GOETHE UND DIE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN
Nummer 1 bis 8 und das letzte Stück Brot
Ein pazifistischer RIEFUNKE-Dialog über Hunger, Gerechtigkeit und die Frage, ob Teilen auch dann noch schön ist, wenn es wehtut
Goethe saß in seinem Lehnstuhl.
Auf seinem Schoß saßen Nummer 1, Nummer 2, Nummer 3, Nummer 4, Nummer 5, Nummer 6, Nummer 7 und Nummer 8.
Auf dem Tisch stand ein Teller.
Auf dem Teller lag ein Stück Brot.
Es war das letzte Stück Brot im Haus.
Nummer 1 betrachtete es.
Nummer 2 betrachtete Nummer 1.
Nummer 3 betrachtete den Teller.
Nummer 4 betrachtete Goethe.
Nummer 5 betrachtete die Tür, als könne dort jederzeit ein zweiter Laib Brot hereinkommen.
Nummer 6 schnupperte.
Nummer 7 schluckte.
Nummer 8 sagte: „Ich habe Hunger.“
Goethe nickte.
„Das sehe ich.“
„Ich auch“, sagte Nummer 1.
„Ich ebenfalls“, sagte Nummer 2.
„Ich habe sogar sehr großen Hunger“, erklärte Nummer 3.
„Das behauptet jeder“, sagte Nummer 4.
„Weil es stimmt!“, rief Nummer 3.
Nummer 5 hob die Hand.
„Ich beantrage eine sofortige Brotverteilungskommission.“
„Abgelehnt“, sagte Nummer 6.
„Warum?“
„Weil du selbst in der Kommission sitzen willst.“
„Das ist doch kein Hindernis!“
Goethe lächelte.
„Meine lieben Kinderchen, bevor ihr eine internationale Krise aus einem Stück Brot macht, könnten wir vielleicht zunächst überlegen, was gerecht wäre.“
Nummer 7 zeigte auf den Teller.
„Ganz einfach. Wir schneiden es in acht gleiche Stücke.“
„Und wenn jemand mehr Hunger hat als die anderen?“, fragte Goethe.
Nummer 7 hielt inne.
Nummer 8 meldete sich.
„Dann bekommt derjenige mit dem größten Hunger mehr.“
Nummer 1 schüttelte den Kopf.
„Und wenn alle behaupten, sie hätten den größten Hunger?“
Nummer 2 sah auf Nummer 3.
Nummer 3 sah auf Nummer 5.
Nummer 5 legte sich vorsichtshalber eine Hand auf den Bauch.
„Ich möchte darauf hinweisen, dass mein Hunger eine lange Geschichte hat.“
„Wie lange?“, fragte Nummer 4.
„Seit dem Frühstück.“
„Das war vor einer Stunde!“
„Eine entsetzliche Stunde.“
Goethe lachte.
„Nun gut. Wir haben also ein Problem. Acht hungrige Kinderchen und nur ein Stück Brot. Was tun wir?“
Nummer 6 sagte: „Wir teilen.“
Nummer 1 fragte: „Und wenn es dann für keinen reicht?“
Nummer 6 schwieg.
Nummer 8 rückte näher an Goethe heran.
„Goethe, was machen Menschen, wenn sie wirklich nichts mehr zu essen haben?“
Goethe antwortete nicht sofort.
„Manche bitten um Hilfe. Manche versuchen, etwas aufzutreiben. Manche teilen, obwohl sie selbst wenig haben. Und manche geraten in eine Not, aus der sie allein nicht herauskommen.“
„Und wenn sie dann wütend werden?“, fragte Nummer 2.
„Hunger kann Menschen verzweifeln lassen. Wer nicht weiß, wie er morgen seine Kinder ernähren soll, hat andere Sorgen als jemand, der zwischen drei verschiedenen Nachtischen wählen kann.“
Nummer 5 blickte auf das Brot.
„Ich würde auch verzweifeln, wenn es keinen Nachtisch gäbe.“
„Das glaube ich dir sofort“, sagte Goethe.
Nummer 3 zog die Stirn kraus.
