 behauptete, die Krümel seien zu klein.
Nummer 6 blickte auf den Globus.
Nummer 7 hatte sein Schild zusammengerollt.
Nummer 8 lauschte.
„Goethe?“
„Ja, mein Kind?“
„Haben wir heute die Welt gerettet?“
Goethe lächelte.
„Nein.“
Nummer 3 sah enttäuscht aus.
„Gar nicht?“
„Wir haben die Welt nicht gerettet. Wir haben acht Fragen gestellt.“
Nummer 1 fragte:
„Ist das nicht ein bisschen wenig?“
„Für einen einzigen Tag? Vielleicht. Für einen Anfang? Keineswegs.“
Nummer 2 nickte.
„Die Erwachsenen müssen jetzt etwas daraus machen.“
„Ja.“
Nummer 6 sah aus dem Fenster.
„Und wenn sie nichts daraus machen?“
Goethe schwieg einen Moment.
„Dann müssen andere Menschen die Fragen erneut stellen. Bürgerinnen und Bürger, Wissenschaftler, Lehrerinnen, Künstler, Friedensbewegungen, Politiker und alle, die sich nicht damit abfinden wollen, dass vermeidbares Leid als unveränderliches Schicksal behandelt wird.“
Nummer 7 fragte:
„Auch wir?“
Goethe nahm das Kind vorsichtig in die Arme.
„Auch ihr.“
Nummer 8 lächelte.
„Dann sind wir also nicht fertig.“
„Nein, mein Kind. Der Frieden ist niemals fertig.“
Nummer 5 hob die Hand.
„Und die Kekse?“
Goethe seufzte.
„Die Kekse sind hoffentlich bald fertig.“
„Das ist die beste Nachricht des Tages!“, rief Nummer 3.
Und wieder lachten alle acht.
Goethe lachte mit.
So laut, dass der Generalsekretär draußen im Flur stehen blieb und sich fragte, ob die Versammlung vielleicht doch noch nicht ganz beendet war.
DAS LETZTE WORT DER WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN
Am Abend versammelten sich die acht Kinderchen noch einmal um den Globus.
Nummer 1 begann.
„Wir sind klein.“
Nummer 2 fuhr fort.
„Aber unsere Fragen sind nicht klein.“
Nummer 3 sagte:
„Wir können nicht jeden Streit beenden.“
Nummer 4 ergänzte:
„Aber wir können versuchen, ihn zu verstehen, ohne sofort jemanden zum Feind zu erklären.“
Nummer 5 sagte:
„Wir können nicht allen Menschen alles geben.“
Nummer 6 ergänzte:
„Aber wir können dafür kämpfen, dass niemand unnötig ausgeschlossen, bedroht oder vergessen wird.“
Nummer 7 sagte:
„Wir können die Vergangenheit nicht ändern.“
Nummer 8 beendete den Satz:
„Aber wir können entscheiden, was wir aus ihr lernen.“
Dann sahen alle acht Goethe an.
„Und du?“, fragte Nummer 1.
„Was soll ich?“, fragte Goethe.
„Was ist dein letzter Satz für unsere Reihe?“
Goethe blickte lange auf die acht kleinen Gesichter.
Dann sprach er:
„Wenn die Mächtigen der Welt behaupten, es gebe keine Alternative zum Krieg, dann sollten wir sie nicht einfach auslachen und nach Hause gehen. Wir sollten sie fragen, welche Alternativen sie geprüft haben, welche Menschen sie angehört haben, welches Leid sie verhindern wollen und welche Verantwortung sie selbst übernehmen.“
Nummer 2 nickte.
„Und wenn sie keine Antwort haben?“
„Dann müssen sie weiter suchen.“
Nummer 7 hob sein letztes Schild.
Darauf stand:
FRIEDEN IST NICHT DIE ABWESENHEIT VON FRAGEN. FRIEDEN BEGINNT, WENN WIR ENDLICH DIE RICHTIGEN STELLEN.
Goethe betrachtete den Satz.
„Das“, sagte er, „könnte bleiben.“
Nummer 8 kuschelte sich an seine Schulter.
„Goethe?“
„Ja, mein Kind?“
„Glaubst du, dass die Menschen irgendwann ohne Krieg leben werden?“
Goethe sah aus dem Fenster.
Draußen zogen Wolken über den Abendhimmel.
Ein Zug fuhr vorbei.
Irgendwo wurde ein Kind geboren.
Irgendwo wurde ein Mensch begraben.
Irgendwo wurde gestritten.
Irgendwo wurde verziehen.
Und irgendwo setzte sich jemand an einen Tisch, obwohl er lieber die Tür zugeschlagen hätte.
„Ich kann es dir nicht versprechen“, sagte Goethe. „Aber ich weiß, dass jeder verhinderte Krieg, jeder geschützte Mensch, jede gerechte Vereinbarung und jedes Gespräch, das eine Gewaltspirale unterbricht, einen wirklichen Unterschied macht.“
Nummer 1 legte den Kopf an seinen Arm.
„Dann machen wir weiter.“
„Ja“, sagte Goethe.
