Wie ich Goethe auf Tinder traf – Teil 5
Vier Besucher, ein Hund und der Untergang des Algorithmus
Am Montagmorgen geschah das Unfassbare.
Ein TikToker hatte ein Video veröffentlicht.
Der Titel lautete:
„RIEFUNKE – DER MANN, DEN NIEMAND KENNT“
Darunter ein Foto der English Scrollstube.
Und dann kam der Satz, der die literarische Welt erschütterte:
„Seine Website hat angeblich vier Besucher im Monat. Einer davon ist wahrscheinlich ein Hund.“
Ich starrte auf mein Handy.
Vier Besucher.
Einer ein Hund.
Ich rechnete nach.
„Riefunke“, sagte ich, „wenn das stimmt, kennt der Hund deine Website besser als die gesamte deutsche Literaturkritik.“
Riefunke stand am Fenster und blickte in die Ferne.
„Dann müssen wir den Hund finden.“
„Warum?“
„Er ist unser treuester Leser.“
Goethe legte seine Zeitung beiseite.
„Vier Besucher sind immerhin vier mehr, als ein ungelesenes Manuskript hat.“
„Goethe“, sagte ich, „du bist seit 1832 tot. Du kannst dir solche Sprüche leisten.“
„Und du bist seit zehn Jahren auf Partnersuche. Wir alle haben unsere Herausforderungen.“
Das saß.
Die Pressekonferenz
Noch am selben Nachmittag berief Riefunke eine Pressekonferenz ein.
Eingeladen waren:
- Goethe
- der Butler
- Wellenberg
- die acht Wäscheklammerkinderchen
- meine Freundin
- meine Mutter
- und ein Hund, dessen Namen niemand kannte.
Der Hund erschien pünktlich.
Riefunke trat ans Rednerpult.
„Meine Damen und Herren! Man wirft uns vor, zu wenige Besucher zu haben.“
Der Hund bellte.
„Danke für den sachlichen Beitrag“, sagte Riefunke.
Goethe hob die Hand.
„Ich möchte darauf hinweisen, dass die Qualität eines Textes nicht von seiner Besucherzahl abhängt.“
Meine Mutter nickte.
„Ganz richtig. Mein Sohn hatte jahrelang auch kaum Besucherinnen.“
„MAMA!“
Meine Freundin lachte so sehr, dass sie sich am Kaffee verschluckte.
Der Butler notierte etwas.
Wellenberg fragte, ob er die Musik lauter machen dürfe.
Und die acht Wäscheklammerkinderchen begannen, ein Transparent auszurollen:
WENIGER SCROLLEN. MEHR LESEN.
Es war schief.
Aber es war lesbar.
Der Hund übernimmt
Dann passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Der Hund setzte sich vor den Laptop.
Er schnupperte.
Er drückte mit der Pfote auf die Tastatur.
Und plötzlich war die Website geöffnet.
„Er kennt sich aus!“, rief meine Freundin.
Riefunke beugte sich über den Bildschirm.
Der Hund klickte auf eine Geschichte über Goethe.
Dann auf eine über Nicole Kidman.
Dann auf die English Scrollstube.
Drei Seiten in weniger als einer Minute.
Goethe sprang auf.
„Ein literarisches Wunder!“
„Oder ein sehr neugieriger Hund“, sagte ich.
Der Butler räusperte sich.
„Darf ich darauf hinweisen, dass mein Hund normalerweise nur Katzenvideos schaut?“
Stille.
Riefunke sah ihn an.
„Dein Hund?“
„Ja, mein Herr.“
„Du hast einen Hund?“
„Seit zwölf Jahren.“
„Und du hast mir nie gesagt, dass er lesen kann?“
Der Butler senkte den Blick.
„Ich hielt es für unangemessen, seine Bildung öffentlich auszuschlachten.“
Goethe nahm einen Schluck Rotwein.
„Das ist der erste vernünftige Satz, den ich heute gehört habe.“
Die Antwort an TikTok
Meine Freundin hatte inzwischen eine Idee.
„Warum antwortet ihr dem TikToker nicht einfach mit einer Geschichte?“
Riefunke runzelte die Stirn.
„Mit einer Geschichte?“
„Ja. Keine Beschimpfung. Keine Rechtfertigung. Einfach eine Geschichte über vier Besucher und einen Hund.“
Ich sah sie an.
„Das ist genial.“
Goethe nickte.
„Die Satire antwortet der Satire.“
Also setzten wir uns an den Tisch.
Riefunke schrieb den Anfang.
Goethe schrieb den zweiten Absatz.
Ich schrieb den Teil mit dem Hund.
Meine Freundin erfand das Ende.
Es ging um einen Hund, der jeden Abend die Website eines unbekannten Schriftstellers besuchte. Nicht, weil der Schriftsteller berühmt war. Nicht, weil er Millionen Follower hatte. Sondern weil dort Geschichten standen, in denen selbst ein Hund eine Rolle spielen durfte.
Am Ende stellte sich heraus, dass der Hund gar nicht allein war.
Sein Besitzer las mit.
Dann dessen Nachbarin.
Dann ein alter Lehrer.
Dann eine Frau, die seit Jahren keine Bücher mehr gelesen hatte.
Und irgendwann waren es nicht mehr vier.
Sondern fünf.
Dann sechs.
Dann sieben.
Der Butler sah auf den Bildschirm.
„Das ist statistisch betrachtet ein Wachstum.“
„Ein gewaltiges Wachstum“, sagte Riefunke feierlich.
Goethe hob sein Glas.
„Auf die sieben!“
Meine Mutter klatschte.
„Und wenn einer davon eine Frau ist, die meinen Sohn kennenlernen möchte, bin ich zufrieden.“
„MAMA!“
Die Nachricht
Am Abend veröffentlichte Riefunke die Geschichte.
Wir warteten.
Eine Minute.
Zehn Minuten.
Eine Stunde.
Dann vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht von meiner Freundin:
„Weißt du, was mir an dir gefällt? Du kannst über dich selbst lachen.“
Ich lächelte.
Vielleicht war das die wichtigste Nachricht des Tages.
Nicht die Reichweite.
Nicht der TikToker.
Nicht die sieben Besucher.
Sondern die Tatsache, dass ich neben einer Frau saß, die mich mochte, ohne dass ich mich dafür in einen anderen Menschen verwandeln musste.
Riefunke trat ans Fenster.
„Siehst du“, sagte er, „manchmal beginnt eine Revolution mit vier Besuchern.“
Ich nickte.
„Und manchmal mit einem Hund.“
Goethe hob sein Glas.
„Und manchmal mit einer guten Geschichte.“
Der Hund bellte.
Der Butler verbeugte sich.
Und irgendwo in der English Scrollstube begann Metallica zu spielen.
Fortsetzung folgt …
Made in Freiheit. Vier Besucher, sieben Leser und ein Hund, der mehr Literatur versteht, als der Algorithmus ahnt.
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