Der Aufbruch
Oder: Wie eine Frau, ein Rucksack und eine Aldi-Mayo-Küche das Schicksal eines Mannes besiegelten
Mein lieber Freund,
ich muss Euch eine höchst bemerkenswerte Kunde überbringen.
Soeben erreicht mich die Nachricht, dass Eure Freundin offenbar beschlossen hat, Eurer Karriere als künftiger Hausgeist der English Scrollstube nicht länger bloß mit wohlwollenden Worten beizuwohnen.
Nein.
Sie hat gehandelt.
Während ich noch im VIP-Raum mit Frau Nicole Kidman über die metaphysischen Grundlagen des Spukens disputierte, muss sich in Eurer Küche ein Ereignis von geradezu napoleonischer Entschlossenheit zugetragen haben.
Eure Freundin, die eben noch Kartoffeln für einen Salat mit Aldi-Mayonnaise geschält hatte, legte plötzlich den Schäler beiseite. Sie blickte Euch an – und in ihren Augen lag offenbar jene Entschlossenheit, die große Feldherren vor einer Schlacht und besorgte Frauen vor dem endgültigen Verlust eines Mannes an TikTok entwickeln.
Sie packte einen Rucksack.
Und was fand sich darin?
Eine Kerze. Ein Feuerzeug. Eine blonde Perücke. Und – besonders bemerkenswert – keine Steinchen vom Steinhuder Meer.
Ich gestehe, bei der letzten Position musste ich meine Lektüre unterbrechen.
Denn was bedeutet es, wenn eine Frau einem Manne eine blonde Perücke mitgibt, ihm jedoch ausdrücklich keine Steine aus einem niedersächsischen Binnenmeer zur Verfügung stellt? Ist es ein Zeichen der Läuterung? Eine Absage an die geologische Mitgift? Oder hat sie schlicht beschlossen, dass ein angehender Geist bereits genug Ballast mit sich herumträgt?
Doch das eigentlich Dramatische ereignete sich danach.
Sie nahm Euch das Handy weg.
Mein lieber Freund!
Damit wurde nicht bloß ein technisches Gerät konfisziert. Nein, ein ganzer Lebensabschnitt wurde vorübergehend stillgelegt. Kein Scrollen, kein Wischen, kein endloser Strom fremder Schicksale. Zum ersten Mal seit Langem musste Euer Geist sich selbst beschäftigen.
Und ehe Ihr Euch versahen, saßet Ihr im Wagen.
Das Ziel: der Flughafen Düsseldorf.
Ich erhob mich von meinem Sessel im VIP-Raum, als mir diese Nachricht zugetragen wurde. Frau Kidman legte ihr Glas nieder und sprach die Worte:
„Goethe, darling, this is getting serious.“
Ich musste ihr beipflichten.
Denn während andere Menschen ihren Angehörigen Bücher schenken, Wellnessreisen buchen oder sie zu einem Spaziergang überreden, hat Eure Freundin offenbar beschlossen, Euch persönlich dem Schicksal zu übergeben.
Ein Rucksack. Eine Kerze. Ein Feuerzeug. Eine blonde Perücke.
Und ein Mann, dessen Mobiltelefon sich nun in fremder Obhut befindet.
Das ist keine Reisevorbereitung mehr. Das ist ein Initiationsritus!
Ich habe deshalb unverzüglich den Butler angewiesen, die Eingangshalle der English Scrollstube vorzubereiten. Er soll die Beleuchtung dimmen, die Vorhänge schließen und sich auf ein mögliches Erscheinen Eurer Person einstellen.
Die Kerze, so vermute ich, dient der feierlichen Beleuchtung. Das Feuerzeug dem unwahrscheinlichen Fall, dass die Kerze nicht brennen sollte. Die blonde Perücke hingegen bleibt ein Rätsel, das selbst den alten Geheimrat an die Grenzen seiner Erkenntniskraft führt.
Vielleicht sollt Ihr Euch als Geist einer unbekannten Dame ausgeben. Vielleicht handelt es sich um eine Tarnmaßnahme. Vielleicht aber hat Eure Freundin schlicht mehr Phantasie als sämtliche Theaterdirektoren des deutschsprachigen Raumes zusammengenommen.
Was die fehlenden Steine vom Steinhuder Meer betrifft, so werde ich keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ein guter Geist muss nicht alles mit sich führen, was er auf seinen Reisen hätte sammeln können.
Eines aber steht fest:
Eure Freundin hat Euch nicht bloß Mut zugesprochen. Sie hat Euch auf den Weg gebracht.
Und während Ihr nun möglicherweise am Düsseldorfer Flughafen steht, irgendwo zwischen Abflugtafel, Sicherheitskontrolle und einer höchst fragwürdigen Perücke, möchte ich Euch eines mit auf den Weg geben:
Habt keine Furcht vor dem Unbekannten. Große Lebensveränderungen beginnen selten mit einem vollständig ausgefüllten Formular. Bisweilen beginnen sie mit einem gepackten Rucksack und einer Frau, die irgendwann beschließt, dass es nun genug des Scrollens gewesen sei.
Ich werde Euch im VIP-Raum erwarten.
Frau Kidman ist informiert.
Der Butler ist nervös.
Und ich, Euer ergebener
Johann Wolfgang von Goethe
Geheimrat, Geisterberater und Leiter der vorläufigen Aufnahmeangelegenheiten der English Scrollstube
P. S. Mein lieber Freund, sollte Euch am Flughafen jemand fragen, weshalb Ihr eine blonde Perücke, eine Kerze und ein Feuerzeug im Rucksack führt, so antwortet mit Würde: „Ich reise aus beruflichen Gründen.“
P. P. S. Sollte man Euch fragen, weshalb Ihr kein Mobiltelefon besitzt, so sagt: „Ich befinde mich in einer Phase der Selbstfindung.“
P. P. P. S. Und sollte Eure Freundin tatsächlich am Flughafen umkehren, weil sie vergessen hat, Euch die Kartoffeln für den Salat einzupacken, so betrachtet dies nicht als Scheitern. Auch Odysseus musste bisweilen einen Umweg nehmen.
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