„Auch wenn wir nicht wissen, ob wir gewinnen?“, fragte Nummer 6.
„Auch dann.“
„Auch wenn die Erwachsenen wieder komplizierte Wörter benutzen?“, fragte Nummer 4.
„Besonders dann.“
„Auch wenn jemand unseren Keks klaut?“, fragte Nummer 5.
Goethe schmunzelte.
„Dann verhandeln wir zunächst über den Keks.“
Nummer 3 sprang auf.
„Und wenn das nicht funktioniert?“
Goethe hob den Holzlöffel.
PONG!
„Dann rufen wir das Weltgericht der Vernunft erneut zusammen.“
Die acht Wäscheklammerkinderchen brachen in schallendes Gelächter aus.
Und damit war die erste Reihe beendet.
Nicht, weil alle Probleme gelöst waren.
Nicht, weil alle Mächtigen plötzlich vernünftig geworden wären.
Nicht, weil die Menschheit ihren Frieden bereits gefunden hätte.
Sondern weil acht kleine Wäscheklammerkinderchen acht große Fragen gestellt hatten.
Und weil ein alter Dichter ihnen zugehört hatte.
EPILOG: DIE ERDE GEHÖRT NICHT DEM KRIEG
In jener Nacht träumten die acht Wäscheklammerkinderchen denselben Traum.
Sie sahen die Erde aus großer Entfernung.
Blau und grün.
Hell und dunkel.
Mit Meeren, Wäldern, Städten, Dörfern und Straßen.
Mit Grenzen, die Menschen gezogen hatten.
Mit Brücken, die Menschen gebaut hatten.
Mit Häusern, in denen Menschen lachten.
Mit Häusern, in denen Menschen weinten.
Sie sahen Soldaten, die nach Hause wollten.
Mütter und Väter, die auf ihre Kinder warteten.
Kinder, die nicht verstanden, warum andere Kinder sterben mussten.
Sie sahen Politiker, die miteinander stritten.
Und sie sahen Menschen, die trotz allem wieder miteinander sprachen.
Dann hörten sie eine Stimme.
Es war nicht die Stimme eines Königs.
Nicht die Stimme eines Generals.
Nicht die Stimme eines Präsidenten.
Es war die Stimme eines Kindes.
„Wenn die Erde groß genug ist für uns alle, warum benehmen wir uns dann, als müsse einer verschwinden, damit der andere leben kann?“
Niemand gab sofort eine Antwort.
Aber diesmal wandte sich auch niemand ab.
Und irgendwo auf der Erde begann ein Gespräch.
Vielleicht in einem Klassenzimmer.
Vielleicht an einem Verhandlungstisch.
Vielleicht zwischen zwei Nachbarn, die lange nicht miteinander gesprochen hatten.
Vielleicht zwischen zwei Menschen, die sich bisher nur als Gegner gekannt hatten.
Es war kein Wunder.
Es war nur ein Anfang.
Aber Anfänge sind wichtig.
Denn der Frieden kommt nicht als fertiger Gegenstand vom Himmel gefallen.
Er muss gedacht, verhandelt, geschützt, gelernt und immer wieder neu versucht werden.
Und wenn die Erwachsenen vergessen, warum sie das tun sollten, dann mögen sie sich an acht kleine Wäscheklammerkinderchen erinnern.
Nummer 1 bis Nummer 8.
Sie hatten keine Macht über die Welt.
Aber sie hatten Fragen.
Und sie hatten einander.
Und sie hatten Goethe.
Und sie hatten einen Keks, den sie miteinander teilten.
Draußen begann es zu regnen.
Bei Nummer 1.
Bei Nummer 2.
Bei Nummer 3.
Bei Nummer 4.
Bei Nummer 5.
Bei Nummer 6.
Bei Nummer 7.
Und bei Nummer 8.
Der Regen fragte nicht nach ihrer Herkunft.
Er verlangte keine Ausweise.
Er erklärte keines der Kinder zum Feind.
Er fiel einfach auf die Erde.
Und die Erde nahm ihn auf.
Goethe löschte das Licht.
„Gute Nacht, meine lieben Wäscheklammerkinderchen.“
„Gute Nacht, Goethe.“
„Und morgen?“, fragte Nummer 7.
Goethe lächelte in die Dunkelheit.
„Morgen versuchen wir es wieder mit der Vernunft.“
Nummer 5 gähnte.
„Und mit Keksen?“
„Auch mit Keksen.“
Dann schliefen die acht Wäscheklammerkinderchen ein.
Und für einen kleinen Augenblick war die Welt vollkommen still.
Nicht die Stille nach einer Drohung.
Nicht die Stille nach einer Explosion.
Nicht die Stille, in der Menschen aus Angst den Mund halten.
Sondern die friedliche Stille einer Nacht, in der niemand gerade zum Feind erklärt wurde.
ENDE DER ERSTEN RIEFUNKE-GOETHE-REIHE.
Die Fragen bleiben offen. Der Frieden bleibt Aufgabe. Und die Wäscheklammerkinderchen bleiben wachsam.
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