„Aber wenn es für alle zu wenig gibt, muss doch jemand weniger bekommen.“
„Vielleicht“, sagte Goethe. „Aber wir sollten zuerst fragen, warum es zu wenig gibt und ob tatsächlich nichts anderes verfügbar ist.“
Nummer 4 nickte.
„Vielleicht liegt noch Brot beim Nachbarn.“
„Oder in einer Bäckerei“, sagte Nummer 1.
„Oder in einem Lagerhaus“, ergänzte Nummer 7.
Nummer 8 sah Goethe an.
„Und wenn dort genug Brot liegt, während hier Kinder hungrig sind?“
Goethe strich sich über das Kinn.
„Dann stellt sich eine andere Frage. Nicht mehr nur, wie wir das letzte Stück teilen, sondern warum die vorhandenen Lebensmittel die Hungrigen nicht erreichen.“
Nummer 6 sprang beinahe von Goethes Schoß.
„Dann müssen wir den Menschen sagen, dass sie das Brot verteilen sollen!“
„Ja“, sagte Goethe. „Und man muss herausfinden, was die Verteilung verhindert. Vielleicht ist es ein zerstörter Verkehrsweg, vielleicht fehlen sichere Zugänge, vielleicht wird Hilfe blockiert, vielleicht verhindern ungerechte Regeln, dass Menschen an Nahrung gelangen.“
Nummer 2 schaute auf das Brot.
„Dann kann Hunger auch etwas mit Macht zu tun haben.“
„Sehr viel sogar“, sagte Goethe. „Wer über lebenswichtige Dinge verfügt, trägt Verantwortung dafür, wie damit umgegangen wird.“
Nummer 5 hob den Finger.
„Ich möchte trotzdem nicht, dass jemand mein Brot wegnimmt.“
„Das ist verständlich“, sagte Goethe. „Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass man jedem alles wegnehmen darf. Aber wenn Menschen lebensnotwendige Dinge brauchen, müssen wir Wege finden, ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen.“
Nummer 1 fragte: „Und wenn jemand hundert Brote besitzt?“
„Dann muss man wissen, wie diese Brote zustande gekommen sind, was andere benötigen und welche Regeln für alle gelten.“
„Und wenn jemand tausend Brote besitzt?“, fragte Nummer 3.
„Dann werden die Fragen nicht kleiner.“
„Und wenn jemand eine ganze Bäckerei besitzt?“
Goethe seufzte.
„Ich ahne, wohin diese Unterhaltung führt.“
Nummer 7 grinste.
„Zur internationalen Bäckereikonferenz!“
„Mit Zuckerguss!“, rief Nummer 5.
„Und einer unabhängigen Krümelkontrolle!“, ergänzte Nummer 4.
Alle acht lachten.
Dann aber zeigte Nummer 8 wieder auf das Brot.
„Goethe, was ist, wenn zwei Länder um dasselbe Getreide streiten?“
„Dann müssen sie versuchen, ihre Interessen miteinander zu vereinbaren. Sie können Handel treiben, Vorräte teilen, gemeinsam Lösungen entwickeln oder Vermittler hinzuziehen.“
„Und wenn das Getreide in einem Land wächst, das andere Land aber Hunger hat?“
„Dann kommt es darauf an, welche Vereinbarungen bestehen, welche Möglichkeiten es gibt und wie die Menschen versorgt werden können. Kein einzelner Satz beantwortet jede Lage.“
Nummer 6 wurde ungeduldig.
„Aber wenn Menschen verhungern, können wir doch nicht ewig reden!“
„Da hast du recht“, sagte Goethe. „Hilfe muss rechtzeitig kommen. Verhandlungen dürfen nicht zum Vorwand werden, notwendige Hilfe aufzuschieben.“
Nummer 1 nickte.
„Also müssen wir reden und handeln.“
„Genau.“
Nummer 3 sah Nummer 5 an.
„Dann könnten wir mit dem Brot anfangen.“
Nummer 5 zog den Teller ein Stück näher zu sich.
„Moment! Wir haben noch gar keine Verteilungsregeln beschlossen.“
„Du hast das Brot gerade zu dir gezogen!“, rief Nummer 2.
