Wie ich Goethe auf Tinder traf – Teil 4
Mama kommt in die English Scrollstube – und Goethe soll Schwiegersohn werden
Es gibt Tage, an denen man besser im Bett bleibt.
Dieser Samstag war so einer.
Um 9.04 Uhr rief meine Mutter an.
„Mein Junge, ich habe nachgedacht.“
Wenn meine Mutter diesen Satz sagte, war das ungefähr so beruhigend, als würde der Kapitän eines sinkenden Schiffes verkünden, er habe einen interessanten Vorschlag.
„Worüber denn, Mama?“
„Über deine Zukunft.“
Ich setzte mich auf.
„Ich habe eine Freundin.“
„Ja, das weiß ich. Aber man muss doch auch an Alternativen denken.“
„AN ALTERNATIVEN?“
„Falls es mit der jungen Dame nicht klappt.“
Ich legte auf.
Zehn Sekunden später klingelte es erneut.
„Und noch etwas“, sagte sie. „Ich möchte diesen Goethe kennenlernen.“
Ich erstarrte.
„Welchen Goethe?“
„Na, deinen Freund! Du hast doch erzählt, dass ihr zusammen Rotwein trinkt.“
Ich hatte nicht erzählt, dass Goethe mein Freund war. Ich hatte lediglich erwähnt, dass ich mit ihm in einer literarischen Geschichte unterwegs war.
Aber in meiner Familie wurden Informationen traditionell so lange weiterverarbeitet, bis sie als Tatsachen durchgingen.
„Mama, Goethe ist seit fast 200 Jahren tot!“
„Dann wird er ja wohl Zeit haben.“
Und sie legte auf.
Um 15 Uhr stand meine Mutter vor der English Scrollstube.
Mit Handtasche.
Mit selbst gebackenem Kuchen.
Und mit einem Notizbuch.
Riefunke öffnete die Tür.
„Willkommen!“
„Sie müssen Riefunke sein.“
„In der Tat.“
„Gut. Wo ist Goethe?“
Riefunke blinzelte.
Ich schwöre, ich sah einen Mann, der gerade innerlich seine gesamte Website löschen wollte.
„Goethe ist im Salon.“
Meine Mutter marschierte hinein.
Dort saß der Dichter, elegant wie immer, mit einem Glas Rotwein in der Hand.
„Herr Goethe!“, rief sie.
Goethe stand auf.
„Gnädige Frau.“
Sie musterte ihn von oben bis unten.
„Sie sehen für Ihr Alter erstaunlich gut aus.“
Goethe verbeugte sich.
„Die Literatur hält jung.“
„Und was machen Sie beruflich?“
Goethe öffnete den Mund.
Schloss ihn wieder.
Riefunke hustete.
Ich sah meine Freundin an.
Sie biss sich auf die Lippen, um nicht laut loszulachen.
„Ich schreibe“, antwortete Goethe schließlich.
Meine Mutter nickte anerkennend.
„Sehr gut. Schreiben ist krisensicher. Solange man nicht von den Büchern leben muss.“
Goethe nahm einen Schluck Rotwein.
Ich glaube, er hatte gerade verstanden, warum manche Dramen fünf Akte brauchten.
Dann kam die Frage, die alles veränderte.
„Herr Goethe“, sagte meine Mutter, „haben Sie eigentlich Kinder?“
Goethe stellte sein Glas ab.
„Ich hatte einen Sohn.“
„Nur einen?“
„Gnädige Frau, ich bin Dichter, kein Zuchtbetrieb.“
Stille.
Dann prustete Riefunke los.
Der Butler ließ einen Löffel fallen.
Und meine Mutter schrieb etwas in ihr Notizbuch.
„Humor hat er auch“, murmelte sie.
Ich zog sie beiseite.
„Mama! Ich bin mit der anderen Frau zusammen!“
Sie sah mich verständnislos an.
„Natürlich. Aber man darf doch wohl fragen.“
„Du kannst doch nicht meinen Freund Goethe als Ersatzschwiegersohn betrachten!“
„Warum nicht? Der Mann hat Kultur.“
Sie sah zu Goethe hinüber.
„Und er trinkt Rotwein. Das ist mir lieber als diese Energy-Drinks.“
Goethe hob sein Glas.
„Auf die Gesundheit.“
„Auf die Enkel“, ergänzte meine Mutter.
Riefunke verschluckte sich.
Meine Freundin hatte inzwischen genug.
Sie stand auf, ging zu meiner Mutter und nahm ihre Hand.
„Darf ich Ihnen etwas sagen?“
Meine Mutter setzte sich kerzengerade hin.
„Natürlich, mein Kind.“
„Ich mag Ihren Sohn. Sehr sogar. Aber wir lernen uns gerade erst kennen. Ich möchte herausfinden, wer er ist, ohne dass wir schon unsere Hochzeit oder unsere Kinder planen.“
Es war mucksmäuschenstill.
Meine Mutter sah sie lange an.
Dann blickte sie zu mir.
„Ist sie immer so vernünftig?“
„Bis jetzt schon.“
„Das gefällt mir.“
Sie klappte ihr Notizbuch zu.
„Gut. Dann streiche ich die drei Enkel für dieses Jahr.“
Ich atmete auf.
„Danke, Mama.“
„Aber für nächstes Jahr bleiben sie auf der Liste.“
Natürlich.
Man konnte nicht alles auf einmal gewinnen.
Am Abend saßen wir schließlich alle gemeinsam am Tisch.
Meine Mutter aß Kuchen mit dem Butler.
Goethe diskutierte mit Wellenberg über die Zukunft der deutschen Literatur.
Die acht Wäscheklammerkinderchen hatten beschlossen, dass sie lieber Musiker als Blumenkinder werden wollten.
Riefunke stand am Fenster und beobachtete die Szenerie.
Ich trat neben ihn.
„Na?“, fragte ich. „Hast du dir das so vorgestellt?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nicht einmal ansatzweise.“
„Und trotzdem ist es eine gute Geschichte geworden.“
Er sah mich an.
„Weißt du, was das Geheimnis ist?“
„Was?“
„Die besten Geschichten sind die, die man nicht vollständig kontrollieren kann.“
Ich blickte hinüber zu meiner Freundin.
Sie lachte gerade über irgendetwas, das Goethe erzählt hatte.
Und ich begriff, dass Riefunke vielleicht recht hatte.
Man konnte Liebe nicht planen.
Man konnte keine Gefühle bestellen.
Und man konnte schon gar nicht verlangen, dass das Leben sich an den Zeitplan der eigenen Mutter hielt.
Aber man konnte die Tür offen lassen.
Für Begegnungen.
Für Geschichten.
Und manchmal auch für einen sehr alten Dichter mit einer Vorliebe für Rotwein.
Kurz vor Mitternacht verabschiedete sich Goethe.
„Mein lieber Freund“, sagte er zu mir, „ich wünsche dir, dass du glücklich wirst.“
„Danke, Goethe.“
„Und noch etwas.“
„Ja?“
„Wenn deine Mutter mich noch einmal nach meinen beruflichen Perspektiven fragt, werde ich nach Italien auswandern.“
Dann verschwand er in der Nacht.
Riefunke schloss die Tür.
Meine Freundin nahm meine Hand.
Und meine Mutter rief aus dem Nebenzimmer:
„ICH HABE NOCH KUCHEN!“
Wir lachten alle.
Sogar der Butler.
Und irgendwo in der Ferne hörte man Metallica.
Fortsetzung folgt …
Made in Freiheit. Mit Kuchen, Rotwein und einer Mutter, die langsam lernt, dass Liebe kein Liefertermin ist.
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