Mein Opa und die vier Besucher
Mein Opa ist ein lieber Mensch. Wirklich. Er hat ein gutes Herz, einen festen Händedruck und eine innere Uhr, die gelegentlich etwas nachgeht. Nicht fünf Minuten. Nicht eine Viertelstunde. Eher so siebzig Jahre.
Neulich erzählte ich ihm von RIEFUNKE. Von der Webseite, den Texten, den merkwürdigen Geschichten und davon, dass sich im Monat gerade einmal vier Besucher dorthin verirren.
Opa schwieg.
Er legte die Stirn in Falten, als hätte ich ihm gerade mitgeteilt, dass die Bundesrepublik ihre Souveränität an eine schlecht organisierte Wandergruppe verloren hätte.
„Vier Besucher?“, fragte er schließlich.
„Im Monat, Opa.“
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Das ist unseriös, Kindchen.“
Ich fragte ihn, was daran unseriös sei.
Da sah er mich an, mit diesem Blick, den Männer bekommen, wenn sie sich auf ein historisches Argument vorbereiten, das seit Jahrzehnten in ihnen gereift ist.
„Schon Adenauer hatte vierhundert Takte beim Ball in Bonn.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Vor allem wusste ich nicht, was Adenauer mit den Besucherzahlen einer Webseite zu tun hatte. Aber Opa war jetzt in Fahrt.
„Man muss die Leute schließlich bei der Stange halten. Ein bisschen Musik, ein ordentliches Parkett, ein paar Herren mit Schlips. Dann kommen die Menschen auch wieder.“
„Aber Opa, RIEFUNKE ist doch gar kein Ballsaal.“
„Das ist ja das Problem!“
Er sagte das so entschieden, dass ich beinahe selbst enttäuscht war, keinen Ballsaal eingerichtet zu haben.
Opa kennt das Internet nicht besonders gut. Er hält WLAN für eine Art unsichtbares Kabel und glaubt, die Cloud sei ein Ort, an dem früher die Wettervorhersage gemacht wurde. Wenn sein Computer nicht funktioniert, schaut er erst einmal aus dem Fenster. Schließlich müsse man wissen, ob es draußen überhaupt Empfang gebe.
Mit Suchmaschinen kann er wenig anfangen. Er bevorzugt persönliche Kontakte. Wenn er etwas wissen möchte, ruft er jemanden an, der jemanden kennt, dessen Schwager einmal im zuständigen Amt gearbeitet hat.
Das ist für ihn Recherche.
Und wenn die Auskunft nicht stimmt, war wenigstens das Gespräch nett.
Ich erklärte ihm, dass heute Millionen Menschen im Internet unterwegs seien und dass vier Besucher im Monat nicht gerade nach einem großen Publikum klängen.
Opa winkte ab.
„Millionen! Das ist doch keine Gesellschaft. Das ist eine Menschenmenge.“
Er nahm einen Schluck Kaffee.
„Bei vier Leuten weißt du wenigstens, wer sich danebenbenommen hat.“
Da musste ich ihm recht geben.
Vielleicht ist das überhaupt der Denkfehler unserer Zeit. Wir zählen alles. Klicks, Aufrufe, Reichweite, Verweildauer. Wir wissen, wie viele Menschen eine Seite besucht haben, aber nicht, ob einer davon gelächelt hat.
Opa hätte dafür eine andere Statistik.
Er würde fragen, ob die vier Besucher anständig angezogen waren. Ob sie sich im Gästebuch eingetragen haben. Ob sie wenigstens einen kleinen Imbiss bekommen haben. Und ob man ihnen beim Hinausgehen die Hand gegeben hat.
Wenn keiner gekommen wäre, hätte er vermutlich gesagt, das sei bedauerlich.
Bei vier Besuchern aber wäre er zufrieden.
„Das ist doch schon fast ein Stammtisch“, würde er sagen. „Da fehlt nur noch der fünfte Mann, und dann kann man Skat spielen.“
Ich mag meinen Opa.
Er ist zeitlich verschoben, aber menschlich erstaunlich gut eingestellt. Während die Welt immer schneller wird, bleibt er an einer Kreuzung stehen und wartet, bis die Vergangenheit grünes Licht gibt.
Manchmal verwechselt er Takte mit Besuchern, Staatsmänner mit Tanzlehrern und das Internet mit einem schlecht organisierten Verein.
Aber vielleicht versteht er etwas, das wir längst vergessen haben.
Nicht jeder, der kommt, muss bleiben. Nicht jeder, der bleibt, muss etwas kaufen. Und nicht jede Veranstaltung braucht eine ausverkaufte Halle.
Manchmal reichen vier Besucher.
Einer liest einen Text. Einer versteht ihn nicht. Einer ärgert sich. Und einer erzählt seinem Opa davon.
Das ist doch schon Publikum.
Als ich ihm das sagte, nickte er zufrieden.
„Siehst du, Kindchen. Es geht doch.“
Dann stand er auf, zog seine Jacke an und sagte, er müsse jetzt los.
„Wohin, Opa?“
„Nach Bonn.“
„Aber Opa, du warst noch nie in Bonn.“
Er sah mich an, als hätte ich gerade behauptet, Adenauer sei nie Bundeskanzler gewesen.
„Eben“, sagte er. „Irgendwann muss man ja anfangen.“
Und dann ging er.
Ich bin ziemlich sicher, dass er unterwegs noch vier Leute besucht hat.
Im Monat.