„Das war eine vorbereitende Maßnahme.“
„Das war eine Brotaneignung!“, rief Nummer 7.
Nummer 4 klatschte in die Hände.
„Alarmstufe Marmelade!“
Goethe musste so lachen, dass er sich die Augen wischte.
„Ihr seid wirklich eine bemerkenswerte Versammlung.“
Nummer 8 wurde plötzlich still.
„Goethe?“
„Ja?“
„Wenn ich selbst Hunger habe, fällt mir das Teilen schwerer.“
Goethe nickte langsam.
„Das ist ehrlich. Es ist leicht, großzügig zu sein, wenn man selbst genug besitzt. Schwieriger wird es, wenn man auf etwas verzichten muss, das man dringend braucht.“
Nummer 1 schaute auf das Brot.
„Dann ist Teilen nicht nur eine schöne Idee.“
„Nein“, sagte Goethe. „Es kann eine Entscheidung sein, die Mut verlangt. Aber niemand sollte gezwungen sein, sich selbst in Gefahr zu bringen, nur um als großzügig zu gelten. Wir müssen auch gemeinsam dafür sorgen, dass nicht immer dieselben verzichten.“
Nummer 2 sah auf.
„Das gefällt mir. Nicht immer dieselben!“
„Mir auch“, sagte Nummer 6.
Nummer 5 betrachtete das Brot mit einer Miene, als müsse er sich von einem alten Freund verabschieden.
„Also gut. Ich bin bereit zu teilen.“
Nummer 3 strahlte.
„Dann schneiden wir acht Stücke!“
Nummer 4 holte ein Messer.
Nummer 7 hielt den Teller fest.
Nummer 8 zählte.
„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht.“
Nummer 1 bekam ein Stück.
Nummer 2 bekam ein Stück.
Nummer 3 bekam ein Stück.
Nummer 4 bekam ein Stück.
Nummer 5 bekam ein Stück.
Nummer 6 bekam ein Stück.
Nummer 7 bekam ein Stück.
Nummer 8 bekam ein Stück.
Alle betrachteten ihre Portion.
Nummer 3 biss hinein.
„Das ist wenig.“
„Ja“, sagte Goethe.
Nummer 5 kaute nachdenklich.
„Aber immerhin ist es gerecht.“
Nummer 8 schüttelte den Kopf.
„Nicht unbedingt. Wenn Nummer 1 seit gestern nichts gegessen hat und Nummer 5 vor einer halben Stunde ein großes Frühstück hatte, sind gleiche Stücke vielleicht nicht die gerechteste Lösung.“
Nummer 5 hörte auf zu kauen.
„Ich möchte festhalten, dass diese Information für die Kommission von erheblicher Bedeutung ist.“
Nummer 1 lachte.
„Du darfst mein Stück haben, wenn du wirklich noch Hunger hast.“
Nummer 5 sah Nummer 1 überrascht an.
„Bist du sicher?“
„Ja. Aber nur, wenn du mir hilfst, etwas für morgen zu besorgen.“
Nummer 5 nickte.
„Abgemacht.“
Nummer 2 sprang auf.
„Dann gehen wir gemeinsam zur Bäckerei!“
„Und wenn die Bäckerei geschlossen ist?“, fragte Nummer 4.
„Dann fragen wir, wo wir sonst Hilfe bekommen können.“
„Und wenn auch dort nichts mehr da ist?“, fragte Nummer 6.
Nummer 7 antwortete:
„Dann müssen wir weitere Menschen finden, die mit uns nach einer Lösung suchen.“
Goethe betrachtete die acht Kinderchen.
„Nun habt ihr etwas Wichtiges verstanden. Teilen ist wertvoll. Aber eine gerechte Welt darf nicht darauf angewiesen sein, dass ein hungriges Kind sein letztes Stück Brot hergibt, während anderswo genügend Nahrung vorhanden wäre.“
Nummer 8 nickte.
„Wir brauchen also beides: Menschen, die teilen, und Regeln, die dafür sorgen, dass alle versorgt werden.“
„Sehr richtig.“
Nummer 3 hob sein kleines Brotstück.
„Ich beantrage, dass ab sofort niemand mehr hungern muss.“
„Angenommen!“, rief Nummer 1.
„Einstimmig!“, rief Nummer 2.
„Mit sofortiger Wirkung!“, rief Nummer 4.
Goethe hob die Hand.
„Einen Augenblick, meine Lieben. Ein Beschluss allein füllt noch keinen Teller.“
Nummer 6 seufzte.
„Das ist das Problem mit den Erwachsenen. Sie erklären alles für beschlossen, bevor sie angefangen haben.“
Goethe lachte.
„Auch diese Beobachtung verdient einen Platz im Protokoll.“
Nummer 7 stand auf und streckte sich.
„Dann fangen wir jetzt an.“
„Womit?“, fragte Goethe.
„Wir schauen nach, ob jemand in der Nachbarschaft Hilfe braucht. Und wir überlegen, wie wir gemeinsam dafür sorgen können, dass morgen genug zu essen da ist.“
Nummer 1 nahm Nummer 8 an die Hand.
Nummer 2 sammelte die Krümel ein.
Nummer 3 wickelte sein Stück Brot sorgfältig ein.
Nummer 4 holte einen Korb.
Nummer 5 übernahm die Verantwortung für die Bäckereikommission.
Nummer 6 verkündete, dass er für die Qualitätssicherung zuständig sei.
Nummer 7 erklärte, Qualitätssicherung bedeute nicht, dass Nummer 6 unterwegs alles aufessen dürfe.
Und Nummer 8 schrieb auf ein Blatt Papier:
FRIEDEN BEGINNT AUCH DAMIT, DASS NIEMAND HUNGERN MUSS.
Darunter setzte Nummer 3 einen zweiten Satz:
UND WER DAS LETZTE BROT HAT, SOLLTE ZUERST FRAGEN, WARUM ES DAS LETZTE IST.
Goethe las die beiden Sätze.
Dann stand er auf, nahm seinen Hut und begleitete die acht Wäscheklammerkinderchen zur Tür.
„Wohin gehen wir?“, fragte Nummer 2.
„Wir gehen nachsehen, was wir tun können“, sagte Goethe.
„Und wenn wir keine Lösung finden?“, fragte Nummer 4.
„Dann suchen wir weiter und holen andere dazu.“
Nummer 5 blickte zum Himmel.
„Goethe?“
„Ja?“
„Glaubst du, dass wir die Welt friedlicher machen können?“
Goethe sah die acht Kinderchen an.
„Ich glaube, dass jeder Schritt zählt, der Menschen schützt, Hunger lindert und Konflikte löst, ohne neues Unrecht zu schaffen. Ob das immer gelingt, weiß niemand. Aber nichts zu versuchen wäre gewiss keine Verbesserung.“
Nummer 8 nahm seine Hand.
„Dann gehen wir jetzt.“
Und sie gingen.
Nicht, weil das letzte Stück Brot alle Probleme der Welt gelöst hätte.
Sondern weil sie begriffen hatten, dass Gerechtigkeit nicht am Teller endet.
Sie beginnt mit der Frage, wer Hunger hat.
Sie setzt sich fort mit der Frage, warum jemand hungert.
Und sie wird zur gemeinsamen Aufgabe, wenn Menschen nicht nur die Krümel teilen, sondern auch dafür sorgen, dass neues Brot gebacken wird.
Goethe ging mit den acht Wäscheklammerkinderchen die Straße hinunter.
Nummer 3 fragte, ob es unterwegs vielleicht einen Kuchen geben könnte.
Goethe lächelte.
„Mein Kind, ich fürchte, wir müssen noch ein paar philosophische Gespräche führen.“
„Über Kuchen?“
„Über Kuchen, Brot und die Kunst, eine Welt zu schaffen, in der niemand um sein Abendessen kämpfen muss.“
„Dann“, sagte Nummer 5, „sollten wir vorsichtshalber eine größere Kommission gründen.“
Und diesmal widersprach ihm niemand.
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